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Schweine im Schlaraffenland

Potsdamer Sauenhain Schweine im Schlaraffenland

Zwei Geografen haben den „Potsdamer Sauenhain“ gegründet und halten Schweine auf einer alten Apfelplantage in Grube so artgerecht, wie möglich. Per Crowdfunding finanzieren sie die Betriebskosten, bevor ihre Unterstützer im Frühjahr 2016 Fleischpakete von Tieren bekommen, die zumindest bis zur Schlachtung glücklich waren.

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Diese Ferkel genießen nicht nur Eicheln, sondern auch ein ganzes Jahr im Freien auf der früheren Apfelplantage. Danach werden aber auch sie geschlachtet.

Quelle: Peter Degener

Grube. Unter alten Apfelbäumen suhlen, graben, fressen und schlafen die Schweine von Axel Penndorf und Clemens Stromeyer nicht nur den lieben langen Tag, sondern das ganze Jahr über. Mit der in Deutschland üblichen Schweinezucht hat der „Potsdamer Sauenhain“ in Grube nichts zu tun.

„Ich habe vernünftiges Schweinefleisch in Potsdam vermisst“

„Wir möchten unsere Tiere artgerecht und regional halten und das Gefühl haben, dass es normal ist diese Tiere so zu halten“, sagt Axel Penndorf. Der 45-Jährige Berliner ist ein Idealist, der Sauenhain sein „Liebhaberprojekt“. Sein Partner Clemens Stromeyer hat die gleiche Freude an den Tieren, nennt aber ein anderes Motiv: „Ich habe vernünftiges Schweinefleisch in Potsdam vermisst, denn auch die guten Fleischer haben nur Schweinefleisch aus Stallhaltung. Ich möchte aber gerne gutes Fleisch essen, wie es auch bei Rindfleisch möglich ist“, sagt der 36-jährige Potsdamer. Mit Landvermessung kennen sich Penndorf und Stromeyer aus, denn die beiden sind freiberufliche Geografen. Landwirtschaft gehörte bisher nicht zu ihrem Beruf. Ihr Know-How haben die beiden von Biolandwirt Bernd Schulz aus Brück, der schon seit 20 Jahren Freilandhaltung betreibt.

Axel Penndorf (l) und Clemens Stromeyer wollen Schweine artgerecht halten und damit gutes Fleisch produzieren

Axel Penndorf (l.) und Clemens Stromeyer wollen Schweine artgerecht halten und damit gutes Fleisch produzieren.

Quelle: Peter Degener

Seit dem Frühjahr haben sie eine alte Apfelplantage am Bahnhof Grube gepachtet, die den großflächigen Rodungen der 1990er Jahre entgangen war. Auf etwa zehn Hektar Fläche tummeln sich derzeit rund 60 Ferkel, zehn Sauen und ein Eber namens Romeo, der die Tiere nach und nach beglückt. Der Eber gehört zur Rasse der Duroc-Schweine. „In den letzten 60 Jahren wurden Schweine dahin gezüchtet, dass sie immer fettfreier sind. Mageres Fleisch hat aber keinen Geschmack. Eine feine Marmorierung aus Fett ist für guten Geschmack entscheidend und typisch für die Duroc-Schweine“, erklärt Stromeyer diese Wahl.

Im „Sauenhain“ ist unter Apfelbäumen endlos Platz für die Tiere

Die Sauen teilen sich in Landrasse-Schweine aus der Prignitz und seltene „Bunte Bentheimer“, von denen es weltweit nur noch etwa 500 Sauen gibt. Von der Mischung aus muskulösen und „speckigen“ Sorten erhoffen sich die Landwirte einen besonders guten Geschmack.

Weideschweine

Bis ins 19. Jahrhundert wurden fast alle Schweine im Freien gehalten. Diese Weideschweine zeichnen sich durch Robustheit und Genügsamkeit aus, sowie den Instinkt, selbst nach Nahrung zu suchen.

Ihr auf die selbstständige Nahrungssuche angepasster Rüssel ermöglicht ihnen eine intensive Grabtätigkeit im Boden.

Durch die zunehmende Stallhaltung in Deutschland waren die zu den Weideschweinen gehörenden Rassen um 1975 fast ausgestorben.

28 Millionen Schweine werden laut dem Statistischen Bundesamt derzeit in Deutschland gehalten. Bis auf wenige Ausnahmen leben fast alle diese Tiere in Ställen. Die Tierschutz-Nutztierverordnung sieht nur einen Quadratmeter für die über 100 Kilogramm schweren Mastschweine und weniger als zweieinhalb Quadratmeter für eine Sau vor. Für die Ferkel ist nicht einmal ein halber Quadratmeter vorgeschrieben. Auch Schweine, deren Fleisch mit einem der viele Biosiegel ausgezeichnet ist, haben nur wenig mehr Platz und etwas Auslauf unter freiem Himmel.

Wenn gefüttert wird, rennen die Ferkel schnell zu ihren Landwirten

Wenn gefüttert wird, rennen die Ferkel schnell zu ihren Landwirten. Allein das ist für ein Schwein in Deutschland ein Privileg

Quelle: Peter Degener

Im „Sauenhain“ ist der Platz dagegen fast endlos. Derzeit tummeln sich auf den rund 100 000 Quadratmetern nicht einmal einhundert Tiere. Bis zur Schlachtung leben die Tiere ein ganzes Jahr im Freien, auch im Winter. Als Schlafplätze haben die Junglandwirte Hütten aus Stroh errichtet. „Die Tiere können hier gemeinsam in den Familiengruppen interagieren“. Dass sie stets der Natur ausgesetzt seien, sei kein Problem. Derart gehaltene Schweine sind robuster und gesünder als Stalltiere. Von den Landwirten ist mindestens einer der beiden jeden Tag draußen, um die Tiere zu versorgen. Gefüttert werden sie mit Eicheln, Äpfeln, Gras, Heu und vor allem Getreideschrot. „Die umliegenden Bauern liefern das Futter“, sagt Penndorf.

Wegen ihrer Flecken nennen sich diese Landschweine „Bunte Bentheimer“

Wegen ihrer Flecken nennen sich diese Landschweine „Bunte Bentheimer“. Sie waren beinahe ausgestorben. heute gibt es rund 500 Sauen und 100 Eber. Fünf solcher Sauen werden in Grube mit einem Duroc-Eber gekreuzt.

Quelle: Peter Degener

Das Motto der beiden lautet „Das Umland ernährt die Stadt“. Wenn Stadtbewohnern der Bezug zur Landwirtschaft verloren gegangen ist, können sie im Sauenhain zumindest lernen, was früher die Regel war: das sogenannte Weideschwein. Im Frühjahr soll ein kleiner Besucherbereich eingerichtet werden, von dem aus man Sauen und Ferkel beobachten kann. „Mal schauen was daraus wird und ob daraus Arbeitsplätze entstehen“, überlegt Penndorf.

Mit einer Kampagne bei Kickstarter werben sie um Unterstützung

Wenn die ersten Tiere ein Jahr alt sind und geschlachtet werden, scheint die Abnahme des Fleisches gesichert. Über eine eigene Homepage wird das Fleisch bereits angeboten, aber vor allem der Zuspruch auf dem Crowdfunding-Portal „Kickstarter“ gibt den Schweinewirten Mut. Dort läuft noch bis zum Sonnabend eine Kampagne, bei der man sich Fleischpakete vorbestellen kann und damit schon jetzt laufende Kosten des Sauenhains gedeckt werden. „Da geht es nicht nur um mögliche Käufer. Wir wollten die Potsdamer von Beginn an miteinbeziehen und haben das als partizipative Möglichkeit gesehen, um herauszufinden ob die Menschen eine solche Initiative tragen“, sagt Stromeyer.

Gefüttert wird nicht nur mit Getreideschrot, sondern auch Eicheln und vor allem den Äpfeln der alten Plantage

Gefüttert wird nicht nur mit Getreideschrot, sondern auch Eicheln und vor allem den Äpfeln der alten Plantage.

Quelle: Peter Degener

Im Mai 2016 werden die ersten Tiere geschlachtet

Im Mai 2016 sollen die ersten Kunden mit Fleischpaketen beliefert werden. Den richtigen Schlachter haben Penndorf und Stromeyer allerdings noch nicht gefunden. Auch ein Biosiegel werden die Produkte aus dem Sauenhain vorerst nicht tragen. Die dafür notwendige Zertifizierung haben die Unternehmer für die nächsten Jahre ins Auge gefasst, um das Fleisch auch als Zulieferer von Bioprodukten vermarkten zu können. Dass es für ihr eigentliches Ziel – gutes Fleisch aus artgerechter Haltung – mehr braucht als nur ein Siegel, zeigen sie schon jetzt.

Von Peter Degener

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