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Potsdam Schießerei im KGB-Städtchen
Lokales Potsdam Schießerei im KGB-Städtchen
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18:18 08.06.2018
Ein Offizier der GUS-Truppen wartet im Sommer 1994 in den Grauen Kasernen auf die Abreise. Quelle: Joachim Liebe
Potsdam

Die Stadt hatte viele geheime Orte, die sich auch nach dem Mauerfall nur allmählich öffneten. Hannes Wittenberg (51) erzählt, wie es ihn als Mitarbeiter des Potsdam-Museums wurmte, dass sie die Öffnung des Todesstreifens am Jungfernsee verpasst hatten.

Nur dem Künstler Peter Rohn war es gelungen, dort unmittelbar nach dem Abzug der Grenztruppen zu fotografieren. Dann wurden die Anlagen sehr schnell demontiert. Denselben Fehler wollten sie beim Abzug der letzten russischen Truppen nicht wiederholen.

Mit seinem Kollegen Peter Herrmann (1965-2009) lugte er an einem Tag im Juli 1994 auf einer Leiter über die Mauer auf Höhe der Glumestraße hinein ins Sperrgebiet am Neuen Garten. „Wir wollten wissen, was da vor sich ging.“ Doch da war nichts: „Nur ein Lkw fuhr vorbei.“ Und aus dem Pfarrhaus der Pfingstgemeinde gleich nebenan habe sie jemand gewarnt: „Seien sie bloß vorsichtig, die schießen.“

Am Abend kamen die Museumsleute wieder. Sie schlichen den Pfingstberg hinunter zur Mauer. „Und dahinter war es hell erleuchtet.“ Doch wieder: keine Menschen.

Ein Ort mit einer merkwürdigen Aura

Über das Militärstädtchen zwischen Großer Weinmeisterstraße und Am Neuen Garten war in der Stadt nur wenig bekannt: „Ein Ort mit einer ganz merkwürdigen Aura“, erinnert sich Wittenberg. Gerüchteweise wusste man, dass dort russische Geheimdienste arbeiteten. Erste Überlebende berichteten von einem Gefängnis in der Leistikowstraße.

Drei Leute, zwei davon in Uniform, liefen plötzlich über den Platz und verschwanden wieder: „Und dann peitschten Schüsse, ungelogen. Eine Leuchtrakete ging in die Luft. Es war gruselig. Wir sind erstarrt, versuchten uns zu verstecken und schlichen dann auf ganz leisen Sohlen davon.“

Hannes Wittenberg in der ständigen Ausstellung des Potsdam-Museums zur Stadtgeschichte. Quelle: Volker Oelschläger

Am 14. August wurde das Viertel offiziell an das Bundesvermögensamt übergeben, es blieb aber noch bis zum April 1995 für die Öffentlichkeit gesperrt. Die Museumsleute durften erstmals am 15. August aufs Gelände. Eine Entdeckung: Unmittelbar hinter der Mauer war ein Schießstand. Die Leuchtmunition sei an dem Abend im Juli „vielleicht aus einer Laune heraus“ abgefeuert worden.

Die Geschichte des „Militärstädtchens Nr. 7“ am Neuen Garten sollte erst im Laufe der Jahre erforscht werden. Das einstige Pfarrhaus des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins in der Leistikowstraße war seit August 1945 das Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Spionageabwehr. 1985 verlegte man es nach Recherchen Wittenbergs in die Jägerallee, die Leistikowstraße 1 war nun Lager für eine Raketentechnische Einheit. Neben anderen Truppenteilen war in dem Städtchen ein Wachbataillon des Geheimdienstes KGB stationiert.

Der Stadtkommandant reiste mit eigenem Lkw ab

Erste Truppen der einstigen Sowjetarmee hatten Potsdam und das Umland bereits 1991 verlassen. Krampnitz wurde damals geräumt und Teile des Bornstedter Feldes. Das Gros aber ging 1994. Wittenberg zählt einige der bekannteren Liegenschaften auf: die Roten und die Grauen Kasernen, die Garde-Ulanen-Kaserne in der Jägerallee mit dem Sitz des Stadtkommandanten und der Militärstaatsanwaltschaft, Teile der Schiffbauergasse.

Auch die Militärdruckerei in der Zeppelinstraße 12 und der Radiosender „Wolga“ in der Menzelstraße gingen 1994. Der Stadtkommandant verließ Potsdam am 4. September mit einem eigenen Lkw.

Wie viele Sowjetsoldaten in Potsdam stationiert waren, sei kaum zu recherchieren, sagt Wittenberg. Er rechnet einschließlich Krampnitz mit durchschnittlich 15 000 Menschen.

Zum 25. Jahrestag des Abzugs bereitet das Potsdam-Museum für 2019 eine SonderausstellungPotsdam unter dem Roten Stern“ vor. Hannes Wittenberg, der dieses Projekt betreut, will auch Fundstücke aus dem KGB-Städtchen zeigen.

Ihre Meinung zählt: www.MAZ-online.de/1025

MAZ-Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“

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Zur Einstimmung laden wir unsere Leser in einer Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“ zu einer Zeitreise ein. Jedem Jahr soll beginnend mit dem Jubiläum der Rückblick auf eine Episode, ein Ereignis gewidmet sein, das in besonderer Weise prägend war oder das eine ganz eigene Perspektive auf die jüngste Stadtgeschichte öffnet.

Als erstes erschien
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Von Volker Oelschläger

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