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Potsdam Mit dem Besen gegen Vater Schwan
Lokales Potsdam Mit dem Besen gegen Vater Schwan
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18:13 03.07.2015
Geh’n wir rüber, oder geh’n wir nicht? Die Schwanenfamilie zögert noch. Quelle: Rainer Schüler
Potsdam / Werder


Diese Familie lebt gefährlich, lebensgefährlich: Mehrmals täglich geleitet ein unerschrockenes Schwanenpaar seine noch graue Kleinkinderschar über den Werderschen Damm zwischen Potsdam und Wildpark-West. Vorbeifahrende Fahrzeuge beeindrucken sie wenig, auch wenn die mit Tempo 60 und mehr heranrauschen. Manch Autofahrer schafft noch einen Schlenker, mancher stoppt und wartet lieber ab, doch das kann dauern: Die Schwäne haben es nie eilig bei der Passage, zuweilen lassen sie sich gar mitten auf der Fahrbahn nieder. „Es gab schon mehrfach lange Staus“, berichtet Polizeikommissar Andreas Hefke von der Wache Werder, der am Freitag kurz nach elf genau in dem Moment mit Blaulicht (aber ohne Martinshorn) anrückte, als der MAZ-Reporter den Schwanenpapa fragen wollte, was er sich dabei denkt, die Menschen derart auszubremsen.

Das findet Vater Schwan nicht lustig: Er faucht den Besen an und den Mann daran, plustert sich auf, schlägt wütend mit den starken Flügeln. Polizeikommissar Andreas Hefke bleibt lieber auf Distanz. Quelle: Rainer Schüler

Doch Hefke hatte keine Lust, lange zu reden, zog einen Besenstiel auf volle Distanz aus und scheuchte die Tiere zurück ins Wasser. „Wir machen das ein paar Mal am Tag, wenn wir es schaffen“, berichtet er: „Sind die erstmal im Wasser, bleiben sie da für drei vier Stunden.“ Aber eben auch nicht viel länger. Schon mehrfach habe die Tierrettung aus Potsdam versucht, die Schwaneneltern umzusiedeln; sie kamen immer wieder und immer wieder an dieselbe Stelle. Bergeweise Schwanenkot beweist, wie „bodenständig“ die Tiere längst geworden sind.

Auf der Potsdam-Seite der Allee steht das Naturschutzschild, dahinter eine Bake, deren Sinn man nicht erkennt und ein Wildwechselschild. Dann kommt 1000 Meter keine weitere Warnung vor Tieren auf der Fahrbahn. Auf der Werderaner Seite steht gar kein Schild. Quelle: Rainer Schüler

Dass die Radler, Motorräder, Autos und Lastwagen den schmalen, rund 1000 Meter langen Damm in einem Landschaftsschutzgebiet befahren, merken sie meist nicht, denn nur auf Potsdamer Seite steht das gelbe Naturschutzeulen-Schild, 20 Meter weiter ein Wildwechsel-Schild, das man sofort vergisst in der idyllischen Landschaft. Und plötzlich steht ein Schwan vor einem!

„60 km/h sind hier viel zu viel“, sagt der Potsdamer Gerhard Petzholtz vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). Die roten Ausrufezeichen und die rot-weißen Flatterbandringe um die Bäume an der Schwanenpassage kann seiner Ansicht nach niemand deuten außer den Einheimischen. „Hier müssen mehr Wildwechselschilder auf die Strecke und eine Anordnung von Tempo 30.“ Außerdem möchte Petzholtz die Straße für Laster über 3,5 Tonnen sperren, also auch für die Fahrschule der Bundeswehr. Nur Anlieger sollen die Allee befahren dürfen und Fahrräder.

Gerhard Petzholtz vom Verkehrsclub VCD in Potsdam, will die Straße nur noch Anliegern, den Radlern und den Schwänen überlassen. Quelle: Rainer Schüler

Vom Straßenbetrieb des Kreises Potsdam-Mittelmark hat er erfahren, das eine Wildwechselschild sei ausreichend; für Schwäne gebe es kein extra Schild, und Tempo 60 sei außerorts auch angemessen. Der Kreis werde eine zusätzliche Warnbake aufstellen; weitere verkehrsrechtliche Möglichkeiten zum Schutz der Schwäne gebe es nicht. Man könne aber „nichtamtliche“ Schilder aufzustellen. Ob das auch passiert? Petzholtz bleibt da dran.

Seine Forderungen werden im Kreis als Antrag gewertet und geprüft. Dazu muss man den zuständigen Straßenbaulastträger, die Polizeidirektion West, die Polizeiinspektion Potsdam und die Gemeinde Schwielowsee anhören. Den Werderschen Damm zur Fahrradstraße zu machen und ihn nur noch für Autofahrer zuzulassen, die auch Anlieger sind, bedeute eine „Teileinziehung gemäß Paragraf 8 des Brandenburgisches Straßengesetzes“, schrieb man Petzholtz. Eine Teileinziehung ist die Allgemeinverfügung, durch die die Widmung einer Straße nachträglich auf bestimmte Benutzungsarten, Benutzungszwecke oder Benutzerkreise beschränkt wird.

Die Allee mitten durch einen See ist einzigartig im Großraum Berlin/Brandenburg. Sie liegt im Landschaftsschutzgebiet. Die künstlich angelegten königlichen Entenfängerteiche bestanden von 1694 bis 1714: Die Monarchen wollten keine Schrotkugeln im Fleisch. Quelle: Rainer Schüler

Der Naturschutzbund (Nabu) Potsdam hält die Aufstellung einer Warnbake für ausreichend. Kreisverbands-Geschäftsführer Wolfgang Ewert beurteilt die Petzholtz-Forderungen als „überzogen“. Niemand werde sie erfüllen, „von mangelnder Akzeptanz bei der Bevölkerung ganz zu schweigen“, schreibt Ewert in einer Mail an die Verbandsfreunde. Die Autofahrer seien an der Schwanenpassage aufmerksam und rücksichtsvoll; die weißen Tiere seien ja auch weithin sichtbar: „Das Beschmieren der Bäume mit roter Farbe, die auf den dunklen Bäumen ohnehin schlecht zu sehen ist, finde ich unmöglich.“

Bislang hat die Schwanenfamilie noch kein „Mitglied“ im Straßenverkehr verloren, bislang! Quelle: Rainer Schüler

Von Rainer Schüler

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