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Schöne Potsdamer Ortsteile machen Sorgen

Zwischen Idylle und Zuzug Schöne Potsdamer Ortsteile machen Sorgen

Im zweiten Teil unserer Serie „MAZ zu Hause in ...“ widmen wir uns zwei Wochen lang den Ortsteilen Golm, Eiche, Bornim, Bornstedt und Nedlitz. Die ländlichen Orte sind gerade wegen ihrer Ruhe beliebt. Doch der anhaltende Zuzug droht den Charakter der Ortsteile zu verändern, fürchten Einheimische wie Horst Prietz.

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Dörflicher Charme: Horst Prietz war ehrenamtlicher Bürgermeister von Nedlitz.

Quelle: Gartenschläger

Nedlitz. Der Kampf für die Schönheit des Potsdamer Nordens und Nordwestens wird von der kleinsten Zelle aus geführt. Im 174-Seelen-Dorf Nedlitz sitzt Horst Prietz an seinem Computer und schreibt eine Mail an die Stadtverwaltung. Nach dem vom Rathaus initiierten Bürgerdialog zur Zukunft der ländlichen Ortsteile Eiche , Golm , Bornstedt , Bornim und Nedlitz vergangenen Woche ist der 77-Jährige in Habachtstellung. „Ich habe Sorge, dass der Rand aufgeweicht wird“, sagt Prietz. Er fürchtet, dass in seinem idyllischen Straßendorf Nedlitz am Weißen See statt eines Hauses künftig drei oder vier auf ein Grundstück gepflastert werden und damit der Blick auf das verbaut wird, was den Reiz des Nordens vor den Toren der Stadt ausmacht: die Lennésche Feldflur, die Landschaft, das Weitläufige.

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Die ländlichen Potsdamer Ortsteile sind beliebt – hier die Fakten.

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Schon vor der Wende war die Lennésche Feldflur in Gefahr

Horst Prietz ist kampferprobt. Schon zum dritten Mal, erklärt der frühere Potsdamer Verkehrsplaner, verteidigt er nun Feld und Flur. Vor der Wende, als es dieses Amt noch gab, war Prietz ehrenamtlicher Bürgermeister von Nedlitz. Parteilos damals, mittlerweile ist er CDU-Mitglied. Damals hat Prietz den ersten Kampf für den Erhalt der Landschaft geführt. Er versuchte, zunächst unter dem Argwohn der SED-Genossen, das Gebiet unter Schutz stellen zu lassen. Er ging zum ersten Sekretär der Bezirksleitung der Partei, erklärte, wie fleißig die Menschen gearbeitet hätten zum Erhalt ihrer Heimat – und hatte Erfolg. „Ich war selbst in der DDR ein anerkannter Preuße“, sagt er und blickt auf den Teich in seinem Garten, hinter dem Felder und Wälder beginnen. Zwei Katzen streifen um seine Beine. Auf dem Grundstück lebt auch Hahn Klaus-Herbert mit seinen neun Hennen, die teils grüne Eier legen. Eine bedrohte Idylle?

Nach der Wende war Prietz, zuvor im Hauptberuf Kulturhausleiter in Babelsberg mit eigener Talkshow, der erste Vorsitzende des Potsdamer Kulturausschusses. Ein großer Gefrierverarbeitungsbetrieb war geplant. Mitten im Herz der Lennéschen Landschaft. Prietz ging auf die Barrikaden gegen die Pläne von Baustadtrat Detlef Kaminski (SPD) – und siegte zum zweiten Mal. „Baut nicht alles zu, was die Leute hierher zieht“, appelliert der gelernte Kartograph heute erneut an die Stadt. „Potsdam ist ein Gesamtdenkmal.“

Die Arroganz der Verwaltung

Ein Gesamtkunstwerk mit Teilen von Bornstedt mit seinen mehr als 10 000 Einwohner bis zum kleinen Nedlitz, das fern der Innenstadt die Probleme Potsdams mit auffängt. Am Lerchensteig liegen das Asylbewerberheim, das lange vor der Flüchtlingskrise ans Netz ging und zwischenzeitlich wegen seiner Abgeschiedenheit geschlossen wurde, ein Obdachlosenheim, eine Klär- und eine Kompostieranlage, die den Anwohnern gewaltig stinkt. Prietz spricht in diesem Zusammenhang von der „Arroganz unserer Verwaltung, die die Bürger nicht anhört“.

Ein Gefühl, das in den meisten Ortsteilen vorherrscht und mit den Infoveranstaltungen, die die Stadt nun zum ländlichen Raum angestoßen hat, längst nicht beerdigt ist. Das Gefühl rührt auch daher, dass einige Ortsteile mit der Eingemeindung ihre Probleme hatten. Golm, bis 1962 eine Gemeinde mit Eiche, kam 2003 unter Protest nach Potsdam. Die Mehrheit der Einwohner und der Gemeinderat befürworteten den Anschluss an Werder. Eiche wiederum war schon 1935 bis 1952 Teil der Stadt und wurde 1993 erneut eingemeindet. Auch Bornim, Bornstedt und Nedlitz waren bereits 1935 Potsdam zugeschlagen worden– sie fühlen sich trotzdem manchmal abgehängt.

Die Wünsche, die in den Orten gehegt werden, sind unterschiedlich, aber am Ende doch ähnlich. Golm will baden gehen. Eine öffentliche Badestelle am Großen Zernsee ist ein Wunsch, der beim Bürgerdialog der Stadt am Dienstagabend auf dem Wissenschaftscampus oft geäußert wird. Die Stadt verhandle mit dem Eigentümer des Gutes Golm wegen eines Seezugangs, heißt es.

Der Wissenschaftsstandort Golm zieht Familien an

Der Wissenschaftsstandort Golm zieht Familien an.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Bornim wiederum will hoch hinaus: Den Großen Heineberg als Aussichtspunkt fordern einige Einwohner. Eine Sommerrodelbahn wäre toll, scherzt einer. Doch der „Berg“ grenzt an die frühere Deponie, die bislang nicht renaturiert ist und deshalb nicht für die Öffentlichkeit freigegeben werden kann, erklärt die Stadt.

Es geht viel um Naherholung an diesem Infoabend, aber noch mehr um Verkehr und Infrastruktur. Eine weiterführende Schule für Golm, wo sich viele Wissenschaftlerfamilien ansiedeln, steht auf der Wunschliste. Im Bornstedter Feld fehlen Angebote für Jugendliche. Senioren in Bornim hätten gerne mehr Einkaufsmöglichkeiten. Und alle würden gerne weniger im Stau stehen. Den Spagat zwischen Zuzugsdruck und Ursprünglichkeit zu schaffen, ist eine hohe Kunst.

Horst Prietz fordert eine Obergrenze. Seine Formel: „Potsdam samt Eingemeindungen darf nicht größer werden als 185 000 Einwohner.“ Mehr Menschen, und Potsdam „würde zur Beliebigkeit werden“, warnt er. Nicht nur Sanssouci gehöre zum Welterbe, sondern eben auch die Lennésche Feldflur. Diese, so sagt der streitbare Nedlitzer, „darf nicht zugeballert werden“. Horst Prietz steigt in seine Gummiclogs und läuft am Hühnerstall vorbei. Er zeigt die Feldflur mit ihren typischen Hecken und Baumreihen, die die Kompostieranlage rechter Hand verbergen. Auch das ist Potsdam. Ein Dorf.

Von Marion Kaufmann

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