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Rundgang durch die halbe Welt

Potsdams Flüchtlingsheim auf dem Brauhausberg Rundgang durch die halbe Welt

Sie kommen aus dem Tschad, dem Iran, dem Irak, aus Tschetschenien, Syrien, Afghanistan und Pakistan: Fast 400 Menschen leben derzeit in der Gemeinschaftsunterkunft im früheren Landtag auf dem Brauhausberg und hoffen auf eine Bleibeperspektive. Die Arbeiterwohlfahrt und viele Ehrenamtler kümmern sich aufopferungsvoll um alle. Ein Rundgang

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Auf dem Spielplatz ist immer eine Menge los: Hier toben Flüchtlingskinder mit der Sozialpädagogin Chica Schmidt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Südliche Innenstadt. Über Gerüchte, der Brauhausberg sei fast leer gezogen, da wären nur noch eine Hand voll Geflüchteter untergebracht, kann Angela Basekow, Geschäftsführerin des Bezirksverbands der Arbeiterwohlfahrt (Awo) nur lachen und ein wenig gequält mit den Augen rollen. 470 Plätze bietet die Awo in der Gemeinschaftsunterkunft an, 340 sind derzeit belegt, davon 117 mit Kindern. „Wir hatten auch schon 400 Bewohner und waren fast an der Grenze – doch mehr als 50 Asylsuchende leben mittlerweile schon in einer eigenen Wohnung“, ergänzt Andreas Wilczek, Leiter der Unterkunft. Auf seiner Visitenkarte steht das leblose Wort „Teilbetriebsleiter“, de facto ist Wilczek aber der Vater des Hauses – mit viel Liebe, nötiger Strenge und vor allem unermüdlichem Engagement. Gleich zu Beginn erwähnt er etwa, dass er in den letzten neun Monaten fünf Mal Großvater wurde, und es ist tatsächlich ein wenig Opa-Stolz, der sich in einen Augen spiegelt. „Meine Familie wird immer größer, auch wenn einige Kinder schon außer Haus leben“, sagt er mit feinem Lächeln. Zwischen zwölf Tagen und 87 Jahren sind die derzeitigen Bewohner des einstigen Landtagsgebäudes alt. Sie kommen aus Afghanistan, dem Tschad, Kenia, Nigeria, Kamerun, Pakistan, dem Iran, dem Irak, aus Tschetschenien und aus Syrien.

Beim Rundgang durch die ehemaligen Tagungssäle und Büros auf die außerordentliche Ruhe angesprochen, räumt Wilczek ein, dass das keineswegs immer so sei. Natürlich entstünden unter so vielen geflüchteten Menschen auf einem Raum mit vielen Traumata und ganz verschiedenen Herkunftskulturen und Zukunftsperspektiven auch Konflikte, sagt er. Konflikte, die bislang ohne Gewalt gelöst werden konnten, von den Sozialarbeitern, aber auch von den fünf Wachschützern. „Unsere Wachschützer sind quasi Sozialarbeiter in Uniform“, sagt Wilczek, sie säßen in den Teambesprechungen genau so mit am Tisch wie sie in Konfliktfall deeskalierend vorgehen. „Trotzdem sind wir natürlich nicht vor Anfeindungen gefeit, wir haben ein sehr gutes Konzept und sehr gutes Personal, hatten aber bisher auch Glück, das muss man ehrlich sagen“, schiebt Angela Basekow ein. Schließlich befänden sich auch 66 alleinreisende Männer unter den Bewohnern, untergebracht in Zwei-Bett-Zimmern. Eine einfache Zuordnung von Konflikten zu Herkunftsländern, Alter oder Familienstatus sei nicht möglich, betonte Andreas Wilczek. So würden zwar Syrer wegen ihrer besseren Chancen, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, oft ein wenig beneidet, aber nicht angefeindet. Dennoch gab es Momente, wo der Unterkunftsleiter ganz froh war, einen schwarzen Gürtel in Karate zu besitzen. „Wenn zwei riesige Tschetschenen in Streit geraten, ist es gut, mit breiter Brust dazwischengehen zu können und den Streithähnen auch angstfrei auf die Pelle zu rücken“, sagt er. Das habe bislang genügt, sie zu befrieden.

Darüber hinaus setzt die Awo auf tagesstrukturierende Angebote – wo alle ausgelastet sind, entstehe weder Langeweile noch Konflikt. So laufen täglich von 9.30 bis 11.30 Deutschkurse, während die Kinder je nach Wetter auf dem Spielplatz im Innenhof (Basekow: „ein Glücksfall“) oder in der Caféteria bespaßt werden. Dreimal in der Woche finden Alphabetisierungskurse statt. Es gibt Sportgruppen, einen Frauenchor, einen Frauentreff, Musikkurse, Trommelkurse Akkordeonkurse, Malgruppen, Deutsch für Kids mit Puppen, eine Fahrradwerkstatt und vieles mehr.

Es fehlt an Kinderärzten in der Stadt

Sorgen bereitet der Awo derweil die drastische Unterversorgung mit Kinderärzten in der Stadt: Zwar hülfen Schul- und Kitaträger „grandios“ bei der Aufnahme der Flüchtlingskinder, dennoch seien zurzeit zwölf Kinder unversorgt, weil sich einfach kein Arzt finde, der die nötigen Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen durchführen könne. Ohne diese ist kein Kita- oder Schulbesuch möglich. „Das ist kein Unwillen der Ärzte“, sagt Angela Basekow, „das ist völlige Unterversorgung.“ Auch an Sprachmittlern besteht weiterhin großer Bedarf, es dürfe sich gern melden, wer Farsi, Urdu, Französisch, Arabisch, Kurdisch spreche.

Den Betreibern sitzt zudem die Zeit im Nacken. Im Dezember wird die Unterkunft ein Jahr alt, der Vertrag mit dem Eigner ist auf zwei Jahre geschlossen, mit Option auf ein drittes. Bis dahin brauche es Wohnungen für die Bewohner. Zudem rechnet die Awo mit einer zweiten Welle und mehr Auslastung, wenn der Familiennachzug beginnt. Dann sind vor allem größere Zimmer für sieben bis neun Personen vonnöten, also der Umbau der heute auf zwei bis vier Bewohner ausgelegten Räume.

„Eine Verlängerung des Mietvertrages ergibt nur Sinn, wenn in dieser Zeit auch mehr Wohnungen entstehen“, ist Angela Basekow überzeugt. Es ist ein Strampeln gegen die Zeit – für jeden Erfolg, den Andreas Wilczek und seine Mitarbeiter erzielen, kommt ein neues Problem hinzu. In Kooperation mit der Handwerkskammer konnten 15 Bewohner in sieben Berufen Praktika absolvieren – und bekamen dabei 8,50 Euro Mindestlohn ausgezahlt. Zudem bewirbt sich die Awo um ein Projekt des Landes, in dem Flüchtlinge zu Erziehern ausgebildet werden. Es soll noch in diesem Jahr beginnen. Man brauche Muttersprachler in den Kitas und bei den sogenannten Hilfen für Erziehung. Geld gibt es für 20 bis 25 Leute, die sich ab sofort bei der Awo melden können. Auf der anderen Seite ist diese Gemeinschaftsunterkunft keine Einrichtung, die an den Mauern des alten Landtags endet. „Wir sind Wohnungsmakler, Arbeitsvermittler, Betreuen auch nach dem Auszug, damit niemand in ein Loch fällt – alles Aufgabenfelder, für die es eigentlich fester Mitarbeiter bedürfte, nicht ehrenamtlich-nebenberuflichen Engagements“, so Wilczek. Knapp 50 Menschen arbeiten für die Unterkunft, zwölf hauptamtlich, bis zu 30 Ehrenamtler und sechs Praktikanten.

Landsleute bleiben zumeist unter sich

Bei Treffen wie dem „Fest der Kulturen“, zu dem mehr als 400 Gäste kamen, kämen sich auch die Bewohner näher, die sonst gern unter sich, das heißt unter ihren Landsleuten blieben, weiß Andreas Wilczek. Im Plenarsaal sitzen sie zusammen, Vertreter jeder Nation, um Probleme und Sorgen zu besprechen, wie in einem Parlament.

Der Leiter beendet seinen Rundgang in einer von zwei Gemeinschaftsküchen. „Das Geld für das Mobiliar hier hätten wir uns sparen können“, sagt er, erneut lächelnd. Das sind so Dinge, die niemand vorausahnte: Dass zwar alle an den zwei mal 20 Herden kochen, das Essen aber allein auf ihren Zimmern einnehmen – weil in der Öffentlichkeit essen in ihren Herkunftsländern fordert, den anderen einzuladen. Alkohol und andere Drogen sind übrigens im ganzen Haus zu jeder Zeit verboten. Als Konfliktschutz. Als Frauen- und Kinderschutz. Als Familienschutz. Und damit Andreas Wilczek seine Karatekenntnisse nicht praktisch anwenden muss.

Die Nach-Wende-Geschichte des Brauhausbergs

Weil dem Brandenburger Landtag, der sich in der heutigen Staatskanzlei am 26. Oktober 1990 gründete, im Mai fast die Decke auf den Kopf gefallen wäre, zogen die 88 Abgeordneten – zunächst übergangsweise – in den „Kreml“ auf dem Brauhausberg.

Manifestation einer Übergangslösung: Das Land kauft im Mai 1997 die stark sanierungsbedürftige Immobilie für zwölf Millionen Mark der Bundesrepublik ab.

Im Mai 2005 entscheidet der Landtag mit den Stimmen von SPD und CDU, einen Landtag auf dem Grundriss des früheren Stadtschlosses zu errichten.

Am 22. November 2013 tagt der Landtag das letzte Mal vor dem Umzug.

Von Jan Bosschaart

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