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Potsdam Schlafentzug ist eine Foltermethode
Lokales Potsdam Schlafentzug ist eine Foltermethode
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17:03 19.03.2017
Thomas Erler mit einem Diagnosegerät aus dem Schlaflabor. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Thomas Erler (57) ist Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik am Ernst-von-Bergmann-Klinikum. Als Schlafmediziner hat er es auch mit Erwachsenen zu tun.

Professor Erler, wie haben Sie heute Nacht geschlafen?

Sehr gut, vielen Dank.

Da gehören Sie einer Minderheit an. Laut aktuellem DAK-Gesundheitsreport finden erschreckend viele Deutsche keinen Schlaf. 80 Prozent der Berufstätigen haben Schlafprobleme – das sind 34 Millionen Menschen...

An den 80 Prozent hab ich Zweifel. Bei Schlafstörungen ist genau zu unterscheiden zwischen einer Insomnie – also einer Störung, die Krankheitswert hat und behandlungsbedürftig ist –, und vorübergehenden Beeinträchtigungen, die jeden von uns immer mal wieder treffen, etwa bei Stress, bei Problemen in der Familie oder aber bei einer banalen Infektion. Allerdings empfinden wir schon eine einzige Nacht, die man nicht schlafen kann, als unangenehm und belastend. Viele Menschen greifen dann zu Hilfsmitteln, um runterzukommen, wie es so schön heißt: ein Bierchen vorm Zubettgehen, ein Glas Wein, Fernsehen, exzessiver Sport... Das alles bewirkt aber das Gegenteil – man schläft zwar relativ schnell ein, erfährt aber keine Erholung.

Wieso ist ein guter Schlaf so wichtig?

Schlaf und Gesundheit hängen zusammen. Der Körper braucht Phasen, in denen er sich regenerieren kann. Im Schlaf fahren wir unsere Körperfunktionen herunter: Körpertemperatur, Blutdruck, Atem- und Herzfrequenz sinken – wir begeben uns in einen Erholungszustand. Wenn der fehlt, entwickeln sich Krankheitszeichen, die bei einer Gereiztheit beginnen und zu einer Depression und organischen Schäden führen können. Sehr oft erhöht sich etwa der Blutdruck – Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko steigen. Kurzum: Schlafstörungen führen zu ernsthaften Krankheitszuständen. Nicht umsonst ist Schlafentzug eine Foltermethode: Man kann Menschen krank machen, wenn man ihnen den Schlaf nimmt.

Das sind schlechte Nachrichten für Schichtarbeiter...

Bei Schichtarbeitern verändert sich die innere Uhr, die wir alle haben und so tickt, dass wir bei Helligkeit etwa 18 Stunden aktiv sind und bei Dunkelheit etwa 7 Stunden inaktiv. Wer Schicht arbeitet und so seine innere Uhr verstellt, braucht sieben Tage, um wieder im Tritt zu sein. Das müssten Arbeitgeber berücksichtigen und ihren Angestellten nach einer Nachtschicht-Woche sieben Tage frei geben. Heute wissen wir, dass der Supergau von Tschernobyl durch Schlafmangel ausgelöst wurde. Die Katastrophen lassen sich aneinanderreihen.

Wann hab ich wirklich ein Problem?

Wenn Sie mindestens vier Nächte pro Woche innerhalb von vier bis sechs Wochen nicht gut schlafen, sollten Sie etwas unternehmen.

Und wo bekomme ich dann Hilfe?

Mit Schlafstörungen beschäftigt sich jeder Hausarzt und das Gros der schlafgestörten Patienten wird dort auch adäquat behandelt. Es wäre übertrieben zu sagen, dass jeder Schlafgestörte ins Schlaflabor muss.

Und doch haben Sie gut zu tun?

Wir haben hier am Klinikum ein Schaflabor mit zehn Plätzen, von denen zwei für Kinder reserviert sind. Wir sind übers Jahr gesehen zu 80 Prozent ausgelastet.

Tipps für eine gute und erholsame Nacht

Die DAK hat in dieser Woche ihren Gesundheitsreport 2017 vorgelegt. Demnach ist ein deutlicher Anstieg schwerer Schlafstörungen zu verzeichnen. 80 Prozent der 5200 befragten Erwachsenen zwischen 18 und 65 Jahren gaben an, dass sie häufig Probleme mit dem Ein- oder Durchschlafen haben. Unter den Berufstätigen zwischen 35 und 65 Jahren ist die Zahl der Betroffenen seit der Befragung im Jahr 2010 um 66 Prozent gestiegen. Jeder zehnte Arbeitnehmer leidet unter besonders schweren Schlafstörungen – das sind 60 Prozent mehr als 2010. Im Vergleich zu 2010 nehmen nun fast doppelt so viele Berufstätige Schlafmedikamente.

Schlaf ist ein Schlüssel zur Gesundheit, meint Professor Thomas Erler vom Potsdamer Klinikum. Für eine gute Nacht empfiehlt er, den Tag ruhig ausklingen zu lassen – statt einer Joggingrunde besser einen Spaziergang einzulegen, ein Buch zu lesen statt Fernsehen oder aufs Handy und Smartphone zu schauen, ein warmes Bad zu nehmen.

Das Schlafzimmer sollte laut Erler eine Stätte der Erholung und des Wohlgefühls sein. Man sollte allerdings erst dann ins Bett gehen, wenn man müde ist und nicht weil die Uhrzeit es angibt und man sich mit dem Gedanken quält, nicht schlafen zu können. Das Schlafzimmer sollte dunkel, ruhig, gut belüftet und bei rund 18 Grad Celsius temperiert sein. nf

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Wer sind Ihre Patienten?

Der Mammutanteil hat schlafbezogene Atmungsstörungen – da geht’s nicht nur ums Schnarchen. Wir behandeln viele Menschen, vor allem Männer, mit einer obstruktiven Schlafapnoe – bei denen es also zu Atemaussetzern kommt. Ein wichtiges Thema ist auch der plötzliche Säuglingstod: Wir behandeln Kinder mit erhöhtem Risiko. Außerdem kümmern wir uns um Patienten mit Parasomnie – also um Menschen, die im Schlaf Auffälligkeiten zeigen: vom Zähneknirschen übers Einnässen bis hin zum Schlafwandeln. Es gibt zudem Krankheiten, die sich vorwiegend in der Nacht manifestieren. Für all diese Menschen und ihre Probleme ist das Schlaflabor wichtig. Wir dürfen nicht vergessen: Ungefähr ein Drittel unseres Lebens verbringen wir schlafend. Klinische Untersuchungen finden aber im Wachzustand statt – wir klammern also ein Drittel unseres Lebens aus! Dabei findet man für viele Probleme erst die Ursachen, wenn man die Menschen im Schlaf untersucht.

Aber bei Ihnen kann man doch erst recht nicht schlafen – allein die Aufregung und dann die Technik!

Es gibt tatsächlich einen First-Night-Effekt. Aber die meisten Patienten erleben hier schon in der zweiten Nacht einen Schlaf wie zu Hause auch. Die Geräte stören wenig. Und die Zimmer sind wie im Hotel eingerichtet, dass möglichst kein Krankenhaus-Feeling aufkommt.

Manch einer braucht neun Stunden Schlaf, um sich ausgeruht zu fühlen, der andere nur fünf. Wie viel sollte es denn nun sein?

Die Gesamtschlafdauer nimmt vom Neugeborenen- zum Erwachsenenalter ab, auch der Tiefschlafanteil. Für die Lebensmitte kann man sagen, dass wir um die sieben Stunden Schlaf brauchen und sie uns auch holen – wann, das ist unterschiedlich. Schlafmediziner unterscheiden zwei Chronotypen: nachtaktive Eulen und morgenfrische Lerchen.

In der Nacht vom 25. auf den 26. März stellen wir die Uhr eine Stunde vor. Viele tun sich mit dem Schwenk auf die Sommerzeit schwer – Ihr Rat?

Diese Schwierigkeiten sind nicht zu vermeiden und halten ein paar Tage an. Man kann die Umstellung durch eine gute Schlafhygiene befördern: Verzichten Sie auf koffeinhaltige Getränke und achten sie auf eine ruhige und dunkle Schlafumgebung.

Von Nadine Fabian

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