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Singvögel am Spieß und immer Bier

Was ernährte man sich zu Luthers Zeiten? Singvögel am Spieß und immer Bier

Bis zu 5000 Kalorien täglich waren normal, auch in den Klöstern. Heute nimmt man etwa die Hälfte davon zu sich. Doch während sich bei den Reichen die Tische bogen, herrschte sonst oft bitterste Not. Aus Hunger erfanden die Menschen dann Geschichten wie die vom Schlaraffenland.

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Petra Wehle (M.) vom Oberen Gasthof – Landhof Wehle in Hirschfeld (Elbe-Elster) bietet zum 500. Jubiläum der Reformation das Lieblingsgericht von Martin Luther an: Erbsbrei mit geschmorten Schwein im Kräutersud. Bei der Grünen Woche konnten Besucher das Gericht probieren.

Quelle: Nikon D2X

Innenstadt. Angeblich soll Martin Luther seine Gäste nach einem guten Essen gefragt haben: „Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?“ Wie die Realität am Esstisch des Reformators aussah, hat Elke Strauchenbruch in ihrem neuen Buch „Luthers Küchengeheimnisse“ recherchiert. Am Mittwoch, den 15. Februar, ist sie ab 19 Uhr im Bildungsforum zu Gast.

Elke Strauchenbruch

Elke Strauchenbruch.

Quelle: promo

Frau Strauchenbruch, Sie haben früher im Lutherhaus in Wittenberg gearbeitet und sind jetzt unter anderem als Autorin sehr aktiv. Was kam zu Luthers Zeit so auf den Tisch?

Die wohlhabenderen Menschen haben eigentlich all das gegessen, was wir heute auch essen – ausgenommen die Exoten wie Kartoffeln und Tomaten, die erst später importiert wurden. Aber sie hatten zum Beispiel Reis.

Woher kam der Reis?

Aus der Poebene in Italien, dort wurde er immer angebaut. Man hatte natürlich auch Honig. Luther selbst besaß Bienenstöcke, die er allerdings durch Diener betreuen ließ. Wie gesagt. Die meisten Lebensmittel gab es schon. Und man muss bedenken, dass es sich bei den Luthers um einen gehobenen Haushalt handelte. Sie haben auch viel selber produziert. Katharina Luther betrieb eine Landwirtschaft mit Tieren. Außerdem braute sie Bier und sie kelterte Wein.

Ging das denn in Wittenberg?

Es war wärmer als heute. Sogar an der Ostsee bis nach Ostpreußen wurde Wein angebaut. Man weiß zum Beispiel dass Luther einmal Dutzende Weinpfähle für den Weinberg bestellt hat. Die Lebensumstände der Luthers galt aber bei weitem nicht für alle Bevölkerungsschichten. Im 16. Jahrhundert war der Hunger weit verbreitet, er war ein richtiges Problem. Damals ist auch die Geschichte vom Schlaraffenland entstanden. Die Menschen hatten wenig zu essen oder nur Brot. Die Preise auf dem Markt waren enorm hoch. Wer nicht selbst Lebensmittel anbauen konnte, hatte große Schwierigkeiten, satt zu werden.

Warum kam es zu dieser prekären Versorgungslage?

Es gab sehr viele Studenten in Wittenberg, die auch alle versorgt werden mussten. 50 Prozent der Bevölkerung bestand aus Studenten. Diese jungen Männer kamen aus ganz Europa. Die größte Landsmannschaft waren die Ungarn. Stark vertreten waren auch die Skandinavier und die Siebenbürger neben Polen und Österreichern.

Waren die Essgewohnheiten der Menschen sehr anders als heute?

Sie waren vor allem anders als im Mittelalter. Da gab es einen großen Umbruch. In meinem Buch geht es unter anderem darum, wie hoch im Mittelalter der Anteil der Fastenzeiten war. Man fastete an den Freitagen. In der Weihnachtszeit gab es ein 40-tägiges Fasten von Mitte November bis zum Fest der Heiligen Dreikönige am 6. Januar – das durfte nur von den Feiertagen unterbrochen werden. Fastnacht bedeutete für die Menschen dann Fleischküche. Insgesamt wurde im Jahr etwa hundert Tage gefastet.

Also standen diese mittelalterlichen Menschen immer knapp vor dem Hungertod?

Nein, das Fasten bedeutete nicht, dass man wenig Kalorien zu sich nahm. Wenn man viel Brot mit Gemüse isst, kann das auch sehr kalorienreich sein. Die Reichen aßen viel Fisch während der Fastenzeit, so dass die Fischer immer gut zu tun hatten. Außerdem trank man ohnehin fast immer ein sehr leichtes selbst gebrautes Bier, das so genannte Kofent. Wasser war oft verunreinigt. Deshalb gab man sogar den Kindern Bier zu trinken. Das ist einer der Gründe, weshalb der Alkoholismus damals so stark in allen Bevölkerungskreisen verbreitet war. Luther hat sich stark dagegen gewendet, zu viel zu trinken und zu essen. Aber aufgrund seiner neuen Lehre nahm auch der Fleischkonsum sehr stark zu.

Wie das?

Ich finde es faszinierend, wie viel von dem, was wir heute machen, auf Luther zurückgeht. Dass er sogar Einfluss auf unsere Essgewohnheiten hatte, hätte ich vor meinen Recherchen nie gedacht. Für ihn war das Fasten eine Werkgerechtigkeit.

Was ist das?

Darunter versteht man, die Gnade Gottes zu gewinnen, indem man etwas tut – zum Beispiel indem man fastet. Luthers Standpunkt war aber, dass man nur durch den Glauben Gottes Gnade erlangt. Wenn das so ist, braucht man auch nicht mehr zu fasten. Also aßen die Leute, die sich das leisten konnten, nun auch in den vormaligen Fastenzeiten viel Fleisch. Das wirkte sich natürlich auch auf die Gesundheit aus.

Gab es Gerichte, die sich von den heutigen unterscheiden?

Die Menschen aßen sehr gerne Pasteten mit Fleisch – oft von Singvögeln. Man briet die Singvögel aber auch an Spießen.

Das klingt ja schrecklich.

Bis ins 18. Jahrhundert hat man die Netze an den so genannten Vogelherden ausgehängt und Singvögel gefangen. Das hörte erst auf, als man in manchen Gegenden gar keine Vögel mehr singen könnte. Es war nicht jedem gestattet, diese Netze aufzustellen. Nur die Landbesitzer hatten das Recht dazu. Es gab zu Luthers Zeiten viele Menschen, die nie Fleisch sahen.

Wie sah es bei der Oberschicht aus?

Bei den Wohlhabenden kamen oft Sülzen auf den Tisch, die lange haltbar waren. Reformatoren wie Luther erhielten sogar Wildbret von den Fürstenhöfen, von denen sie unterstützt wurden. Außerdem hatten die Leute eine Vorliebe für das Färben von Speisen. Beliebt war zum Beispiel ein mit Veilchenblüten gefärbter Griesbrei.

Haben diese gut Betuchten insgesamt mehr gegessen als die Menschen heute? Luther war ja zum Beispiel auch nicht gerade dünn.

Er war aber auch nicht gerade dick. Im Mansfelder Land, wo er herstammte, finden sich dieser Typus – eher klein und von gedrungener Gestalt – noch immer relativ häufig. Aber generell kann man schon sagen, dass die reichen Leute sehr kalorienreich aßen. Bis zu 5000 Kalorien täglich waren normal, auch in den Klöstern. Heute nimmt man etwa die Hälfte davon zu sich.

Warum waren das solche Vielfraße?

Man darf nicht vergessen, dass es kaum Heizungen gab. Da musste man sich schon eine Schutzschicht zulegen. Und die, die gearbeitet haben, waren unglaublich arbeitsam. Man sieht das an Luthers Frau Katharina: Wie die gebraut und gefuhrwerkt und den Haushalt, den Fischteich und die Landwirtschaft versorgt hat! Das war keine Fürstin, sondern eine hart zupackende Gutsfrau.

gönnt uns wohl zu essen“

Die Veranstaltung „Im Gespräch mit Luther: Luthers Küchengeheimnisse“ findet am Mittwoch um 19 Uhr im Bildungsforum Potsdam Am Kanal 47 statt. Das Gespräch mit Elke Strauchenbruch wird von Stadtmarketingchefin Sigrid Sommer geführt.

Es handelt sich um eine Veranstaltung im Rahmen der Jahreskampagne 2017 „Stadt trifft Kirche“ der Landeshauptstadt.

Die Jahreskampagne 2017 „Stadt trifft Kirche“ ist Potsdams Beitrag zum Reformationsjubiläum.

Elke Strauchenbruch wurde 1956 in Ermsleben in Sachsen-Anhalt geboren. Nach dem Abitur 1974 in Aschersleben studierte sie in Leipzig Geschichtswissenschaft und spezialisierte sich auf alltaggeschichtliche Themen des 16. Jahrhunderts. Sie schloss 1979 als Diplom-Historikerin ab, zog nach Wittenberg und arbeitete zwölf Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lutherhaus Wittenberg. 1990 wurde Elke Strauchenbruch selbstständige Buchhändlerin und Antiquarin. Seit November 2014 ist sie als freie Historikerin, Autorin, Stadtführerin und Antiquarin tätig.

„Luthers Paradiesgarten“ „Luthers Weihnachten“ oder „Luthers Küchengeheimnisse“ – an die 20 Bücher hat die Kultur- und Regionalhistorikerin inzwischen veröffentlicht. Sie interessiert sich für Alltagsgeschichte und -geschichten des 16. Jahrhunderts, insbesondere für die von Martin Luther. Sie stützt sich auf Originalquellen.

„Unser Herr Gott gönnt uns wohl zu essen und zu trinken und fröhlich zu sein“, meinte der Reformator in einem seiner berühmten Tischgespräche.

Von Ildiko Röd

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