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Stahnsdorfs Herr der Steine

Handwerk in Mittelmark Stahnsdorfs Herr der Steine

In den 1990er Jahren und kurz nach der Jahrtausendwende war noch „richtig Action“ beim Denkmalschutz, sagt Steinmetz Heinz-Otto Melior. Inzwischen müsse man in seiner Branche schon Diplomrestaurator sein, um Aufträge zu bekommen. Der Denkmalschutz sei akademisiert, man erstelle „ohne Ende Dokumentationen“, und Naturstein werde von Robotern bearbeitet.

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Es sind schwere Zeiten für Steinmetze wie Heinz-Otto Melior: Richtige Grabsteine werden wegen der Kosten kaum noch bestellt.

Quelle: Stephan Laude

Stahnsdorf. „Ich mache meinen Beruf gern“, sagt Heinz-Otto Melior; daran hat sich also nichts geändert. Aber es ist nicht so, dass diues die ganze Zeit herauszuhören ist, wenn man mit dem Steinmetz aus Stahnsdorf spricht. Die Branche befindet sich seit längerem im Umbruch; das ist mit Einschnitten verbunden.

30 Jahre ist es in diesen Tagen her, dass Melior in Potsdam seinen Meisterbrief erhielt. Er hatte zunächst im Wohnungsbaukombinat Baufacharbeiter gelernt. Aber die Arbeit war ihm „zu armselig“. Er wollte lieber handwerklich tätig sein und ging zur PGH Naturstein. Zwei Jahre, nachdem er dort seinen Meister gemacht hatte, kam die Wende.

Viele, wahrscheinlich die meisten, haben im Herbst ’89 nicht geahnt, dass sie im Eiltempo in die Wiedervereinigung münden würde. Melior gehörte nicht zu ihnen: „Ich wusste, dass die DDR am Ende ist.“ Deshalb hat er bereits im Wendeherbst ein Gewerbe angemeldet, Rechtsform: GmbH. Er war einer der ersten, die Nummer 51 im Handelsregister.

In der Melior & Partner GmbH arbeiten fünf Leute, drei Männer, zwei Frauen. Die Frauen sind im Büro, aber auch bei der Kundenbetreuung tätig. Rein rechnerisch erscheint der Anteil der Bürokräfte für einen Handwerksbetrieb ziemlich hoch, jedenfalls für den Außenstehenden. Für den Chef nicht. Ohne funktionierendes Büro gehe ein Handwerksbetrieb kaputt. „Zumal die Papierberge immer größer werden“, so Melior.

Das ist nicht das Einzige, was sich seit der Firmengründung geändert hat. In den ’1990er Jahren und auch noch nach der Jahrtausendwende sei „richtig Action“ gewesen beim Denkmalschutz, so Melior. Inzwischen müsse man, um sich am Wettbewerb um Aufträge beteiligen zu können, möglichst Diplomrestaurator sein. Der ganze Denkmalschutz sei akademisiert, ohne Ende erstelle man dort Dokumentationen, aber für den Handwerker sei kaum noch Geld da, kritisiert Melior. Und der Naturstein werde von Robotern bearbeitet. „Es wird gescannt und digitalisiert, und dann geht‘s los.“ Aber Melior kann sich glücklich schätzen, auf Referenzobjekte an wichtigen historischen Bauten verweisen zu können: auf den Ab- und Wiederaufbau der Gotischen Bibliothek im Potsdamer Neuen Garten zum Beispiel, auf Mauern, Treppen und Balustraden am Belvedere, auf das Komponistendenkmal im Berliner Tiergarten.

Uraltes Handwerk

Der Steinmetz übt einen sehr alten handwerklichen Berufe aus. Die ältesten bekannten Steinmetzarbeiten sind Halbreliefdarstellungen an Felsgesteinen der Dodogne (Südwestfrankreich). Sie sind etwa 40000 Jahre alte.

Nach Angaben des Fachportals Natursteinonline wird an der Steinbearbeitung interessierten jungen Leuten in Deutschland die Ausbildung zum Steinmetz, Steinbildhauer und Naturwerksteinmechaniker angeboten. Gefragt seien handwerkliche und technische Begabung sowie Kreativität.

Nach der Ausbildung und der bestandenen Gesellenprüfung gibt es zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Ausbildungsstätten bieten Seminare für Steinmetz-Software, Kalkulation, figürliches Gestalten, Grabmalgestaltung und vieles mehr an. Eine Qualifizierung zum Meister ist in Deutschland an acht Schulen möglich.

Es ist ein Zufall, dass der 64-Jährige gerade jetzt, wo er dem Ende seines Berufslebens entgegensieht, seinen größten Auftrag für ein privates Grabdenkmal erhalten hat, mit zwei Säulen aus hochwertigem Sandstein, der aus der Sächsischen Schweiz geliefert wird. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen angesichts der Entwicklung in den vergangenen Jahren. Grabdenkmale – oder Grabsteine – sind das zweite Standbein eines jeden Steinmetzes, für viele von ihnen das wichtigste. Melior & Partner kann eine Fülle von Formen und Beschriftungen anbieten – aber nicht den Trend zur aufwandsarmen Bestattung aufhalten. In vielen Familien wird der Verzicht auf ein klassisches Grab mit den Kosten und dem hohen Pflegeaufwand begründet. Selbst Prominente sparen bei der Form der Bestattung. „Ein Grab mit Denkmal ist heute die Ausnahme“, sagt Melior. Er bedauert das keineswegs nur aus geschäftlichen Gründen, sondern auch aus kulturellen, wie er betont. „Das Gedenken an die Ahnen besaß in allen Kulturen einen großen Wert“, sagt er. Warum es damit, vor allem in Deutschland, mehr und mehr vorbeigeht, weiß er auch nicht. Es ist ihm ein Rätsel, dass ein angemessener Ort der Trauer nicht vermisst wird.

Für das Belvedere auf dem Pfingstberg schuf die Firma Melior & Partner Mauern, Treppen und Balustraden

Für das Belvedere auf dem Pfingstberg schuf die Firma Melior & Partner Mauern, Treppen und Balustraden.

Quelle: Stephan Laude

Wie anderswo, werden vor diesem Hintergrund auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof, gleich gegenüber von Meliors Firmensitz, auch schlichtere als nur die klassischen Grabstätten angeboten. Bei der Bestattung unter Bäumen wird die Urne direkt neben einem ausgesuchten Baum in die Erde eingelassen. Auf einem kleinen Stein stehen Name, Geburts- und Sterbedatum. Material, Maße und Schriftbild sind vom Friedhof vorgegeben. Trotzdem gibt es noch Möglichkeiten, individuelle Wünsche zu berücksichtigen. Melior ist zufrieden, wie der Bereich auf dem Südwestkirchhof gestaltet wurde. Auf seiner Internetseite informiert er, die Bestattung unter Bäumen sei zur Zeit die beliebteste Form der naturnahen Grablage. Zur Zeit – eine Formulierung, die darauf hindeutet, dass sich die Bestattungskultur weiter ändern könnte. Wie auch immer, Heinz-Otto Melior möchte dafür sorgen, dass seine Firma weiterlebt, wenn er selbst in den Ruhestand geht. Nächstes Jahr will er den Übergang organisieren. Als Vater von drei Kindern baut er dabei auch auf Familienbeteiligung.

Von Stephan Laude

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