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Potsdam Stadt wusste von Blei im Trinkwasser
Lokales Potsdam Stadt wusste von Blei im Trinkwasser
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08:28 08.06.2016
Sauberes Trinkwasser ist ein hohes Gut. Quelle: dpa
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Potsdam

Spielt die Landeshauptstadt mit der Gesundheit ihrer Einwohner? Wie der MAZ jetzt bekannt wurde, hat der kommunale Trinkwasserversorger EWP die vom Bundesgesetzgeber gesetzte Frist für den Austausch von bleihaltigen Hausanschlüssen verstreichen lassen und inzwischen sogar um mehr als zweieinhalb Jahre überzogen. Eine betroffene Familie aus Babelsberg hat Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt. Die Bleiwerte in ihrem Trinkwasser überschritten das Fünffache der zulässigen Menge. Ein Arzt attestierte den Kindern einen pathologisch hohen Blutbleispiegel und warnte davor, das Wasser aus den Leitungen zu trinken.

Stadtwerke-Tochter ist für Leitungen zuständig

Bereits seit dem 1. Dezember 2013 gilt laut der bundesweit geltenden Trinkwasserverordnung ein Grenzwert für Blei von 0,010 mg/l. Da die Werte in Bleileitungen in der Regel aber höher sind, waren diese gegen Rohre aus besser geeigneten Werkstoffen auszutauschen. Dafür hatte der Gesetzgeber den Versorgern vom Inkrafttreten der Trinkwasserverordnung am 1. Januar 2003 bis zum 1. Dezember 2013 eine Frist von zehn Jahren eingeräumt.

Die Trinkwasserversorger sind laut bundesrechtlicher Verordnung für die Einhaltung der Grenzwerte für gesundheitsgefährdende Inhaltsstoffe bis zum Abgabepunkt in die Hausanlage zuständig. Dieser Übergabepunkt ist laut Bundesgesetzgebung der Hauswasserzähler. Das bedeutet also, dass die Stadtwerke-Tochter EWP auch für die Leitungen zuständig ist, die von der Hauptleitung abzweigen, über das Grundstück verlaufen und gewissermaßen ans Haus andocken. Als die Zeit drängte, erließ die Stadt Potsdam im Jahr 2013 allerdings eine eigene Satzung, die die Zuständigkeit für die Hausanschlüsse auf die Grundstückseigentümer überträgt und so die bundesrechtliche Verordnung unterläuft.

Blei macht dumm

Blei ist ein giftiges Schwermetall. Es reichert sich im Körper an und beeinträchtigt besonders die Blutbildung und die Intelligenzentwicklung. Deshalb sind schwangere Frauen, Ungeborene, Säuglinge und Kleinkinder besonders gefährdet.

Die Hauptquelle für Blei im Trinkwasser sind Bleirohre. Häuser, die nach 1973 erbaut wurden, sind nicht betroffen. Seit dieser Zeit wurden in ganz Deutschland keine Bleirohre mehr verwendet.

Mögliche weiter Bleiquellen sind Bauteile aus verzinktem Stahl und Rohrverbinder, Armaturen, Apparate und Pumpen aus Kupferlegierungen.

Rund 23.000 Trinkwasserhausanschlüsse gibt es laut Stadtsprecher Jan Brunzlow im Potsdamer Stadtgebiet. 280 davon seien noch immer Bleileitungen. Wiederum 159 davon befinden sich laut Brunzlow in der Auswechslung. „Die restlichen werden zur Zeit bearbeitet.“ Dafür verabrede man zunächst Vor-Ort-Termine mit den Kunden.

Anzeige ist bereits von der Staatsanwaltschaft abgewiesen worden

So ein Vor-Ort-Termin war es, der die Babelsberger Familie vor einigen Monaten aufschreckte. „Über Bleirohre in unserem Hausanschluss wurden wir nicht informiert“, sagt der Familienvater, dessen Name der MAZ bekannt ist. Dabei wäre genau das Pflicht der EWP gewesen: Wasserversorger, die ihre Bleirohre nicht bis zum 1. Dezember 2013 ausgewechselt hatten, erhielten vom Bundesministerium für Gesundheit die Anweisung, die betroffenen Verbraucher schriftlich oder per Aushang unabhängig von der Bleikonzentration im Trinkwasser zu informieren.

Die Staatsanwaltschaft hat die Strafanzeige der Familie inzwischen „Mangels Anfangsverdachts einer Straftat“ abgewiesen und gar nicht erst ermittelt. Die Familie will sich damit nicht zufrieden geben. „Wir verfolgen die Sache auf jeden Fall weiter“, so der Vater. Immerhin habe die Stadt Potsdam seit spätestens 2003 Kenntnis, dass an etlichen Abgabepunkten für Trinkwasser dessen gesetzlich vorgeschriebene Qualität nicht gewährleistet ist. „Den Akteuren in der Stadt war es aber offensichtlich viel wichtiger, teure Architektenwettbewerbe für ein Spaßbad, Stadtwerkefeste und andere schöne Dinge auszurichten, anstatt die erforderlichen Umbauten am Versorgernetz für die Bürger vorzunehmen, damit sie sauberes Trinkwasser erhalten“.

Von Nadine Fabian

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