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Rugenstein kontert Offenen Brief von Hüneke

Innerkirchliche Debatte um Garnisonkirche in Potsdam Rugenstein kontert Offenen Brief von Hüneke

In einem Offenen Brief hat sich Kunsthistorikerin Saskia Hüneke an Hildegard Rugenstein, eine Kritikerin des Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonkirche, gewandt. Nun antwortet die Pastorin der Französisch-Reformierten Gemeinde.

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Hildegard Rugenstein

Quelle: Kuhl

Potsdam. Die Pastorin der Französisch-Reformierten Gemeinde, Hildegard Rugenstein, hat den Offenen Brief von Kunsthistorikerin und Grünen-Lokalpolitikerin Saskia Hüneke gestern ihrerseits mit einem Offenen Brief beantwortet.

Die beiden Frauen, die im Umfeld der Evangelischen Kirche in der DDR aufgewachsen sind, liefern sich einen Schlagabtausch über den Wiederaufbau des Garnisonkirchturms. „Dem Projekt Garnisonkirche fehlt die Stimmigkeit. Es wird als unangemessen empfunden, wie man nach nicht ausreichenden Spenden für das umstrittene Projekt sich jetzt um öffentliche Gelder bemüht: Kirchengelder und staatliche Gelder“, schreibt die Pastorin. Alle Synodenentscheidungen sollten überdacht werden. „Es geht um sehr viel mehr als nur um den einen ,Tag von Potsdam’“, so Rugenstein weiter. Die Themen der Kritiker seien vielfältiger und größer.

„Wir sollten als Kirche kultursensibel und millieusensibel alles mitbedenken und nicht ganze Potsdamer Bevölkerungsgruppen, vor allem die vielen jungen Erwachsenen, die unsere Stadt mit gestalten, ignorieren“, fordert die Kirchenfrau, die in einer Ende September ausgestrahlten 3sat-Doku zur Garnisonkirche von „Rachearchitektur“ gesprochen hatte, was wiederum Wiederaufbaubefürworterin Saskia Hüneke zu einem Brief veranlasst hatte. Sie warf darin Rugenstein vor, zur Verschärfung des Konflikts um den Wiederaufbau beizutragen.

Aus Sicht der Pfarrerin sollte dem Wiederaufbau des Garnisonkirchturms keine Priorität eingeräumt werden. „Die Stadtgesellschaft hat andere Themen vorerst zu verhandeln“, meint sie. Die Sprengung der damals benutzten Kapelle und Ruine 1968 sei schmerzlich gewesen, man könne aber nicht allen Christen, die ihre Heimatkirche vermissen – etwa weil sie umgewidmet, entweiht, verkauft oder abgerissen wurde – Versprechungen machen, ihre Kirche wieder aufzubauen.

Der Brief von Hildegard Rugenstein im Wortlaut:

Liebe Saskia, es geht um Unangemessenheit, Unglaubwürdigkeit und auch um den unpassenden Zeitpunkt für ein überdimensionales, ungesichertes Projekt der Evangelischen Kirche.„Goldene Badewannen“ sind unangemessen für die Verkündigung des Evangeliums. Da sind wir uns auch mit unsern römisch-katholischen Geschwistern und anderen Christen einig. Vergoldete alte Symbole und eine gigantische Kopie sind unpassend als Zeichen der Versöhnung, schon gar nicht im Jubiläumsjahr der Reformation. Das erinnert eher an den Petersdom, der höchstumstrittenen „Symbolkirche“. Die Finanzierungsbemühungen durch Schulddebatten samt Ablasshandel führten u.a. zur Reformation. Gigantisch, zu teuer, theologisch höchst umstritten. Martin Luther sagte STOP! zu der Unangemessenheit seiner alten Kirche. Wir haben als Evangelische Kirche 2017 schon viel und teuer gefeiert, zu teuer, es gab Fehlkalkulationen. Die Glaubwürdigkeit der Kirche hat schon Schaden genommen.

Dem Projekt Garnisonkirche fehlt die Stimmigkeit. Es wird als unangemessen empfunden, wie man nach nicht ausreichenden Spenden für das umstrittene Projekt sich jetzt um öffentliche Gelder bemüht: Kirchengelder und staatliche Gelder. Unter unnötigem Zeitdruck wird, noch bevor alle Fragen geklärt sind, ein Baubeginn herbeigesehnt und herbeigeredet. Das macht misstrauisch. Nach dem im März 2017 veröffentlichten Sachbuch von Matthias Grünzig zur Geschichte der Garnisonkirche „Für Deutschtum und Vaterland“ sollten alle Synodenentscheidungen neu überdacht werden. Wir waren doch noch gar nicht umfassend informiert. Es geht um sehr viel mehr als nur um den einen „Tag von Potsdam“. Alle, die Geschichte erinnern und Verantwortung lernen wollen, müssen mit dem Buch sagen: Lesepause! Denkpause! Planungsstop! Lernpause! Die Themen der Kritiker werden vielfältiger und größer. Inzwischen redet die Stadtgesellschaft hörbar mit, die gesamte Stadtplanung gehört mit ins Boot. Viele der prominenten Unterstützer des Kirchenprojekts betreuen es als nicht in Potsdam Wohnende und thematisieren eine nationale Bedeutung des Ortes. Sie können die Stadtentwicklung nicht so verfolgen und einschätzen wie Du und ich. Wir sollten als Kirche kultursensibel und milieusensibel alles mitbedenken und nicht ganze Potsdamer Bevölkerungsgruppen, vor allem die vielen jungen Erwachsenen, die unsere Stadt mitgestalten, ignorieren. Ich wünsche mir eine themenoffen, einladende Kirche.

„Für alles gibt es eine Stunde, und Zeit gibt es für jedes Vorhaben unter dem Himmel“ Prediger Salomo 3,1 heisst es heute, am 9.10. in den evangelischen Herrenhuter Losungen. Du kennst doch auch den biblischen Begriff des „Kairos“, als einen besonders stimmigen Zeitpunkt für eine segensreiche Sache. Bei so viel Ungeklärtem und so viel Streit liegt kein Segen auf einem vorzeitigen Baubeginn für ein „Versöhnungszentrum“. Oft denke ich dabei auch an König David, der, nachdem er dankbar sein ‚Schloss‘ gebaut hatte, zu Gott sagte: jetzt möchte ich dir auch nocheinen passendes Haus bauen, einen schönen großen Tempel, den allerschönsten für Dich! Gott antwortete aber: Wer bist du denn, dass du meinst, du könntest mir ein Haus bauen? Und Gott, wie so oft ganz menschlich und weitherzig, lies ihn nicht allein in seinem demütigen Frust: Ja, ich sehe ein, Du hast es gut gemeint, dann soll dein Sohn mir einen Tempel bauen dürfen, vgl. 2. Samuel 7. Diese biblische Weisheit gibt allen jenen Weisen unserer Stadt Recht, die sagen: es ist jetzt nicht dran, vielleicht später einmal, aber jetzt nicht. Die Stadtgesellschaft hat andere Themen vorerst zu verhandeln.

Zurück zu 1968: die Sprengung der damals benutzten Kapelle und Ruine: Ja, das war schmerzlich. Lass uns im Gemeindehaus in der Kiezstraße Betroffene sammeln und überlegen, wie man ausser der damals gezahlten hohen Abfindung weiter den konkreten Schmerz begleiten und lindern kann. Einzelne werden bestimmt in Solidargemeinschaft mit Christen gehen, die heute aus anderen Gründen ihre Heimatkirche vermissen, weil sie umgewidmet, entweiht, verkauft oder abgerissen wurde oder demnächst wird. Ich weiß von Betroffenen, wie groß der Schmerz ist! Wir können aber nicht allen Christen, die ihre Heimatkirche vermissen, Versprechungen machen, ihre Kirche wieder aufzubauen, das ist völlig unmöglich. Hier wird der Schmerz Einzelner als Argumentation falsch benutzt. Ich glaube nicht, dass Betroffene sich an Walter Ulbricht „rächen“ wollen. Wenn aber von Nichtbetroffenen der angebliche Ausruf von Walter Ulbricht genannt wird und die zustimmenden Gespräche der Evangelischen Kirche 1968 verschwiegen werden, dann entsteht wieder so ein Geschmäckle, das misstrauisch macht und zu den Beschreibungen von Rachearchitektur und Vergeltungsarchitektur in den öffentlichen Diskussionen geführt hat. Ich möchte, dass unsere Kirche wieder glaubwürdiger wird! Darum rede ich mit.

Liebe Saskia, wir haben viel zu bereden und wollten es in Ruhe mündlich nach meinem Urlaub tun. Dein Brief ist zur Zeitung gegangen. So werden es nun viele lesen und mitdiskutieren. Möge unser Ringen als christliche Lebensqualität gut erkennbar werden. Lass uns auch auf den Lehrtext der Losungen von heute hören, denn wie so oft hilft Gottes Wort: Petrus, nachdem er eine Ahnung von Gottes herrlicher Gegenwart bekommen hatte, bekam eine Idee und sagte zu Jesus: „Meister, los,lass uns drei Hütten bauen.“ Lukas 9,33. Das würde dem belasteten, besonderen Ort, der Gottes Segen braucht und jetzt nicht leer bleiben darf, darin sind wir uns völlig einig, vorerst genügen.

Im Sinne einer geschwisterliche Lerngemeinschaft viele Grüße aus Wien

Hildegard

Von Marion Kaufmann

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