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Schlachtfeld am Heiligen See

Müllproblem in Potsdam Schlachtfeld am Heiligen See

Es ist die beliebteste Badestelle Potsdams: das Nordufer des Heiligen Sees. Im Sommer kommen täglich bis zu 4000 Badegäste und Sonnenanbeter dorthin. Doch nicht alle wissen das Weltkulturerbe zu schätzen, denn sie hinterlassen Berge von Müll. Für die Schlösserstiftung ist das ein teurer „Spaß“.

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Göran Gnaudschun auf der Straße

Torsten Gundermann mit Müllsack und Greifzange auf der Liegewiese.
 

Quelle: Christel Köster

Nauener Vorstadt.  Sommermorgen am Heiligen See. Rosa haucht in das bläuliche Grau des Himmels über dem Marmorpalais. Die Bäume rauschen – und der Verkehr der erwachenden Stadt. Dazu das Plätschern eines Schwimmers, der in der Spur eines Stockentenpärchens seine Bahn zieht. Die große Liegewiese in der Pfaueninselsicht ist menschenleer um diese Zeit.

Mehr Badegäste als in den Strandbädern

Später am Tag herrscht hier Hochbetrieb: Das Nordufer des Heiligen Sees ist trotz der winzigen Einstiegsmöglichkeiten die beliebteste Badestelle der Stadt. Wenn es heiß ist, kommen nach Schätzung der Schlösserstiftung bis zu 4000 Besucher täglich; das sind mehr als im Waldbad Templin und doppelt so viele wie im Stadtbad Babelsberg, den beiden städtischen Strandbädern.

Kippen, Plastiktüten, Taschentücher

Noch aber ist es still. Neben dem Weg ein Schild: „Badestelle. Baden auf eigene Gefahr.“ Darunter in kleinerer Schrift: „Bitte hinterlassen Sie keinen Abfall – vielen Dank.“ An das Schild hat jemand eine Kindermütze gehängt. Eine Amsel hüpft über den erschöpften Rasen, vorbei an den Hinterlassenschaften des vergangenen Tages, an Papiertaschentüchern, Plastiktüten, Keksverpackungen, Bananenschalen, vorbei an Zigarettenkippen und an hässlichen schwarzen Brandnarben vom Grill.

Das sagen Facebook-Nutzer dazu:

Müllsammler kommen früh am Morgen

Lautlos zieht ein Flugzeug nach Süden, die ferne Maschine und ihr kurzer Kondensschweif gleißen orange. Türen schlagen. Ein VW-Bus und ein Transporter mit Hänger halten auf dem Weg am See. Drei Männer mit Greifzangen und Müllbeuteln schwärmen aus. Es ist kurz vor sechs. Torsten Gundermann (52), der Chef der Putztruppe, sagt zur Begrüßung: „Da, die Sonne.“ Glühend erscheint sie eben zwischen den Bäumen am Ufer des Jungfernsees.

Papierkörbe und Verkehrsschilder im See

Seit 1990 arbeitet Gundermann mit seinen Leuten im Auftrag der Stiftung. Vom 1. Mai bis zum 1. September kommen sie je nach Bedarf zwei oder drei Mal die Woche mit drei oder fünf Mann und räumen auf. Das Müllproblem gibt es in diesem Teil des Neuen Gartens in der warmen Saison permanent. Jeder Einsatz kann absonderliche Überraschungen bergen: „Wir hatten schon Papierkörbe und Verkehrsschilder im Wasser.“

Zehn Kubikmeter Unrat pro Woche

Pro Woche holen sie aus den 20 Papierkörben und von den Wiesen zwischen Hasengraben und Grünem Haus zehn Kubikmeter Unrat. Der Rekord mit 76 großen Müllbeuteln wurde an einem Morgen im vergangenen Jahr aufgestellt. Sieben bis acht große Säcke seien pro Einsatz normal. Gartenmöbel und Hollywoodschaukeln zählten zu den sperrigen Funden. Flaschen und Getränkebüchsen hingegen seien seit der Einführung des Dosenpfandes kaum noch dabei. Gundermann nimmt an, dass die Wiesen vor seinem Einsatz schon von anderen auf der Suche nach Verwertbarem abgegangen werden.

Grillparty im Welterbe

„Hier war gestern Party“, stellt Gundermann fest, als er sich mit der Greifzange auf einem besonders dicht vermüllten Abschnitt an die Arbeit macht. Zwischen Alufolie, Plastik und Papier liegen eine umgestoßene Sektflasche und rote Luftballons, manche aufgeblasen, einige zerplatzt. Gleich nebenan eine stattliche Eiche. Lachend erzählt der Landschaftspfleger, wie sie vor einigen Jahren wegen des Eichenprozessionsspinners mit grauen Papieranzügen und Masken dazu über die Wiese marschierten: „Da sahen wir aus wie die Marsmenschen.“

Geheimtipp Baden im Heiligen See

Das wilde Baden am Heiligen See ist legendär. Über Jahre wurde nach dem Mauerfall die kleine FKK-Badestelle skandalisiert, die Touristen auf dem Weg zum Marmorpalais und zum Schloss Cecilienhof störte. Daneben gibt es Richtung Hasengraben ein Textilabteil mit großer Liegewiese.

Andererseits wurde der Heilige See in Berlin zum Geheimtipp – mit verheerenden Folgen. Wildes Baden zwischen Grünem Haus im Norden und Treffpunkt Freizeit im Süden sorgte dafür, dass die Uferkante permanent abgetreten wurde und in vielen Bereichen um bis zu fünf Meter zurückging.

Die Schlösserstiftung versuchte gegenzusteuern, indem sie mit Bepflanzung, Beschilderung und Ordnungskräften gegen das Baden am Westufer vorging, während der Badebetrieb im Norden geduldet wird. Seit Juli 2014 ist die Badestelle im Norden mit zwei Schildern „Baden auf eigene Gefahr“ gekennzeichnet.

Nach Besucherzahlen ist der Heilige See die beliebteste Badestelle in Potsdam. An warmen Tagen kommen nach Schätzung der Stiftung bis zu 4000 Gäste dorthin. Zur Attraktivität trägt neben der prachtvollen Kulisse auch der kostenlose Eintritt bei.

Zum Vergleich: Der Besucherrekord dieses Jahres im städtischen Waldbad Templin war am 4./5. Juli mit insgesamt 7500 Gästen und im Stadtbad Babelsberg mit 4400 Gästen. Der Besuchertagesrekord für Babelsberg wurde am 4. Juli mit 2224 Gästen aufgestellt.

Bis Ende Juli kamen in diesem Jahr nach Mitteilung der Stadtwerke 29 000 Gäste ins Waldbad und 21 000 Gäste ins Stadtbad. Bestern Strandbadsommer war seit Übernahme durch die Stadtwerke das Jahr 2013, als 67 000 Gäste ins Waldbad Templin und 28 000 Gäste ins Stadtbad Babelsberg kamen.

Bootsfahrer machen Müll

Über die Jahre konnte Gundermann beobachten, dass nicht nur Badegäste, Sonnenanbeter und Partygesellschaften ihren Beitrag zur Vermüllung leisten. Er zeigt zum Jungfernsee: „Es gibt Bootsfahrer, die halten am Ufer an und hauen ihren Müll in die Papierkörbe, die da vorne stehen.“ Er habe das selbst oft genug gesehen.

Müllentsorgung kostet 21.000 Euro pro Jahr

69 000 Euro zahlt die Schlösserstiftung pro Jahr für die Pflege der Badestelle und der Liegewiesen am Heiligen See, sagt Stiftungssprecher Frank Kallensee. Die Müllentsorgung sei mit 21 000 Euro der größte Posten, Wiesen- und Toilettenreinigung schlügen mit jeweils 18 000 Euro zu Buche.

Eine Stunde sind Gundermann und seine Leute pro Einsatz vor Ort. Er liebt die Sonnenaufgänge.

Von Volker Oelschläger

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