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Potsdam So entkam ein Potsdamer den Taliban
Lokales Potsdam So entkam ein Potsdamer den Taliban
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00:36 16.10.2015
Unsicheres Afghanistan: Sicherheitskräfte in einem amerikanischen Geländefahrzeug. Quelle: FOTO: EPA
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Potsdam

Am 18. April 2015 entführten Talibankämpfer den Potsdamer Forscher und Entwicklungshelfer Stefan E. an einer Straßensperre zwischen Kunduz und Masar-i-Scharif in Afghanistan. 40 Tage lang hielten die Islamisten ihre Geisel gefangen. Am 29. Mai 2015 konnte sich der 37 Jahre alte Sozialwissenschaftler angeblich selbst befreien und sich bis in sicheres Gebiet durchschlagen.

Doch gut vier Monate später ist vieles noch rätselhaft, denn der glücklich Entkommene spricht nicht über seine Gefangenschaft. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat jetzt allerdings Stefan E.’s Tagebuchaufzeichnungen aus der Haft ausgewertet – die verfasste der Kerkerinsasse auf den Blättern eines islamistischen Bekehrungspamphlets, das ihm ein Aufpasser gegeben hatte. Der Spiegel-Beitrag spricht eingangs nur ganz zart das an, was viele Menschen angesichts des glücklichen Endes der Entführung dachten, aber nur wenige laut aussprachen: Ist wirklich kein Lösegeld geflossen? Stimmt die abenteuerliche Story? „Die Notizen spiegeln die Sicht einer wehrlosen Geisel, deren Wahrheitsgehalt der Spiegel nicht bis ins Letzte ausloten konnte“, steht in dem Magazin. Und: „Anhaltspunkte dafür, dass die Darstellung verfälscht sein könnte, fanden sich aber nicht.“

Der Leser kann also nur glauben, was der Mitarbeiter der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – oft im Licht einer kleinen Taschenlampe – in die Weißräume zwischen die Textblöcke des Heftchens schrieb. Klar ist: Die Todesangst ist Allgegenwärtig. Ob ihn die Entführer – sie waren als Polizisten verkleidet – mit vorgehaltener Waffe aus dem Taxi zerren, per Boot über einen Fluss in Taliban-Gebiet bringen oder ihm den Schädel scheren und ihn anhalten, sich die Achseln zu rasieren: Stefan E.’s Entführer sind offenbar zu allem entschlossen. Sie filmen eine Botschaft des Verzweifelten mit dem Smartphone ab.

Seine Aufpasser reden laut Spiegel ständig über das Töten und den Islam, zeigen dem Gefangenen Enthauptungsvideos des Islamischen Staats (IS). In seinem Verlies plagen den Deutschen Bettwanzen, ein Teenager-Wärter mit gegeltem Haar genießt es, Macht über ihn zu haben. Dennoch gibt es Momente, in denen sich Stefan E. „gut behandelt“ fühlt. Eine warme Mahlzeit am Tag gibt es zunächst, Tee und Zigaretten, Brot, Joghurt und Zwiebeln. Als sich später in der Haft der Gesundheitszustand des Entwicklungshelfers verschlechtert, Übelkeit, Magenkrämpfe und Schüttelfrost den Abgemagerten plagen, gibt ihm ein Bewacher eine Knoblauchzehe mit den Worten, das sei ein Antibiotikum. Immerhin können einige Aufpasser Englisch.

In Momenten der Wut, kurz vor seinem Ausbruch, bezeichnet E. die Entführer als „scheiß-gottlose Taliban, Mörder, gewöhnliche Kriminelle, die sich erlauben, meine Freiheit zu rauben, meine Familie zu belästigen“. Einmal wird E. geschlagen. Ein anderes Mal glaubt er, man hebe vor dem Gefängnis-Haus schon sein Grab aus. Nach Spiegel-Informationen hatte die Bundesregierung vor, E. in einer Kommandooperation zu befreien. 178 Elitesoldaten seien nach Nordafghanistan verlegt worden. Berlin habe Härte demonstrieren wollen, Lösegeld sollte möglichst nicht gezahlt werden, um Nachahmer abzuschrecken.

Die fanatischen Krieger bringen ihn in die Nähe der Kampfgebiete. Schüsse sind zu hören, Explosionen. Einmal kreist ein Hubschrauber über dem Verlies. Tatsächlich haben Sondereinsatzkräfte den Verschleppten mehrmals geortet, die Taliban wechseln aber zu häufig das Versteck. Dann die Selbstbefreiung: Für Gänge zur Latrine darf E. sich selbst die Ketten abnehmen. Mit Hilfe eines Fadens täuscht er vor, die Kettenglieder seien straff gespannt. Auch die Handschellen hat er gelockert.

Eines Nachts, bei starkem Wind, streift er die Eisen ab, zwängt sich, da abgemagert, durch einen Mauerspalt und rennt weg. Die Tagebuchseiten hat er in eine Tüte gewickelt und trägt sie unter einem weiten Gewand. Polizisten an einem Checkpoint schießen in die Luft, weil sie befürchten, der Unbekannte trage Sprengstoff am Körper. Aber er ist gerettet.

Stefan E. gehe es gut, schreibt das Magazin. Er arbeite wieder. Wie der Spiegel an die Tagebuchseiten gelangt ist, verrät er nicht.

Von Ulrich Wangemann

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