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Spitzenforschung auf dem Telegrafenberg

Wissenschaft in Potsdam Spitzenforschung auf dem Telegrafenberg

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Potsdamer Telegrafenberg wegweisende Forschung etwa bei der Vermessung der Erde betrieben. Seit der Wende erlebt der Standort seine zweite Blüte. Die Konzentration von Erdsystem- und Klimaforschung ist einzigartig. Und alles findet in einer Umgebung statt, um die die Wissenschaftler beneidet werden.

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Sozusagen der Gipfel des Berges: Das frühere Astrophysikalische Observatorium gehört heute zum Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Quelle: Pik

Teltower Vorstadt. Das eigentümliche Gerät, das dem Potsdamer Telegrafenberg seit 1832 seinen Namen gibt, ist als Nachbau immer noch auf dem Gelände des heutigen Wissenschaftsparks Albert Einstein zu bewundern. Es steht in der Nähe des alten Gebäudes des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik), dem Michelson-Haus. Eine große Stange mit Schwenkarmen zum Herauf- und Herunterklappen. Die Vorrichtung konnte Buchstaben und Zahlen chiffrieren. Der erste Bauabschnitt des sogenannten Preußischen optischen Telegrafen mit zunächst 14 Stationen wurde schon November 1832 fertiggestellt. Die Strecke verlief über den Potsdamer Telegrafenberg und Brandenburg an der Havel bis nach Magdeburg.

Fünf Institute von größter Bedeutung

Das Deutsche Geoforschungszentrum GFZ (eigentlich: Helmholtz-Zentrum Potsdam GFZ – Deutsches Geoforschungszentrum, ist ein Herzstück des neuen Wissenschaftsparks auf dem Telegrafenberg. Etwa 1600 Wissenschaftler erforschen im nationale Forschungszentrum für Geowissenschaften in sieben Abteilungen allles rund um unseren Heimatplaneten. Die Abteilung Geodäsie vermisst mit Satelliten die Wasserverteilung auf der Erde neu, die Geophysik erforscht unter anderem Erdbeben- und Vulkanrisiken, die Abteilung Geoservices ist für die Überwachung des weltweit geachteten Tsunami-Frühwarnsystems zuständig,

Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik) ist ein Ergebnis der Wende. Gezielt wurde das Institut 1992 eingerichtet für wissenschaftlich und gesellschaftlich bedeutende Fragestellungen im Bereich Globaler Wandel, Klimawirkung und Nachhaltige Entwicklung. Die Natur- und Sozialwissenschaftler erarbeiten interdisziplinäre Einsichten, die eine Grundlage für Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sein sollen.

Das Alfred-Wegener-Institut (AWI) hat seinen Hauptsitz in Bremerhaven. Die Potsdamer Zweigstelle befasst sich vor allem mit Permafrostgebieten, insbesondere den Dauerfrostgebieten Sibiriens und der arktischen Inselgruppe Spitzbergen. Hier warnt das AWI vor dem Auftauen der Permafrostböden, was das klimaschädliche Methan freisetzen würde.

Das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam hat vor allem aus historischen Gründen noch ein Bein in seinem alten Standort Telegrafenberg. Schließlich waren das Observatorium und der Große Refraktor bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts die Forschungseinrichtung der Astrophysik in Potsdam. Aber der berühmte Einstein-Turm ist nicht nur Zierrat und Tourismusattraktion. Noch heute werden im expressionistischen Meisterwerk des Architekten Erich Mendelsohn die Magnetfelder der Sonne gemessen.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat seine Potsdamer Niederlassung in der Michendorfer Chaussee 23. Aber auch auf dem Telegrafenberg gibt es Infrastruktur. Unter anderem ist dort die Messwiese, auf der die älteste meteorologische Messreihe Deutschlands noch heute fortgeführt wird. Außerdem gibt es eine Messstation für die Luftradioaktivität.

Obwohl die Übermittlung etwas holprig war – eine Botschaft mit 30 Wörtern brauchte bis zu vollständigen Übermittlung von Berlin nach Köln im 1848 rund eineinhalb Stunden – darf diese mechanische Telegrafie als Geburtsstunde des heutigen Wissenschaftsparkes gelten. Denn in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurden nicht zuletzt wegen der erhöhten Lage, ausgehend von dem 1876 bis 1879 gebauten Astrophysikalischen Observatorium rund um diesen Kern mehrere Observatorien errichtet, deren Klinkerbauten auch heute noch das Aussehen des Wissenschaftsparkes prägen. In den 90er-Jahren kamen weitere Bauten hinzu, die den Telegrafenberg heute zu einem weltweit geachteten Zentrum, der Erdsystem- und Klimaforschung sowie der Sonnen- und Wetterobservation machen.

Der schönste Campus in Deutschland

„Der Telegrafenberg ist der schönste Campus, den Deutschland vorzuweisen hat“, sagt der Geodät Harald Schuh. „Jeden Tag freut man sich, wenn man durch die Anlage geht.“ Die Bäume, der Wald und die Tiere auf dem Hügel seien schon ein beflügelnder Arbeitseinstieg. Vor allem aber atmeten die vielen Klinkerbauten in dem Park den Geist einer großen Wissenschaftsgeschichte. „Es beschäftigt mich schon, wer hier schon alles gearbeitet hat“, sagt Schuh.

Er denkt an Wissenschaftsgiganten wie Albert Einstein, an den sogar namentlich das Sonnenobservatorium namens Einsteinturm erinnert oder den Astrophysiker Karl Schwarzschild, der in Potsdam erste genaue Lösungen von Einsteins Feldgleichungen vorlegte oder auf dem Telegrafenberg grundlegende Arbeiten zu Schwarzen Löchern erstellte. Vor allem aber denkt Schuh natürlich an Friedrich Robert Helmert.

Der Einsteinturm auf dem Telegrafenberg

Der Einsteinturm auf dem Telegrafenberg.

Quelle: Christel Köster

Der Gründervater der Geodäsie

„Man kann ihn zurecht den Vater der geodätischen Wissenschaft nennen“, so Schuh. Der Professor und Leiter der Abteilung Geodätische Weltraumverfahren des Deutschen Geoforschungszentrums (GFZ) muss es wissen. Schließlich ist Schuh ein direkter Nachfolger von Helmert. Und dieser wiederum ist einer der Gründungsväter des heutigen Wissenschaftsareals, auch wenn seine Methoden kaum noch etwas mit der Forschung des 21. Jahrhunderts zu tun haben. Schuh selbst arbeitet noch in dem Haus, in dem Friedrich Robert Helmert zwischen 1886 und 1917 die Geodäsie als Wissenschaft begründete. Das von 1889 bis 1892 errichtete Haus des Geodätischen Königlichen Instituts Potsdam war nach dem 1879 fertig gestellten Astrophysikalischen Observatoriums das zweite Gebäude auf dem heutigen Wissenschaftspark.

Letztlich geht es bei der Geodäsie um die genaue Vermessung der keineswegs vollkommen kugelförmigen und überall gleich stark anziehenden Erde. Helmert und seine Nachfolger überzogen die Erde mit einem immer feineren Netz, in welchem die Winkel gemessen wurden, um daraus die Positionen der Netzpunkte zu bestimmen. Dies wurde zum Beispiel als Grundlage für Katasterämter und somit für eine objektive Bestimmung von Besitzverhältnissen verwendet. Heute spielen ganz andere Dinge eine Rolle. Helmerts Arbeit sei es zu verdanken, dass moderne Werkzeuge wie die Navigation durch GPS überhaupt funktionieren. „Wir verwenden heute in der Geodäsie natürlich Satelliten“, sagt Schuh. So wird die amerikanisch-deutsche Satelliten-Mission Grace, die die Verteilung von Grundwasser und das Abschmelzen von Eis auf der Erde erforscht, auch vom GFZ auf dem Telegrafenberg geleitet.

Vergangenheit und Zukunft sind gegenwärtig

In unmittelbarer Nachbarschaft zu Schuhs Arbeitsplatz findet sich einer der berühmtesten Bauten des Hügels: Das Michelson-Haus wurde schon 1879 als Sitz des ersten Astrophysikalischen Observatoriums der Welt eröffnet. Es war das erste Institut, das nach Entdeckung der Spektralanalyse die Physik der Sterne untersuchte. Von diesem Zweck kündigen noch heute die Sternensymbole am Fries. Allerdings versammelt sich in dem Haus auf dem Gipfel des Berges seit 1998 die Leitung des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung. (Pik)

Pik-Direktor Hans Joachim Schellnhuber, der sozusagen auf dem Gipfel des Telegrafenbergs logiert, steht Schuh im Lob des Ortes nicht nach: „Der Telegrafenberg ist einer der faszinierendsten Wissenschaftsstandorte weltweit - nicht nur wegen der exzellenten Forschung, die hier heute stattfindet, sondern auch wegen seiner großartigen Geschichte und historischen Gebäude“, sagt der weit gereiste Klimaexperte. Der Ort atme nicht nur den Geist der Wissenschaftsgeschichte, mit seiner jetzigen Ausstattung verweise er weit in die Zukunft. Mit dem neuen Supercomputer im Tiefgeschoss des Pik-Neubaus hätten die Forscher ihr eigenes Hochtechnologie-Labor: „Im Rechner bauen wir das Klimasystem nach und können damit Experimente durchführen zur Zukunft der Welt“, so Schellnhuber.

Indirekt weist der Pik-Direktor darauf hin, dass nicht nur Gebäude wie das von den Klimaforschern benutzte Michelson-Haus oder der große Refraktor oder der weltberühmte Einsteinturm von Erich Mendelsohn den Wissenschaftspark prägen. Sein heutiges Gesicht, das ihm zum Ort der Spitzenforschung macht, bekam er nach der Wende. Doch so modern und funktional die Planer den Park entwickelten, sie taten einiges um den Glanz der alten Zeiten ins richtige Licht zu rücken.

Stilvoller Umgang mit der Geschichte

„Klar ist es, dass es von Anfang an ein Anliegen war, das Neue immer nur am Rand des historischen Parkes anzulegen“, sagt der Leiter Allgemeine und Technische Dienste am Geoforschungszentrum, Martin Pestke. Schon Mitte der 90er wurden die recht zahlreichen Häuser für das Geoforschungszentrum errichtet. Aber nicht nur schmiegt sich das Haupthaus sehr flach in den Hang, die großen aneinander gereihten Forschungsgebäude sind ganz an den Westrand gedrängt und doch gut erreichbar. Die Potsdamer Zweigstelle des Alfred-Wegner-Instituts für Meeres und Polarforschung, 1999 in einen schlichten Klinkerbau gezogen, wurde am Südrand des Hügels situiert. Selbst das neueste Prachtstück des Parkes, das nach ökologischen Kriterien errichtete, im September 2015 eingeweihte Pik-Hauptgebäude, versteckt sich wie ein überdimensioniertes Kleeblatt dezent zwischen Bäumen. „Auch die Wegestruktur von Peter Joseph Lenné wurde erhalten“, sagt Pestke. „Zum Teil sind es noch die Originalwege aus dem 19. Jahrhundert“, so Pestke.

Dieses Geschichtsbewusstsein tue der Funktionalität für die Klima- und Erdsystemforschung auf dem Hügel aber keinerlei Abbruch. „Der Park funktioniert technisch und betrieblich unheimlich gut“, sagt Pestke. Alle Gebäude und Wissenschaften gingen auf dem Telegrafenberg eine hervorragende technische und wissenschaftliche Verbindung miteinander ein. Ergebnis: Kollegen, die von weit her kämen, staunen immer wieder, wenn sie die Potsdamer Wissenschaftslandschaft mitten im Wald betreten. „Haben Sie es hier schön“, lautet der Standardsatz. Selbst wenn nicht jeder mit jedem einzelnen Neubau einverstanden sei, so Pestke, „das Ensemble selbst wird durchweg gelobt“.

Von Rüdiger Braun

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