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Schlaatz: „Nicht gerade Potsdams Highlight“

Zu Hause im... Schlaatz Schlaatz: „Nicht gerade Potsdams Highlight“

Sie beschreiben ihren Kiez als ungepflegt, laut, unsicher und loben im selben Atemzug das viele Grün, die gute Verkehrsanbindung und die vielfältige soziale Infrastruktur. Die Bewohner des 80er-Jahre-Plattenbaugebietes Am Schlaatz hegen zwiespältige Gefühle für ihre Nachbarschaft. Ein Besuch vor Ort.

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Der Schlaatz aus der Vogelperspektive mit dem Bürgerhaus (links oben) und der Welle.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Am Schlaatz. Ein Jahr ist es her, dass hier am Bürgerhaus ein Meer von Kerzen brannte. Ein warmes Flackern, das sich milde auf tränennasse Gesichter legte. Elias wird in sein Zuhause am Inselhof nicht zurückkehren – die Nachricht hatte den Schlaatz erschüttert. Nach 114 Tagen des Hoffens und Bangens war die größte Angst all jener, die den Jungen seit dem 8. Juli gesucht hatten, zur schrecklichen Gewissheit geworden: Elias wurde entführt, missbraucht, ermordet und verscharrt. Er wurde sechs Jahre alt. Sein Mörder sitzt hinter Gittern.

Ein Jahr ist es her, dass sie hier im Kerzenschein zusammen standen, geeint in ihrer Fassungslosigkeit. Auch heute brennen Kerzen. Eine auf jedem Tisch im Kiezcafé im Bürgerhaus. Tassen klappern, Kinder flitzen juchzend durch den Raum. Jeden Mittwoch von 15 bis 18 Uhr sind Jung und Alt, Bedürftige und Nicht-Bedürftige eingeladen. Für 50 Cent gibt es einen Pott Kaffee, für einen Euro ein Stück Torte. Gesellschaft gibt’s gratis. Die Zeit verfliegt bei Brettspielen, Basteleien und Gesprächen. Hinten im Eck ist dieses Mal eine kleine Tauschbörse aufgebaut. Ein paar Sammeltassen, eine Handtasche, Bücher, Spiele, Topflappen, Pullover: Sachen, die der eine nicht mehr braucht, dem anderen aber vielleicht noch Freude bereiten. Das Motto wechselt von Woche zu Woche. Demnächst gibt’s eine Tea-Time (2. November), eine Aus-alt-mach-neu-Werkstatt (9. November), ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spezial (16. November) und ein Adventsbasteln (23. November).

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Auf der einen Seite ungepflegt, laut, unsicher, auf der anderen grün, sozial und gut angebunden: Die Bewohner des 80er-Jahre-Plattenbaugebiets Am Schlaatz hegen zwiespältige Gefühle für ihren Kiez. Ein Rundgang in Bildern

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„Ein Besuch im Kiezcafé ist so, als würde man zum Nachbarn gehen“, sagt Simone Rumler (50). Sie steht hinterm Tresen und schenkt Kaffee nach. „Die Leute sollen mal raus aus ihren Wohnungen. Und wer Sorgen hat, ist bei uns sowieso richtig. Wir sind gut vernetzt. Wo der Schuh auch drückt, wir wissen, wer weiterhelfen kann.“

Und auf Hilfe sind viele Bewohner des Schlaatzes angewiesen. Nirgendwo in Potsdam ist der Anteil der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger größer, nirgendwo der Ausländeranteil. „Der Schlaatz hat Probleme“, sagt Katrin Feldmann vom Sanierungsträger Stadtkontor. „Das muss man nicht schönreden.“ Im Schlaatz gebe es viele Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. „Aber auch hinter anderen Fassaden ist nicht alles perfekt“, sagt Katrin Feldmann. Der Schlaatz sei „etwas ganz wichtiges in der Stadt“, denn in dem 80er-Jahre-Plattenbaugebiet ist das Wohnen noch erschwinglich. „Der Schlaatz ist ein Ventil. Was ist mit den Menschen, die – egal, aus welchen Gründen – nicht in der Lage sind, höhere Mieten zu zahlen?“ Die Wohnungen sind nicht nur saniert und günstig, viele sind auch klein. Das bewirkt allerdings auch eine sehr hohe Fluktuation, was viele Bewohner, vor allem die alteingesessenen, beklagen. Das zeigt die Umfrage, die die MAZ im Schlaatz durchgeführt hat. Dabei zählten die Teilnehmer vor allem die Defizite des Wohngebiets auf: Sie berichten von „illegalen Müllkippen“, von Dreck und Hundekot, von vernachlässigten Grünanlagen und Schmierereien an den Hauswänden. Auffällig viele beklagen „Saufgelage vor der Kaufhalle“, man ärgert sich darüber, dass es keine Post gibt und kleinere Geschäfte wie eine Drogerie und ein Zeitungsladen fehlen. „Das Umfeld ist schlimm“, bringt es einer der Befragten auf den Punkt.

Simone Rumler (50) ist eine der guten Seelen im Kiezcafé schenkt im Bürgerhaus

Simone Rumler (50) ist eine der guten Seelen im Kiezcafé schenkt im Bürgerhaus.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Das sehen auch die Besucher des Kiezcafés so. „Der Schlaatz ist nicht gerade das Highlight von Potsdam – und trotzdem wohne ich gern hier“, sagt eine Frau, möchte ihren Namen aber lieber nicht nennen. Ihre Bekannte schüttelt den Kopf. Elf Jahre habe sie im Schlaatz gelebt und sei froh, weg zu sein. „Bei der Stadt für eine Nacht“, erzählt sie, „gab’s eine große Karte. Die Leute sollten Punkte auf die Karte kleben, um zu zeigen, wo sie es schön finden. Raten Sie mal, wie viele Punkte auf dem Schlaatz geklebt haben. Kein einziger.“

Dabei gibt es im Kiezcafé auch immer wieder Lob für den Stadtteil: die Verkehrsanbindung sei hervorragend, selbst für Radfahrer. Es sei schön grün und die Nuthe lade zum Spazierengehen ein. Positiv sieht man auch die vielfältige soziale Infrastruktur mit Bürger- und Friedrich-Reinsch-Haus, Familienzentrum, Kinderklub, Kitas und Schulen. Und immer wieder kommt das Gespräch auf den überwältigenden Zusammenhalt bei der Suche nach Elias – ein Zusammenhalt, den viele im Alltag vermissen.

Ein Meer von Kerzen brannte vor einem Jahr vor dem Bürgerhaus am Schlaatz für den ermordeten Elias

Ein Meer von Kerzen brannte vor einem Jahr vor dem Bürgerhaus am Schlaatz für den ermordeten Elias.

Quelle: Julian Stähle

„Schreiben Sie, wie der Schlaatz zusammengehalten hat“ – darum bittet fast jeder im Kiezcafé. Auch Rainer Fiedler, 51 Jahre alt und dreizehnfacher Vater, wie er sagt. Er hat im Sommer 2015, diesem Sommer im Ausnahmezustand, Freunde gefunden. „Wir haben mitgesucht und sind bis heute eine große Truppe mit Kindern zwischen vier Monaten und 16 Jahren“, berichtet Rainer Fiedler. „Jeden Tag treffen wir uns auf dem Spielplatz und machen regelmäßig Ausflüge. Wir genießen die Zeit mit unseren Kindern jetzt ganz anders.“ – Das zumindest ist einigen geblieben.

Der Schlaatz in Zahlen

9252 Einwohner zählt das Wohngebiet Am Schlaatz (Stand 2015). Darunter sind 1459 Ausländer.

Das Durchschnittsalter liegt bei 39,0 Jahren.

Der Kinderanteil liegt mit 11,7 Prozent in etwa im Potsdamer Durchschnitt von 11,9 Prozent. Es gibt sieben Kindertagesstätten, zwei Grundschulen, eine weiterführende Schule, eine freie Schule und elf Spielplätze.

Die Wohnfläche je Einwohner liegt bei 33,8 Quadratmeter. Es gibt 5913 Haushalte. Davon sind 3755 Singlehaushalte, 1334 Zwei-Personen-Haushalte, 547 Drei-Personen-Haushalte und 277 Haushalte mit vier und mehr Personen.

Politik: Die Wahlbeteiligung bei der Kommunalwahl 2014 lag bei 23,9 Prozent. Stärkste Kraft wurde die Linke mit 36,4 Prozent, gefolgt von der SPD mit 28,6 Prozent. Die CDU/ANW brachte es auf 8,2 Prozent, die Grünen und auch die AfD schafften 6,6 Prozent, die Andere fuhr 5,6 Prozente ein. Bei der Oberbürgermeisterwahl 2010 betrug die Wahlbeteiligung 23,5 Prozent. die meisten Wähler – 53,2 Prozent – stimmten dabei für Hans-Jürgen Scharfenberg (Linke), 46,8 Prozent für den heutigen Stadtchef Jann Jakobs (SPD).

Von Nadine Fabian

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