Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° Sprühregen

Navigation:
Stadt wusste von Blei im Trinkwasser

Veraltete Hausanschlüsse in Potsdam Stadt wusste von Blei im Trinkwasser

Mit einem neuen Grenzwert für Blei im Trinkwasser wurde Ende 2013 das endgültige Aus für Bleirohre besiegelt. Doch in Potsdam ticken die Uhren anders. Von den 23.000 Hausanschlüssen sind noch immer nicht alle modernisiert worden – dabei war die Stadtwerke-Tochter EWP dazu verpflichtet. Eine Familie hat nun Anzeige erstattet.

Potsdam 52.3905689 13.0644729
Google Map of 52.3905689,13.0644729
Potsdam Mehr Infos
Nächster Artikel
Zweiter Anlauf für Badestelle in Potsdam West

Sauberes Trinkwasser ist ein hohes Gut.

Quelle: dpa

Potsdam. Spielt die Landeshauptstadt mit der Gesundheit ihrer Einwohner? Wie der MAZ jetzt bekannt wurde, hat der kommunale Trinkwasserversorger EWP die vom Bundesgesetzgeber gesetzte Frist für den Austausch von bleihaltigen Hausanschlüssen verstreichen lassen und inzwischen sogar um mehr als zweieinhalb Jahre überzogen. Eine betroffene Familie aus Babelsberg hat Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt. Die Bleiwerte in ihrem Trinkwasser überschritten das Fünffache der zulässigen Menge. Ein Arzt attestierte den Kindern einen pathologisch hohen Blutbleispiegel und warnte davor, das Wasser aus den Leitungen zu trinken.

Stadtwerke-Tochter ist für Leitungen zuständig

Bereits seit dem 1. Dezember 2013 gilt laut der bundesweit geltenden Trinkwasserverordnung ein Grenzwert für Blei von 0,010 mg/l. Da die Werte in Bleileitungen in der Regel aber höher sind, waren diese gegen Rohre aus besser geeigneten Werkstoffen auszutauschen. Dafür hatte der Gesetzgeber den Versorgern vom Inkrafttreten der Trinkwasserverordnung am 1. Januar 2003 bis zum 1. Dezember 2013 eine Frist von zehn Jahren eingeräumt.

Die Trinkwasserversorger sind laut bundesrechtlicher Verordnung für die Einhaltung der Grenzwerte für gesundheitsgefährdende Inhaltsstoffe bis zum Abgabepunkt in die Hausanlage zuständig. Dieser Übergabepunkt ist laut Bundesgesetzgebung der Hauswasserzähler. Das bedeutet also, dass die Stadtwerke-Tochter EWP auch für die Leitungen zuständig ist, die von der Hauptleitung abzweigen, über das Grundstück verlaufen und gewissermaßen ans Haus andocken. Als die Zeit drängte, erließ die Stadt Potsdam im Jahr 2013 allerdings eine eigene Satzung, die die Zuständigkeit für die Hausanschlüsse auf die Grundstückseigentümer überträgt und so die bundesrechtliche Verordnung unterläuft.

Blei macht dumm

Blei ist ein giftiges Schwermetall. Es reichert sich im Körper an und beeinträchtigt besonders die Blutbildung und die Intelligenzentwicklung. Deshalb sind schwangere Frauen, Ungeborene, Säuglinge und Kleinkinder besonders gefährdet.

Die Hauptquelle für Blei im Trinkwasser sind Bleirohre. Häuser, die nach 1973 erbaut wurden, sind nicht betroffen. Seit dieser Zeit wurden in ganz Deutschland keine Bleirohre mehr verwendet.

Mögliche weiter Bleiquellen sind Bauteile aus verzinktem Stahl und Rohrverbinder, Armaturen, Apparate und Pumpen aus Kupferlegierungen.

Rund 23.000 Trinkwasserhausanschlüsse gibt es laut Stadtsprecher Jan Brunzlow im Potsdamer Stadtgebiet. 280 davon seien noch immer Bleileitungen. Wiederum 159 davon befinden sich laut Brunzlow in der Auswechslung. „Die restlichen werden zur Zeit bearbeitet.“ Dafür verabrede man zunächst Vor-Ort-Termine mit den Kunden.

Anzeige ist bereits von der Staatsanwaltschaft abgewiesen worden

So ein Vor-Ort-Termin war es, der die Babelsberger Familie vor einigen Monaten aufschreckte. „Über Bleirohre in unserem Hausanschluss wurden wir nicht informiert“, sagt der Familienvater, dessen Name der MAZ bekannt ist. Dabei wäre genau das Pflicht der EWP gewesen: Wasserversorger, die ihre Bleirohre nicht bis zum 1. Dezember 2013 ausgewechselt hatten, erhielten vom Bundesministerium für Gesundheit die Anweisung, die betroffenen Verbraucher schriftlich oder per Aushang unabhängig von der Bleikonzentration im Trinkwasser zu informieren.

Die Staatsanwaltschaft hat die Strafanzeige der Familie inzwischen „Mangels Anfangsverdachts einer Straftat“ abgewiesen und gar nicht erst ermittelt. Die Familie will sich damit nicht zufrieden geben. „Wir verfolgen die Sache auf jeden Fall weiter“, so der Vater. Immerhin habe die Stadt Potsdam seit spätestens 2003 Kenntnis, dass an etlichen Abgabepunkten für Trinkwasser dessen gesetzlich vorgeschriebene Qualität nicht gewährleistet ist. „Den Akteuren in der Stadt war es aber offensichtlich viel wichtiger, teure Architektenwettbewerbe für ein Spaßbad, Stadtwerkefeste und andere schöne Dinge auszurichten, anstatt die erforderlichen Umbauten am Versorgernetz für die Bürger vorzunehmen, damit sie sauberes Trinkwasser erhalten“.

Von Nadine Fabian

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg