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Saskia Hüneke schreibt Offenen Brief an Pastorin

Debatte um Garnisonkirche Saskia Hüneke schreibt Offenen Brief an Pastorin

In der 3sat-Doku zum Wiederaufbau des Garnisonkirchturms hat Hildegard Rugenstein von der Französisch-Reformierten Gemeinde harsche Kritik geübt. Sie spricht unter anderem von „Rachearchitektur“. Kunsthistorikerin Saskia Hüneke reagiert nun mit einem Offenen Brief an die Pastorin.

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Saskia Hüneke (Grüne).

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Im innerkirchlichen Diskurs um den Wiederaufbau des Garnisonkirchturms hat die Kunsthistorikerin und Stadtverordnete Saskia Hüneke (Grüne) einen Offenen Brief an Hildegard Rugenstein von der Französisch-Reformierten Gemeinde geschrieben. Hüneke, die wie Rugenstein im Umfeld der Evangelischen Kirche in der DDR aufgewachsen ist, reagiert damit auf die Kritik der Pastorin am Wiederaufbau, die sie in einer 3sat-Dokumentation zur Garnisonkirche äußerte. „Dieses Argument, wir müssen zeigen, was da 1968 mit der Sprengung passiert ist, finde ich im Zusammenhang mit Versöhnung sehr fragwürdig. Das klingt nach Rachearchitektur, nach Vergeltungsarchitektur“, sagte die Kritikerin.

Pastorin Hildegard Rugenstein

Pastorin Hildegard Rugenstein.

Quelle: Christel Köster

Wenn sie Begriffe von „Rachearchitektur“ oder „Vergeltungsarchitektur“ in die Debatte bringe, fehle dem jegliche Grundlage, entgegnet Saskia Hüneke in ihrem Brief. „Als Pfarrerin bist Du eine Frau des Wortes und Du gehst bewusst damit um, das macht es umso schlimmer. Du trägst zur Verschärfung eines Konfliktes bei, den Du doch gleichzeitig beklagst. Das ist für mich nicht glaubwürdig“, schreibt die Lokalpolitikerin an Rugenstein. „Unerträglich“ finde sie, dass diese die Furcht vor dem Missbrauch zu schüren versuche. „Es sind ja gerade die Kritiker, die eine verabsolutierte Konnotation der Kirche als ,Nazikirche’ betreiben und dem damit erst den Boden bereiten.“

Hier der Offene Brief im Wortlaut:

„Liebe Hilga,

Deine Worte in der Sendung von 3sat veranlassen mich, Dir zu schreiben: Voranstellen möchte ich, dass ich Dich wenige Male aber doch sehr eindrücklich als Pfarrerin in der Französischen Kirche erlebt habe und Dir meine Bewunderung für Deine Arbeit dort aussprechen möchte. Das Folgende ändert nichts daran.

Wir sind beide im Umfeld der Evangelischen Kirche in der DDR aufgewachsen, doch zu dem Vorhaben Garnisonkirche als Ort der Versöhnung könnten unsere Positionen gegensätzlicher nicht sein.

Grundsätzlich hatte ich schon in einer Entgegnung auf den Aufruf der „Christinnen und Christen ohne Garnisonkirche“ gegen den implizierten Vorwurf, die Befürworter des Projektes würden einer Verharmlosung des Naziregimes das Wort reden, protestiert. Es gibt nicht den leisesten Anhalt für einen berechtigten Verdacht, im Gegenteil, die bewusste Aufnahme gerade dieser für die Evangelische Kirche in Deutschland insgesamt mit Schuld belasteten Vergangenheit in das Konzept, die Verbindung zu Coventry und die immer wieder auch gegenüber den Kritikern vorgetragene Einladung mitzuwirken, sprechen eine ganz andere Sprache. Gerade die Haltungen in der Evangelischen Kirche der DDR-Zeit, die mich und auch Dich – denke ich – geprägt haben, die den fairen, respektvollen Diskurs gelehrt und maßgeblichen Anteil am friedlichen Protest von 1989 haben, stehen hinter diesem Projekt. Menschen wie Wieland Eschenburg, Barbara Kuster, Andreas Kitschke, Monika Figuth oder auch ich würden sich nicht dafür einsetzen, wenn dem nicht so wäre. Die Kirche, die hier entsteht, ist keine Nazikirche!

Nun zu Deinen Argumenten vom Sonnabend: Du beklagst die schwierige finanzielle Zukunft der Evangelischen Kirche, kein Geld für den Bauunterhalt und zu wenig für die Kirchenarbeit: stimmt, ich sehe da besonders die prekäre Situation der Kirchenmusik, die für mich und sicher für sehr viele eine entscheidende Vermittlerin in Glaubensfragen ist. Neue Wege werden da schon lange begangen, die Chorarbeit z.B. wird durch Vereine gestützt, das ist nicht ideal, erreicht aber viele Menschen. Und wenn es auf längere Sicht vielleicht weniger Geld aus den Hierarchien der Kirche geben und mehr Beweglichkeit gefragt sein wird, wo bleibt da Deine Zuversicht, für die Deine Gemeindearbeit ja selbst ein gutes Beispiel ist? Bei den Kirchenkrediten übersiehst Du möglicherweise, dass sie zurückgezahlt werden, d.h. dem investiven Haushalt der Kirche nicht entgehen. Und wenn an einem weiteren Ort Kirchenarbeit gemacht wird und Menschen sich engagieren, warum soll das schlecht sein? Dürfen wir uns nur dort engagieren, wo eine Minderheit wie Deine es erlaubt? Denn dass es eine Minderheit ist, zeigen die Unterschriftenlisten und die Entscheidungen der Kirchensynoden auf Landes- und Kreisebene, die nach intensiven und dank der kritischen Positionen besonders wertvollen Debatten mehrheitlich getroffen wurden.

Unerträglich finde ich, dass auch Du die Furcht vor dem Missbrauch zu schüren versuchst. Es sind ja gerade die Kritiker, die eine verabsolutierte Konnotation der Kirche als „Nazikirche“ betreiben und dem damit erst den Boden bereiten. Das finde ich unverantwortlich. Mit dem Rechtsradikalismus haben wir in der Gesellschaft ein deutschlandweites Problem, wie die Wahl gerade gezeigt hat. Furcht haben müssen wir also davor, dass er zunehmen könnte, dann bestünde die Gefahr des Missbrauchs an vielen Orten. Das darf und wird nicht geschehen, ich vertraue auf die Kraft unserer vielfältigen Gesellschaft. Die Nutzung des Turmes wird - unter anderem - mit seiner Aufklärung über die Geschichte genauso ein Baustein dieser Kraft sein wie die Gegendemos, auf denen wir uns gelegentlich sehen.

Wie begründest Du Deinen Satz, die Kirche wäre „äußerlich eine Solidarisierung mit den Tätern und nicht mit den Opfern“? Das klingt ja so, als sei sie mit lauter Hakenkreuzen bestückt gewesen, ist sie aber nicht. Die historischen Dekorationen der Kirche, die Teil des neuen Konzeptes sind, sind genauso komplex wie Geschichte überhaupt, mit Deiner engen Fokussierung kannst Du beidem nicht gerecht werden.

Natürlich gehört neben dem Händedruck auch die Sprengung der Kirche zur historischen Wahrheit des 20. Jahrhunderts, warum soll man das nun nicht zeigen? Versöhnung kann man nur mit Wahrheit versuchen, das ist nun mal so. Tatsächlich hat die Sprengung Schmerz ausgelöst und es besteht das schlichte Bedürfnis, diese Lücke wieder zu füllen. Aber wenn Du die Begriffe von „Rachearchitektur“ oder „Vergeltungsarchitektur“ in die Debatte bringst, fehlt dem jegliche Grundlage. Als Pfarrerin bist Du eine Frau des Wortes und Du gehst bewusst damit um, das macht es umso schlimmer. Du trägst zur Verschärfung eines Konfliktes bei, den Du doch gleichzeitig beklagst. Das ist für mich nicht glaubwürdig.

Es ist ja vollkommen normal, unterschiedlicher Meinung zu sein, ich verstehe auch, wenn jemand sagt, er oder sie brauche dieses Projekt nicht. Was ich aber nicht verstehe ist, wenn man aus der Kirche heraus andere Aktivitäten in der Kirche, vor allem, wenn sie denn durch die Vertretungen aus den Gemeinden heraus gestützt werden, immer weiter diffamiert und aktiv zu verhindern sucht. Ich kann mir das für Dich nur mit der verständlichen Angst vor einer Renaissance unsäglicher Ideologien erklären, das bringt uns wieder zusammen. Aber sie ist hier nicht berechtigt und ich wünschte, ein anderer Dialog im Inhalt und in der Sprache wäre möglich.

Liebe Grüße! Saskia

Von Marion Kaufmann

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