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Schönste Plattenbausiedlung Deutschlands

MAZ zu Hause in ... Waldstadt Schönste Plattenbausiedlung Deutschlands

Die Bewohner der Potsdamer Waldstädte haben eine besondere Beziehung zu ihren Vierteln. 75 Prozent der Teilnehmer einer MAZ-Umfrage wohnen gern dort. 33 Prozent schätzen die schönen und bezahlbaren Wohnungen. Dass die Waldstädte von DDR-Neubauten geprägt werden, macht nach Ansicht von 40 Prozent „gerade den Reiz“ dieser Wohngebiete aus.

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Hochhausblick auf die grüne Waldstadt II.

Quelle: Christel Köster

Waldstadt. Im Dezember war Schlüsselübergabe im Treff der Bürgerinitiative Waldstadt (Biwa) an der Saarmunder Straße. Karl-Heinz Rothkirch (84), in den 1990er Jahren Mitgründer und bis 2005 Vorsitzender des Vereins, gab nun auch die Verantwortung für die Räume der früheren Buchhandlung „Pablo Neruda“ in andere Hände. Seither ist Biwa-Vorstandsmitglied Dittmar Zengerling (64) der Ansprechpartner für all die Nutzer des Treffs – von der Frauentanzgruppe der Volkssolidarität bis zum SC Kinder- und Jugendschach, der hier immer montags und mittwochs trainiert.

Die Biwa sitzt Wand an Wand zur Waldstadt-Zweigbibliothek im Zentrum der jüngeren, nach der Fläche kleineren, dafür aber viel dichter besiedelten Waldstadt II im Westen der Heinrich-Mann-Allee. Die Ende der 1950er bis Ende der 1970er Jahre auf der anderen Straßenseite in Großblockbauweise errichtete Waldstadt I ist das erste Potsdamer Neubaugebiet der Nachkriegszeit. Zu diesem Viertel zählen auch die ländliche Stadtrandsiedlung und die Mitte der 1930er Jahre errichtete Siedlung an der Eduard-Claudius-Straße.

Mit der Waldstadt II aber wurde Baugeschichte geschrieben. Unter Federführung des Architekten Karl-Heinz Birkholz, der Potsdamern durch das von ihm entworfene Terrassenrestaurant „Minsk“ am Brauhausberg bekannt ist, wurde erstmals ein industriell gefertigtes Wohngebiet mitten in den Wald gesetzt. Ziel war es, „den Baumbestand so weit wie möglich zu erhalten“, sagt Gerhard Brock (76), als Direktor des Wohnungsbaukombinats Potsdam Chef dieser Großbaustelle. Das Baumaterial kam vom Fließband aus dem Plattenwerk des WBK, das seit Mitte der 1970er Jahre jenseits der Heinrich-Mann-Allee in Sichtweite zu den Taktstraßen produzierte.

Schülerinnen im Waldstadt-Center

Schülerinnen im Waldstadt-Center.

Quelle: Christel Köster

Ihren grünen Charakter sollten die Viertel links und rechts der Heinrich-Mann-Allee behalten. Bürgermeister Jann Jakobs (SPD) bezeichnete die Waldstadt II zur Feier ihres 20-jährigen Bestehens im September 1999 als „schönste Plattenbausiedlung Deutschlands“. Zu den von vielen Waldstädtern bedauerten Ereignissen zählte 1995 der Abriss des Restaurants „Zum Kahleberg“. Zur Nachwendezeit gehört das Tauziehen um das Hochhaus der einstigen SED-Bezirksparteischule „Julian Marchlewski“, die nach dem Mauerfall zunächst als „Residenz-Hotel“ genutzt wurde und heute ein Pflegewohnstift für Senioren mit der Begegnungsstätte „Sonnenblume“ im Parterre beherbergt.

Zahlen und Fakten

15 061 Menschen lebten Ende 2014 in den Waldstädten, davon 5429 in Waldstadt I und 9642 in Waldstadt II. Hinzu kamen insgesamt 343 Einwohner mit Nebenwohnung.

Das Durchschnittsalter lag Ende 2014 in der Waldstadt I bei 53,1 Jahren, in der Waldstadt II bei 43,7 Jahren. 2118 Menschen in Waldstadt I und 1927 Menschen in Waldstadt II waren Ende 2014 älter als 65.

Der Arbeitslosenanteil in der Waldstadt I lag Ende 2014 bei 5,7 Prozent, in der Waldstadt II lag der Arbeitslosenanteil bei 8,4 Prozent. Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) bezogen 5,4 Prozent in Waldstadt I und 16,8 Prozent in Waldstadt II.

Bei 356 Haushalten mit Kindern gab es in der Waldstadt I insgesamt 128 Alleinerziehende, in der Waldstadt II waren es bei 936 Haushalten mit Kindern 436 Alleinerziehende.

Zur Kommunalwahl 2014 führte Die Linke klar in Waldstadt I mit 34,5 Prozent, in Waldstadt II mit 37,9 Prozent. Es folgten SPD (31,5/27,8 Prozent) und CDU (14/9,8 Prozent).

Zur Oberbürgermeister-Stichwahl 2010 lag Jann Jakobs (SPD) in Waldstadt I mit 51,4 Prozent vor Hans-Jürgen Scharfenberg (Linke/48,6 Prozent), in Waldstadt II hingegen bekam Scharfenberg 54,5 Prozent, Jakobs 45,5 Prozent der Stimmen.

Für regelmäßigen Gesprächsstoff sorgt das Waldstadt-Center, der große Nahversorger der Waldstädte. Eine vor Jahren diskutierte Komplettüberdachung mit Einrichtung einer Passage ist laut Management ebenso „nicht aktuell“ wie der damals erörterte Bau eines Parkhauses. Aktuell würden Räume für eine Erweiterung von Kaufland umgebaut.

Auch die Waldstädte selbst wachsen weiter. So haben allein die kommunale Bauholding Pro Potsdam und die Wohnungsgenossenschaft „Karl Marx“ für die nächsten Jahre in der Waldstadt II neue Wohnungen für 30 Millionen Euro angekündigt. Im Waldstück zum Bahnhof Rehbrücke soll bis 2021 ein neues Gymnasium mit fünf Klassenzügen gebaut werden. Und mit dem Brunnen-Viertel auf dem Gelände des Anfang der 1990er Jahre stillgelegten Plattenwerks entsteht ein weiteres Wohngebiet. Im Frühjahr 2018 sollen die ersten der insgesamt 373 Wohnungen des neuen Quartiers fertig sein, das von vielen in der Nachbarschaft Waldstadt III genannt wird, obwohl es auf dem Gelände gar keine Bäume gibt.

Das Plattenwerk des Wohnungsbaukombinats Potsdam im Jahre 1988

Das Plattenwerk des Wohnungsbaukombinats Potsdam im Jahre 1988. Nun entsteht auf dem Gelände ein neues Wohnviertel.

Quelle: Michael Hübner

Auch der wohl größte Arbeitgeber im Viertel baut weiter: Die Mittelbrandenburgische Sparkasse erweitert ihre Zentrale an der Saarmunder Straße um ein Bürogebäude mit 10 000 Quadratmetern Nutzfläche. Grundsteinlegung war im August 2015, geplante Fertigstellung ist laut MBS-Sprecher Robert Heiduck im Oktober 2017. Das neue Parkhaus mit 100 Stellplätzen für Mitarbeiter und Gäste sei schon im September 2015 in Betrieb gegangen. Aktuell beschäftige die MBS in ihrer Zentrale 380 Mitarbeiter „teilweise in räumlich recht beengten Verhältnissen“.

Zu den Defiziten der Waldstadt II mit ihren fast 10 000 Einwohnern gehört das Angebot an Gaststätten. Neben dem Steakhaus „Mareo“ in der alten Teufelsklause gibt es nur Imbisse. Besser versorgt ist die Waldstadt I mit Gaststätten wie dem „Keiler“, der „Meise“, dem Gartenlokal „Zur Gurke“ oder dem Chinarestaurant „Chen“.

Dafür kann die Waldstadt II mit einer Anzahl an Begegnungsräumen aufwarten – von den Kinder- und Jugendclubs „Hanns Eisler“ und „Otto Nagel“ des Breitband e.V. über das integrative Haus der Begegnung mit seinem gesamtstädtischen Publikum und der Biwa mit ihrem Blick auf die Nachbarschaft bis zur Seniorenfreizeitstätte des Käthe-Kollwitz-Heims, die in einer Kombination mit der neuen Awo-Kita „Wurzelwerk“ in der Straße Am Kahleberg ein neues Domizil bekommt. Am Freitag war Richtfest, im Herbst soll die Eröffnung sein.

Viele Beobachter sind der Ansicht, dass es in den Waldstädten eine besondere Verbundenheit der Bewohner mit ihrem Viertel gibt. Gisela Glawe (62), die Leiterin der Waldstadt-Zweibibliothek, sagt, viele der Leute, die vor 30 Jahren jung hier hergezogen seien, blieben auch als Rentner: „Es sind sehr viele Seniorenwohnanlagen entstanden.“ Ute Gehrmann (57), Direktorin der Waldstadt-Grundschule, sagt: „Ein Großteil unserer Elternschaft war selbst hier Schüler.“ Dittmar Zengerling, der seit 1980 in der Waldstadt wohnt, hat eine einfach Erklärung für die Beliebtheit der Viertel: „Es ist die Waldlage!“

Was sich die Bewohner wünschen

Die Waldstädte I und II sind bei ihren Bewohnern beliebt. 75 Prozent der Teilnehmer einer MAZ-Umfrage wohnen gern dort. 33 Prozent schätzen die schönen und bezahlbaren Wohnungen, zwei Prozent wollen weg.

Dass die Waldstädte von DDR-Neubauten geprägt werden , macht nach Ansicht von 40 Prozent „gerade den Reiz“ dieser Wohngebiete aus. 55 Prozent finden Neubauwohnungen „praktisch und preiswert“.

45 Prozent der Befragten meinen, dass die Waldstädte Stadtteile mit dem gleichen Stellenwert sind wie andere auch. 29 Prozent hingegen meinen, die Waldstädte würden vom Rathaus vernachlässigt.

Die Freizeitangebote und Möglichkeiten für Sport und Spaziergänge schätzen 59 Prozent, 22 Prozent meinen, in der Waldstadt sei „nicht viel los“.

Häufig geäußerte Kritikpunkte sind mangelnde Parkmöglichkeiten, der Zustand vieler Bürgersteige und die Sauberkeit.

Viele Bewohner fürchten, d ass insbesondere der Waldstadt II mit einer weiteren Verdichtung mit Wohnhäusern der grüne Charakter verloren gehen könnte.

Dass die Waldstädter sich mit der Stadt Potsdam insgesamt stärker identifizieren als die Bewohner aller anderen Viertel, belegt hingegen die jüngste Zufriedenheitsumfrage des Rathauses. 30,6 Prozent der Waldstädter antworteten auf die Frage, dass sie sich persönlich „sehr stark“ mit der Stadt Potsdam verbunden fühlten. Erst danach kamen die Bewohner der Innenstadt (30,3 Prozent) und – mit Abstand – von Babelsberg und Zentrum Ost (25,1 Prozent).

Von Volker Oelschläger

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