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Siedlerglück in der „Meise“

MAZ zu Hause in ... Waldstadt Siedlerglück in der „Meise“

Die Gaststätte „Die Meise“ in der Waldstadt ist beliebt für Familienfeiern. Auch Linedancer kommen gerne in das Lokal, das ein Stück weitgehend vergessener Potsdamer Stadtgeschichte erzählt

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Heiko Prause führt die „Meise“ zusammen mit Mitarbeiterin Jeyran Mach seit zehn Jahren.

Waldstadt. Dass die Waldstädter eine Meise haben, liegt auch an Horst Fuchs. Er war 1969 dabei, als das erste Siedler-Vereinsheim errichtet wurde. Als einfacher Holzbau in freiwilliger Feierabendarbeit. Und er griff 1984 zum Spaten und baute die neue „Meise“ mit vielen anderen aus der Stadtrandsiedlung auf, nachdem das Holzhaus nach einem Kurzschluss am 24. November 1982 abgebrannt war. „So, wie es jetzt da steht, so haben wir es gebaut“, sagt der 82-Jährige. Horst Fuchs sitzt im Garten des Spartenlokals im Meisenweg. Er kommt noch immer oft hierher. Die „Meise“ in der Waldstadt ist ein beliebtes Lokal für Familienfeiern. Aber eben nicht nur das: Die Gaststätte erzählt ein Stück Potsdamer Geschichte, die viele nicht kennen. Horst Fuchs hat sie miterlebt, von Anfang an.

Entstanden als Arbeitslosensiedlung

Deutschland, Anfang der 1930er Jahre. Weltwirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit ist riesig. In Potsdam gründet sich 1931 ein Siedlerverband für erwerbslose Handwerker. Die sogenannte Arbeitslosen- oder Stadtrandsiedlung an der Drewitzer Straße wird errichtet. Nur erwerbslose Handwerker, insbesondere mit kinderreichen Familien, dürfen sich bewerben und für 5000 Reichsmark Kredit mit Eigenleistung ein Heim bauen. Das Bauland wird von der Stadt in Erbpacht zur Verfügung gestellt. Die Arbeitslosen werden zu Kolonnen zusammengefasst und errichten ab 1932 Parzelle für Parzelle die Siedlung.

Einer der Handwerker ist der Vater von Horst Fuchs. Der 1933 Geborene lebt heute noch in seinem Elternhaus, einem jener im schwäbischen Stil errichteten, seit 1992 unter Denkmalschutz stehenden Häuser mit dunklem Holzgiebel, die in Kontrast zu den Plattenbauten jenseits der Drewitzer Straße stehen. Dass die Doppelhäuser den Charme eines Schwarzwald-Dorfes in die Waldstadt bringen, liegt an ihrem Schöpfer Reinhold Mohr. Der bekannten Stadtarchitekt war aus Baden-Württemberg an die Havel gekommen.

Ein Blick in einen alten Kalender zeigt den Aufbau der „Meise“

Ein Blick in einen alten Kalender zeigt den Aufbau der „Meise“.

Quelle: Kaufmann

„Anfangs hatten wir nur einen umzäunten Festplatz“, erinnert sich Horst Fuchs, der noch immer im Vorstand des Vereins „Siedlersparte Einheit“ aktiv ist, an seine Kindheit und Jugend. „Es war schon sehr idyllisch hier draußen“, sagt Fuchs. Schlittschuhlaufen auf den Nuthewiesen, durch den Wald stromern. Später einen eigenen Vereinstreff zu haben sei ein Traum gewesen. „Fast alle haben mit angepackt“, sagt er und zeigt in einem Kalender ein altes, etwas unscharfes Foto mit jungen Männern mit nacktem Oberkörper, Spaten in der Hand. An der Theke hängt noch ein Schild mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz, das noch an die Wiederaufbauaktion zu DDR-Zeiten erinnert:„Schöner unsere Städte und Gemeinden. Mach mit!“, steht darauf. Die Losung der wohl größten DDR-Bürgerinitiative, einer Art Wettbewerb zur Wohnumfeldverschönerung der Nationalen Front.

Ein Kind der Waldstadt als Wirt

Hinter der Theke steht Heiko Prause. Auch er ist ein Kind der Waldstadt, aufgewachsen in der Erich-Weinert-Straße. Seit 1998 wohnt der Gastronom in Petzow, aber am Ort seiner Kindheit ein Lokal zu führen sei schon etwas Besonderes. Prause, vor der Wende hauptamtlicher Boxtrainer, hat schon einige Gaststätten in Potsdam geführt. Unter anderem eröffnete er 1995 in der Grenzstraße am Karl-Liebknecht-Stadion den ersten Mexikaners Potsdams. Vor zehn Jahren, als die damalige Inhaberin aufhörte, übernahm er die „Meise“. „Jeder Gast sucht sich seine Gaststätte aus und jeder Wirt seine Gäste“, sagt der 51-Jährige. In der „Meise“ ist er angekommen. Und auch Vereinsmitglieder und Stammgäste wie Horst Fuchs sagen: „Mit dem passt es.“

Linedancer üben regelmäßig in der „Meise“

Linedancer üben regelmäßig in der „Meise“.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Heiko Prause schält Spargel in der Küche, während er erzählt. Am Abend kommen die Linedancer. Regelmäßig übt die Truppe in dem Lokal, das dezent-amerikanisches Flair hat. Am Eingang grüßen ein Holzindianer und ein Harley-Davidson-Blechschild. Dazu ein Ledersofa und ein Kamin. Ein gemütliches Ambiente für Familienfeiern, die das Gros der Veranstaltungen in der „Meise“ ausmachen. A-la-Carte-Geschäft gibt es nicht. Heiko Prause und seine Kollegin Jeyran Mach (48) arbeiten auf Bestellung. „Sie ist die Expertin fürs kalte Buffet“, erklärt Prause. Er selbst steht meist am Herd, brät Fleisch oder Fisch – was immer die Gäste wünschen. „Koch wäre das Richtige für mich gewesen“, sagt er. Doch auch ohne Ausbildung kreiert er nun Gaumenfreuden. „Wir gehen viel auf Messen und Seminare, probieren aus“, sagt der Wirt aus Leidenschaft. Ob die Kreationen gelungen sind, prüft seit Jahren seine Tochter. „Sie hat sehr gute Geschmacksnerven“, meint der zweifache Vater. Zu süß, zu sauer, zu salzig oder perfekt – ihr kritischer Gaumen ist die beste Qualitätskontrolle. Aber das beste Zeichen für Heiko Prause ist, dass die Alteingesessenen wie Horst Fuchs noch immer gerne in „ihre“ Meise kommen.

Beliebt für Familienfeste

In der Waldstadt I am Stadtrand, Meisenweg 13, findet sich das Restaurant „Die Meise“.

Die Gaststätte war als Vereinsheim des Vereins „Siedlersparte Einheit“ entstanden, der zu DDR-Zeiten aus einer Fusion zweier benachbarter Siedlervereine hervorgegangen ist.

Montag bis Donnerstag ab 17 Uhr und Freitag und Samstag auf Bestellung ist geöffnet. Wobei die „Meise“ kein typisches Lokal für spontane Gäste ist. Das Lokal kann vielmehr gemietet werden. Vom Familienfest bis zur Vereins- oder Betriebsfeier – bis zu 100 Personen finden Platz.

Bereitet wird ein hausgemachtes Buffet ganz nach Wunsch.

Von Marion Kaufmann

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