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Potsdam „So, jetzt drehen wir die Nummer mal um“
Lokales Potsdam „So, jetzt drehen wir die Nummer mal um“
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20:45 27.04.2018
Die Performance "Bürokrator" vom Potsdamer Inklusionslabor Hatschisi hatte im Herbst 2017 Premiere. Am 29. April wird sie wiederholt. Quelle: Harald Hoffmann
Potsdam

Im „Service-Center Hatschisi“ sitzen die Darsteller hinter den Tischen, das Publikum muss wie im Bürgeramt erst einmal warten und dann Aufgaben erfüllen. Eine Beschwerde einreichen zum Beispiel, ein Auto anmelden oder sich scheiden lassen. Die für Amtsangelegenheiten typischen Schleifen wie das Nachbessern von Anträgen sind in dem Stück „Bürokrator“ inklusive – und sehr humorvoll inszeniert. Verkehrte Welt natürlich auch. Am Sonntag kommt die Performance des inklusiven Potsdamer Theaterlabors Hatschisi um 19 Uhr im Rechenzentrum zur Eröffnung der 1. Potsdamer Inklusionstage auf die Bühne. Im Kern lässt sich erkennen, wie eine Gesellschaft entsteht, mit allem, was dazu gehört: Selbstbestimmung, Machtmissbrauch, Stempel, Werte, Funktionalität.

Formulare, Sachbearbeiter, jeder erfüllt seine Funktion: Szene aus der Performance "Bürokrator" vom Potsdamer Inklusionslabor Hatschisi Quelle: Harald Hoffmann

Viele der zwölf teilbehinderten Darsteller im Alter von Anfang 20 bis 76 Jahren sind abseits des Theaterprojekts selbst noch nie auf einer Behörde gewesen, mussten sich noch nie persönlich ausweisen oder identifizieren. Den meisten wird das, wie vieles, von Betreuern und Berechtigten abgenommen. Ihre performativen Stücke hingegen entwickeln die Akteure vom Thema bis zu Requisiten selbst. Ursula Naß, der Ältesten im Bunde, gefällt gerade das besonders gut: „Wir können uns als Darsteller einbringen.“ Sie liebt es, das Publikum zu überraschen, in der Theaterarbeit „rauszukommen aus dem Alltäglichen und mit anderen etwas zu bewerkstelligen“. Seit der Ensemble-Gründung 2016 ist Anneliese Genrich dabei, vor allem aus zwei Gründen: „Es macht Spaß. Und wir sind da alle zusammen“, sagt sie begeistert.

Lidy Mouw (links) leitet das Theaterlabor Hatschisi in Potsdam künstlerisch. Anneliese Genrich (Mitte) und Ursula Naß sind zwei der zwölf Darstellerinnen in dem performativen Ensemble. Quelle: Michaela Grimm

„Bürokrator“ ist nach „Tafelmuse“ das zweite Stück des Ensembles Hatschisi. „Wir dachten uns: So, jetzt drehen wir die Nummer mal um“, sagt die künstlerische Leiterin Lidy Mouw. Bei „Tafelmuse“ sollte das Publikum demokratisch über ein musikalisches Menü entscheiden. „Es gab sofort einen Fürsprecher. Man hat genau gesehen, wie sich Gesellschaft organisiert und funktioniert.“

Bewegte und denkende Körper

Der Name des Theaterlabors Hatschisi geht zurück auf die schwierige Aussprache des indischen Ur-Spiels Pachisi, dem Vorläufer vieler Spiele auch der westlichen Spielekultur wie „Mensch ärgere Dich nicht“.

Das Theaterlabor Hatschisi ist das inklusive Performance-Ensemble der Theodor Fliedner Stiftung Brandenburg unter der Leitung von Lidy Mouw in Potsdam. Aktuell wirken 12 Darsteller im Alter von Anfang 20 bis 76 Jahren mit. Auch Betreuer spielen mit. Geprobt wird jeden Monat ein ganzes Wochenende lang.

Lidy Mouw arbeitet seit 1985 im internationalen Kunst- und Kulturbetrieb als Künstlerin, Projektleiterin, Kuratorin und Dozentin in den Bereichen Tanz, Theater, bildende Kunst und Kulturprojektarbeit, seit 25 Jahren integrativ, zuletzt etwa am Berliner HAU und im Ballhaus Naunynstraße.

Das Thema des bewegten und denkenden Körpers bildet einen Schwerpunkt von Lidy Mouws Arbeit.

Die Theodor Fliedner Stiftung unterstützt an sieben Brandenburger Standorten mit 110 Mitarbeitern derzeit etwa 160 Menschen mit geistigen und seelischen Behinderungen.

Die Stiftung wurde 1991 als gemeinnützige GmbH und selbstständige Tochter der Theodor Fliedner Stiftung (Mülheim an der Ruhr) gegründet. Als evangelische Stiftung gehört sie zur Diakonie, Gründer und Namensgeber war 1844 Pastor Theodor Fliedner in Duisburg.

Geld bekommt Hatschisi jedes Jahr von anderen: Die Finanzierung erfolgte im 1. Jahr durch Aktion Mensch, im 2. Jahr mit Geld aus Kollekten der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, in diesem Jahr vom Land seitens des Ministeriums für Arbeit und Soziales. „Wir haben keine strukturelle Förderung und wissen deshalb nicht, wie lange wir bestehen und können somit auch schlecht Aufführungen planen“, sagt Lidy Mouw.

In „Bürokrator“ seien grundlegende Fragen: Was sind meine Rechte? Wie kann ich mich äußern und einbringen? Und weiter gefasst: Was muss ein Mensch können, um verwertbar sein? Lidy Mouw ist überzeugt: „Einschränkungen haben wir alle, aber anhand von Behinderungen werden die plötzlich nach vorne gespielt.“

„Bürokrator" ist nach „Tafelmuse“ die zweite Performance des Potsdamer Inklusionslabors Hatschisi. Aktuell entsteht ein drittes Stück darüber, dass wir, salopp gesagt, alle Vögel in Käfigen sind. Quelle: Harald Hoffmann

Im „Bürokrator“-Büro ist alles analog. Das deckt sich mit dem Leben der Darsteller. „In unserer Gruppe haben vielleicht zwei Leute ein Handy. Die sind nicht online, die Netzwelt wird kaum genutzt. Durch die Digitalisierung ist eine gläserne Decke entstanden – das hat uns nicht wirklich vorangebracht“, sagt Lidy Mouw, die seit 25 Jahren integrativ arbeitet und ihr Wirken so versteht: „Wir arbeiten mit dem ganzen Körper, mit Rhythmus, Stimmbildung, Denkarbeit, Experimentieren, Resilienz, sich öffnen, konfrontieren und aushalten, dass jemand anders ist, dass das aber nebeneinander stehen kann. Unser Wunsch wäre, die Theaterarbeit auch als Arbeit anzusehen. Sie ist auch anstrengend.“ Und soll infizieren: „Wir wollen eine Art Virus sein, ein Inklusionsvirus und einer für künstlerisches Wissen und künstlerische Forschung.“

Aus der Performance "Bürokrator" vom Potsdamer Inklusionslabor Hatschisi, hier Darstellerin Ursula Naß, die ihre Rolle so beschreibt: „Ich bin im Stück die letzte Instanz, die über das Werden entscheidet.“ Quelle: Harald Hoffmann

Als sich das inklusive Theaterlabor Hatschisi vor gut zwei Jahren in Potsdam gründete, stand es vor der großen Herausforderung, mit der jedes neue Ensemble am Anfang konfrontiert ist: einen gemeinsamen Rhythmus finden, sich auch ohne Worte verstehen lernen und schließlich sich vertrauen können. Die Zusammenarbeit begann mit einer ganzen Workshop- und Kennenlernwoche. „Da haben wir schnell gemerkt: Musik und Klang funktionieren im Tun und das hat uns gleich zusammengebracht“, berichtet Lidy Mouw. Die eingesetzten Klangtrommeln hatten für die Betreuer, die ebenfalls mitwirken, eine wichtige Funktion: Die Instrumente gaben Halt und Sicherheit. So wie ein Getränk in der Disco. Diese Sicherheiten haben die Spieler bei ihrem 2. Stück „Bürokrator“ losgelassen. Aktuell entsteht bereits das nächste Stück „Ateliere“. Was sind wir eigentlich für Vögel? Sind wir freiwillig im Käfig? Wie kreieren wir unsere Voliere? Diese Fragen haben sich Lidy Mouw und ihr Team gestellt. Sie wollen sie installativ bearbeiten, vieles bauen.

Bei der Performance "Bürokrator" vom Potsdamer Inklusionslabor Hatschisi im Rechenzentrum haben die Darsteller mit Unfarben etwa bei ihren Kostümen gearbeitet und mit Signalfarben wie neongelb und neonrosa, typischen Marker-Farben aus dem Büroalltag. Quelle: Harald Hoffmann

Als Lidy Mouw begann, integrativ zu arbeiten, hörte sie von Überlebenden Geschichten: Wie Menschen mit besonderem Pflegebedarf in den siebzigern Jahren noch uniform Blaumänner tragen mussten und eingesperrt wurden, sie hörte von der Zwangssterilisierung betroffener Frauen („das wird teilweise immer noch gemacht“) und fragte Menschen mit Behinderung, was sie mit ihrem ersten eigenen Geld machten. Einer hatte sich einen roten Lackkoffer für alle seine Schätze, seine persönlichen Dinge gekauft. Weil er immer damit rechnete, in seiner Wohnung nicht bleiben zu können, sondern weggesperrt zu werden. Mit inklusiven Ensemblen gestaltet sie „eher Ereignisse als Stücke, bei den Performances geht es um die Koexistenz von Publikum und Darstellern, um Feedbackschleifen und Informationsaustausch“.

Lidy Mouw: „Abstraktion ist für alle zugänglich“

In den kommenden Tagen treffen die „Hatschisis“ auf das Theater Im Dorf aus Nordrhein-Westfalen. Die beiden Theater- und Performancegruppen tauschen sich aus und gestalten am 3. Mai von 15 bis 18 Uhr die künstlerische Aktion „Zeichen“ auf dem Potsdamer Straßenfest vor dem Brandenburger Tor. Kommunikation, Austausch und Abbilder sollen eine Rolle spielen. Neue Stücke beginnen meist mit abstrakten Ideen. „Es ist ein Missverständnis, dass Abstraktion nur gebildete Menschen verstehen. Abstraktion ist für alle zugänglich“, sagt Lidy Mouw. Ursula Naß hofft auf viel neues Publikum und sagt mit einem schelmischen Augenfunkeln: „Die Gäste müssen nicht in Samt und Seide kommen.“

Anneliese Genrich, Lidy Mouw und Ursula Naß von Hatschisi Quelle: Michaela Grimm

Von Michaela Grimm

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