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So soll Potsdam künftig auch nachts strahlen

Tourismus So soll Potsdam künftig auch nachts strahlen

Wer nachts durch Potsdam schlendert, dem bleiben das Schloss, der Alte Markt und das Brandenburger Tor verborgen. Sie verschwinden in der Dunkelheit. Studenten der Fachhochschule wollen das ändern. Sie haben große Vorbilder.

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Die Nikolaikirche und das Alte Rathaus am Alten Markt in einer Langzeitaufnahme, die beide dunklen Gebäude hell erscheinen lässt.

Quelle: Rainer Schüler

Innenstadt. Zur Nacht klappt Potsdam seine Bürgersteige hoch. Geschäfte schließen, die Menschen kehren heim. Stille durchströmt die Straßen, Einsamkeit, es wird unheimlich. Die Laternen in der Brandenburger Straße verbreiten warmes, mattes Licht, die Schaufenster dagegen kaltes, grelles. Wer als Tourist Glück hat nach Ladenschluss, sieht an einem Ende des Bummelboulevards die Peter und Paul-Kirche strahlen und findet seinen Weg; das Brandenburger Tor am andern Ende aber ist verschwunden, oft sieht man auch die Kirche nicht, und auf der Einkaufsstraße fallen abschnittweise die Lampen aus.

Die Nikolaikirche ist Potsdams auffälligstes Gebäude, das gewaltigste, am weitesten sichtbare, tagsüber jedenfalls. Nachts steht der Koloss in einem Meer aus Dunkelheit und mit ihm das Alte Rathaus, zu Füßen bleich erhellt von Straßenlampen und Bauscheinwerfern. Nur das Fortuna-Portal des Landtagsschlosses erstrahlt von innen.

Ganz oben auf der Beleuchtungsliste: St. Nikolai

Studenten der Fachhochschule Potsdam fanden das einfach nur peinlich, zwei ihrer Professoren ebenso. Das muss nicht sein, sagen sie und gingen dem Beleuchtungschaos auf den Grund. Sie nahmen die Verkehrsströme unter die Lupe, schauten sich die wichtigsten Bauwerke am Tage und des Nachts an und stellten eine Liste auf von dem, was unbedingt beleuchtet werden sollte, ganz oben steht St. Nikolai.

„Das ist doch etwas Wunderbares“, ist der Bürgerverein „Potsdamer Innenstadt“ begeistert. Die Ausleuchtung von Sehenswürdigkeiten schaffe eine „ganz besondere Atmosphäre, die dazu einlädt, in ihrer Umgebung zu verweilen“, sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Uwe Meybohm. Das erhöhe die Aufenthaltsqualität in der historischen Innenstadt, natürlich auch für die Touristen. „Und wir wollen doch noch mehr Gäste motivieren, von Berlin aus nicht nur einen Tagesausflug in unser schönes Potsdam zu unternehmen, sondern einige Tage hier zu bleiben.“

Jürgen Zesche hat sich in einer Sommernacht mal auf den Weg gemacht durch Potsdams City und war verblüfft. „Ich lebe in dieser Stadt und habe alles schon gesehen, aber dass es so schlimm ist, war mir nicht bewusst.“ Am Hauptbahnhof schnallte er sich eine Action-Kamera an den Fahrradhelm, stieg aufs Rad und trat in die Pedale. Er kennt die Weg, sieht sie aber meistens nicht. Mit Schrifteinblendungen muss er im Film erklären, wo er gerade ist. Streckenweise sollte man den Film schneller ablaufen lassen, empfiehlt er dem Betrachter. Die Nikolaikirche fällt als Orientierung aus in seinem Film, Peter und Paul auch.

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Am Fimmuseum fällt immer wieder mal die tiefe Beleuchtung des linken Haupteinganges aus.

Quelle: Rainer Schüler

Das Brandenburger Tor bekommt nur Straßenlicht ab

Am Filmmuseum huscht er vorbei, nur das rechte Portal ist angestrahlt, die Scheinwerfer am Haupteingang sind ausgefallen, wieder mal. Von der Breiten Straße aus sieht man hoch über den Häusern den Monopteros des Militärwaisenhauses leuchtend schweben; das tut er beharrlich; seine Lichter gehen scheinbar nie kaputt. Die Pumpwerk-Moschee hundert Meter weiter an der Havelbucht liegt in der Dunkelheit. Das Brandenburger Tor am Luisenplatz bekommt selbst für die stadtauswärts weisende Prachtfassade nur Straßenlampenlicht ab, während das Hotel dahinter mit „Geisterlicht“ von unten angeleuchtet wird. „Gruselig“ nennt Zesche das: „Wie eine Taschenlampe unterm Kinn.“ Im Sommer leuchtet die Fontäne auf dem Platz schwach bunt und wechselhaft. In der Kurve zur Hegelallee sieht man links den Kampanile der Friedenskirche von innen strahlen; die Beleuchtung der Bauten im Park Sanssouci ist Klassen besser als die der Stadt.

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Relativ gut beleuchtet: das Nauener Tor

Quelle: Christel Köster

Viele Städte haben Nachtansichten als Postkartenmotiv – Potsdam nicht

In Halbdunkelheit und fahlem Straßenlicht steht en passant das Jägertor; grelles Licht an mehreren Verwaltungsbauten blendet den Radler, ehe das Nauener Tor ins Sichtfeld kommt: Seitliche Scheinwerfer schälen es aus der Umgebungsdunkelheit. Gastronomen lenken hinter ihm mit grellem Grün auf einem sommergrünen Baum und rotem Licht an einer roten Hauswand Blicke auf sich; das Voltaire-Hotel schräg gegenüber hat wieder diese Geisterstrahler zu seinen Füßen. Im Holländischen Viertel ist kein Backsteinhaus beleuchtet.

Würde man aber all die historischen Gebäude anstrahlen, schüfe man Verbindungen unter ihnen und weite Sichten von den Bergen um die Stadt, dem Babelsberg, dem Wilhelmblick des Brauhausbergs, dem Pfingstberg-Belvedere. Was tagsüber viele Sichtbeziehungen hat, hätte sie auch nachts, finden die Studenten. St. Nikolai gehörte schon immer zum Dreikirchenblick von Potsdam; seine Kuppel ist auf alten Postkarten neben dem Atlas auf dem Alten Rathaus und der Caritas-Figur des Waisenhauses zu sehen, neben dem Turm der Garnison- und dem der Heilig-Geist-Kirche, beide abgerissen nach dem Krieg. Das Zusammenspiel der Türme zeigt heute keine Ansichtskarte mehr; Nachtbilder von Potsdam gibt es nicht zum Postversand. Und gibt es doch einmal ein Foto aus der Nacht, ist das Gebäude nicht beleuchtet: Die Kamera hat es erhellt als Langzeitbelichtungsbild.

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Auch das Alte Rathaus am Alten Markt, neben der Nikolaikirche, hat nur Straßenlampenlicht.

Quelle: Rainer Schüler

Potsdam hat große Vorbilder für Beleuchtungskonzepte

Überall macht man es besser als in Potsdam. Man sieht es im Vergleich St. Nikolais mit seinem Vorbild und den Schwesterbauten. Am Anfang stand der Petersdom zu Rom, ein Werk des Michelangelo und des Lorenzo Bernini, ein Bauwunder am Tage und zur Nacht, berauschend schön beleuchtet. Volles Licht auch auf der St. Paul’s Cathedral in London, dem Capitol zu Washington und sogar dem El Capitolio Havannas. So massiv muss man es nicht machen, findet Volker von Kardorff, Berliner Honorarprofessor der Fachhochschule Potsdam, Träger des Deutschen Lichtdesignpreises 2013, Schöpfer der Beleuchtung des Brandenburger Tores zu Berlin. LED’s sind seine Leuchtmittel der Wahl für Potsdam; dezentes, aber trotzdem helles Licht geben sie, extrem sparsam sind sie auch. 30000 bis 40000 Euro würde die Lichtanlage für St. Nikolai kosten, sagt er. 20 Scheinwerfer mit jeweils 80/90 Watt Leistung bräuchte man, um eine Fernwirkung zu schaffen, wie seine Studenten sie simuliert haben. Bei vier Beleuchtungsstunden nachts würde das keine 2400 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbrauchen; die Tageskosten lägen bei lächerlichen 1,36 Euro.

Wichtig ist nicht nur die Volt-Frage – auch die Ersatzfrage

Die LED’s beherrschen inzwischen auch den Scheinwerfermarkt, sagt Volker von Kardorff. „Sie sind das beste Leuchtmittel dieser Zeit, aber auch nicht ideal.“ Die Lichtausbeute ist nämlich schwächer, und sie altern. Nach rund 50.000 Betriebsstunden bringen sie nur noch 70 bis 80 Prozent ihrer Leistung, was man ausgleichen kann. Man versorgt sie nämlich zum Start nur mit 70 bis 80 Prozent des Normstroms und gibt ihnen mit den Jahren immer mehr. Wenn sie dann 120 bis 130 Prozent Strom verbrauchen, haben sie dieselbe Leuchtkraft. Was aber tun, wenn man ein LED-Scheinwerfer den Geist aufgibt. „Mann kann dann nicht einfach die Birne raus- und eine neue rein drehen, wie man das zu Hause macht“, sagt Kardorff. Daheim dreht man die Birne raus und schmeißt sie mitsamt dem eingebauten Trafo weg, der 220 Volt auf 12 bis 24 Volt herunter regelt. Die LED’s sind in der Birne aufgelötet und nicht wechselbar. Auch beim LED-Scheinwerfer ist das so; auch er wird komplett weggeworfen. Damit ein neuer Scheinwerfer nicht inmitten müder Brüder heller leuchtet, schafft man gleich am Anfang eine gewisse Zahl Ersatzscheinwerfer an und lässt sie im Verborgenen mitleuchten, wenn die erste Garde ihren Dienst tut. Versagt einer aus der „Frontlinie“, tritt ein „heimlich mitgealterter“ an seine Stelle. „Das ist alles lösbar“, sagt Kardorff, „wenn man will.“

Trotzdem weigert sich die Stadt bislang, ein Lichtkonzept erstellen zu lassen, das neben der Illumination von wichtigen Gebäuden auch eine Neuordnung des Straßenlichts und der Beleuchtung von Gaststätten und Werbeträgern umfasst. 2013 fand ein entsprechender Vorschlag der Grünen keine Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Zu teuer, fand die Stadt damals; es gab keine Förderung. Die gibt es jetzt wieder, denn eine sparsamere Stadtbeleuchtung ist ökologischer, senkt den Kohlendioxidausstoß. Also machen die Grünen einen neuen Vorstoß, und die FH-Studenten hoffen wieder, dass ihre Studie nicht umsonst gewesen ist.

 

Von Rainer Schüler

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