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Potsdam Potsdam will alten Hauptbahnhof beleben
Lokales Potsdam Potsdam will alten Hauptbahnhof beleben
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00:36 30.05.2015
Die Gleise links und rechts der beiden oberen Bahnsteige sind abgebaut und haben den Fahrleitungsmasten der Mittelgleise Platz gemacht. Quelle: Rainer Schüler
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Pirschheide

Die Stadt will eine „möglichst kurzfristige Wiederinbetriebnahme“ der oberen Bahnsteige des Haltepunktes Pirschheide. Das Land Brandenburg hat diese Maßnahme sogar zum Bestandteil des Landesnahverkehrsplanes 2013-2017 gemacht. Doch der Zeitraum ist zur Hälfte um, und es passiert gar nichts. Verkehrsplaner Detlef Pfefferkorn erklärte am Dienstag den irritierten Mitgliedern des Bauausschusses, die Stadtverwaltung sei „am Thema dran“ und stehe der Deutschen Bahn und dem Land „auf den Füßen“ wegen der Bahnhofsbelebung. Wann es Bewegung in der Sache geben wird, konnte Pfefferkorn nicht sagen. Den Werdegang des Bahnhofes und den Sachstand erklärt die MAZ an dieser Stelle.

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Die alte Schalterhalle mit dem berühmten Leuchtstoffröhren-Kronleuchter. Die Gepächaufbewahrung und -verschickung befand sich ganz links, daneben die Fahrkartenschalter. Gegenüber einige Läden. In der Mitte gab es bis 1963 eine Fahrkartenkontrolle, unter anderem zum Entwerten der weißen Bahnsteigkarten für 20 Pfennig.

Warum gibt es den Bahnhof am Stadtrand überhaupt?

Durch die Spaltung Berlins und Deutschlands war für die Deutsche Reichsbahn (DR) der DDR die Situation im Bahnverkehr in und um West-Berlin extrem kompliziert geworden. Also plante man eine Umfahrung West-Berlins mit Verbindungen ins nordwestliche, westliche und südwestliche Berliner Umland. Bis 1954 waren große Teile des neuen Außenrings fertig; am 30. September 1956 wurde der letzte Ringabschnitt Golm–Saarmund mit Querung des Templiner Sees in Betrieb genommen. Der Bahnhof in der Pirschheide wurde eröffnet am 18. Januar 1958 als Bahnhof Potsdam-Süd. Als Architekten werden Wolfgang Dreßler und Walter Mempel genannt. Von 1961 bis 1993 war er der Hauptbahnhof von Potsdam und nach dem Bahnhof Flughafen Berlin-Schönefeld die wichtigste Station des Berliner Außenrings. Obwohl sie fernab vom Stadtzentrum lag, war sie so stark nachgefragt, dass sie oft an ihre Kapazitätsgrenzen stieß und Züge auf freier Strecke warten mussten.

In der MAZ erinnert sich eine ehemalige Kioskfrau an ihre Zeit am Bahnhof Pirschheide.

Das Bauwerk wurde als Turmbahnhof konzipiert und verfügte im unteren Bahnhofsteil über einen Bahnsteig mit zwei Gleisen und im oberen Teil über zwei Mittelbahnsteige mit vier Gleisen sowie zwei Durchgangsgleise für den sehr starken Güterverkehr. Von der Halle führte ein Tunnel zum unteren Bahnsteig und ein weiterer Tunnel zu den Aufgängen für die oberen Bahnsteige.

Seit dem 2. Oktober 1960 hieß der Bahnhof Potsdam-Hauptbahnhof. Der alte Potsdamer Bahnhof, der heutige Hauptbahnhof, erhielt den Namen Potsdam-Stadt und diente nach Errichtung der Berliner Mauer bis 1990 lediglich dem Nahverkehr mit Dieselzügen. Auch Interzonenzüge wurde hier abgewickelt. Der schnelle Nahverkehr nach Berlin (Ost) wurde mit zunächst dunkelgrünen, später rot-beigen Doppelstockzügen betrieben, den „Sputniks“. Vom unteren Bahnsteig fuhren Nahverkehrszüge nach Babelsberg über Potsdam-Stadt in Richtung Wildpark und weiter nach Beelitz und Jüterbog.

Welche Folgen hatte die deutsche Wiedervereinigung?

Mit der Wiedervereinigung verlor der Bahnhof an Bedeutung, da der Personen-Fernverkehr wieder über die Berliner Stadtbahn statt über den Berliner Außenring geführt wurde. Seit 1991 hielten keine Fernzüge mehr im Bahnhof, der 1993 in Potsdam-Pirschheide umbenannt wurde. Der Bahnhof Potsdam-Stadt erhielt seine ursprüngliche Funktion als Hauptbahnhof zurück und wurde 1999 in Potsdam-Hauptbahnhof umbenannt.

Der Bahnhof Pirschheide blieb zunächst noch im Regionalverkehr von Bedeutung. Neben den Sputnik-Zügen nach Werder (Havel) bzw. Flughafen Berlin-Schönefeld–Berlin-Karlshorst im Stundentakt fuhren bis 1994 noch Züge auf dem westlichen Außenring nach Falkenhagen bzw. zeitweise nach Oranienburg-Ludwigsfelde. Mitte der 90er gab es kurzzeitig den Versuch, eine Regionalexpress-Linie von Potsdam nach Finsterwalde und Cottbus einzurichten. Vom unteren Bahnhofsteil verkehrten Züge alle zwei Stunden in Richtung Beelitz – Jüterbog bzw. Potsdam-Stadt. Die Fahrkartenschalter im Bahnhof wurden 1994 mangels Bedarfs geschlossen, die Geschäfte bereits vorher.

1998 bekam die direkte Linie nach Schönefeld einen neuen Verlauf und verkehrt seitdem durch den unteren Bahnhofsteil. Auf den oberen Gleisen verblieb bis 1999 noch ein einziges Zugpaar von Strausberg nach Golm. Seit 1999 ist dieser Bahnhofsteil geschlossen. Allein die zwei durchgehenden Gütergleise sind in Betrieb.

Wie sieht der Bahnhof heute aus?

Die Anlage gleicht einem Geisterbahnhof: Wildwuchs auf den Bahnsteigen, zerschlagene Scheiben und Kachelwände, abgeriegelte Treppenhäuser, verbretterte Kioske und Wartesäle, Graffiti überall, Nässeschäden in den Tunneln, wo die Decke in Fetzen hängt. Die Gleise an den Bahnsteigen des „oberen Bahnhofs“ und sämtliche Weichenverbindungen sind abgebaut worden, hier stehen jetzt Masten für die Fahrdrähte der Mittelgleise. Seit der Elektrifizierung des unteren Gleises 1999 ist nur noch ein einziges Gleis (Gleis 1, das ehemalige Gleis 7) in Betrieb als Haltepunkt, des nachts gespenstisch spärlich beleuchtet. Das Bahnhofsgebäude wurde zum Jahreswechsel 2006/07 geschlossen und vermauert, nur die Gastronomie hat noch geöffnet. Die oberen Im Jahr 2013 wurde der „Bahnhof Potsdam-Pirschheide mit gepflastertem Vorplatz“ allerdings in die Denkmalliste des Landes Brandenburg aufgenommen, ihne dass das positive Folgen für den Erhalt des Bahnhofes hätte.

Wem gehört der Bahnhof heute?

Im Jahr 2012 erwarb ein Unternehmer aus Werder (Havel) das Bahnhofsgebäude. Ursprünglich plante er, das Gelände für seine Firma zu nutzen. Jetzt will er ein Kulturzentrum daraus machen; die Bowlinggaststätte soll im Gebäude bleiben.

Welche Verkehre werden hier noch abgefertigt?

Der untere Bahnsteig wird vom Regionalverkehr genutzt. Von 1998 bis 2011 fuhr dort die Linie RB 22 von Potsdam über Caputh nach Schönefeld, seit Dezember 2011 hält die Regionalbahnlinie RB 23 von Potsdam nach Michendorf in Pirschheide. Die Linie RB 22 verkehrt seitdem über den Berliner Außenring und durch die Anlagen des ehemaligen oberen Bahnhofsteils von Pirschheide. Eine Wiederinbetriebnahme der oberen Bahnsteige wird seitens der Stadt und des Landes gewünscht, um die Linien RB 22 und RB 23 zu verknüpfen und so eine Umsteigemöglichkeit von Caputh und Michendorf in Richtung Schönefeld (BER-Flughafen) zu ermöglichen.

Was tut die Stadt für die Wiederbelebung des Bahnhofs?

Sie verhandelt mit dem Land, dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg und der DB AG, bislang ohne Erfolg. Das jüngste Treffen dazu gab es am 16. März 2015. Für den Bahnhof als Halt der Schönefeld-Linie spricht eine Analyse von 2011, die ein hohes zusätzliches Fahrgastaufkommen für diesen Verkehrshalt prognostiziert. Die Planungen zur Wiederinbetriebnahme obliegen dem zuständigen Betreiber der Station, der DB Station & Service AG, doch war bis gestern Abend von der Bahn keine Stellungnahme zu bekommen.

Die Stadt sieht allerdings „keinen direkten Zusammenhang“ der Belebung des „oberen Bahnhofes“ mit der Entlastung der Verkehrsmengen in der Zeppelinstraße, weil die Bahn hier überwiegend nicht Kunden mit Ziel Potsdamer City aufnehmen dürfte, sondern hauptsächlich in Richtung Flughafen BER.

SIEHE AUCH: In Brandenburg gibt es so einige marode Bahnhöfe. Millionensummen wurden oder werden investiert. Einige dieser Bahnhöfe – darunter auch den Bahnhof Pirschheide – haben wir besucht und fotografisch und filmisch dokumentiert. Zu finden unter www.MAZ-online.de/bahnhof – für Pirschheide unter www.MAZ-online.de/Bf-Pirschheide.

Von Rainer Schüler

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