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Straßenschlacht in der Innenstadt

Vor 20 Jahren wurde die Fabrik in der Gutenbergstraße geräumt Straßenschlacht in der Innenstadt

Am 22. September 1993 ging es in Potsdam heiß her: Polizei und Hausbesetzer lieferten sich eine regelrechte Straßenschlacht. Grund war die Räumung der Fabrik in der Gutenbergstraße 105. Am Ende stand das Vorderhaus in Flammen und die Stadt Potsdam stand nach dem Gewaltexzess unter Schock.

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Die Feuerwehr konnte ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbarhäuser vehindern.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Spätsommer 1993. Weite Teile der Innenstadt gleichen auch Jahre nach dem Mauerfall noch einem Abrissviertel. Offiziell stehen in Potsdam 1450 Wohnungen leer. Inoffiziell sollen es 4000 sein. In diesem Freiraum hat sich seit 1989 eine sehr lebendige Subkultur etabliert. Es sind Jugendliche und junge Erwachsene, Künstler, Punks und Stinknormale. Potsdam gilt mit 20 bis 30 illegal besetzten Häusern bundesweit als Hochburg der Szene. Zu den bekanntesten Adressen zählen das Eckhaus Dortustraße 65, mit dem im Dezember 1989 die Serie der offiziellen Besetzungen begann, die imposante Villa Gutmann am Jungfernsee und die Fabrik in der Gutenbergstraße 105.

An der sanierten Fassade des 1739 errichteten Vorderhauses ist zu lesen, dass sich auf dem Gelände der Fabrik von 1763 bis 1897 eine Brauerei befand. Später gab es auf dem Grundstück mit seinen Remisen und dem langgezogenen, vierstöckigen Lagerhaus auf dem Hof einen Böttchermeister, eine Druckerei, eine Schokoladengroßhandlung, eine Bananenreiferei. Über der Toreinfahrt war bis 1993 der Schriftzug „Ca Müller“ zu erkennen. Auf das Bauschild daneben hatte jemand den Schriftzug „Kulturobjekt“ gesprüht.

Mehr als 100 Polizisten waren bei der Räumung am 22. September 1993 im Einsatz.

Quelle: Christel Köster

Am 22. September 1993 tobte vor der Fabrik eine Straßenschlacht zwischen Besetzern und der Polizei. Das Vorderhaus ging in Flammen auf, der Dachstuhl brannte völlig aus. Unbekannt blieb, wer das Feuer entfachte. Es war die schwerste Auseinandersetzung zwischen Polizei und Alternativkultur seit dem Herbst 1989. Die Stadt stand unter Schock.

Die Hofgebäude standen in den 1980er Jahren leer und wurden 1986 zum Abriss freigegeben. Dann kam die Wende. Im Februar 1990 besetzten Tänzer und Musiker das Gelände mit ehrgeizigen Zielen. Im Sommer gab es die ersten Konzerte, im Juni 1991 wurde die Fabrik zum Austragungsort der ersten Potsdamer Tanztage. Teile der Stadtverwaltung begleiteten das Zentrum mit Sympathie. „Alternative Projekte wie der Verein Fabrik“ böten, so die damalige Leiterin des Büros für Denkmalpflege Hannelore Neuperdt, eine „besonders gute Grundlage“ für eine „weitestmögliche Nutzung der Hofflächen und Hofgebäude durch die Öffentlichkeit“. „Ein Projekt wie die Fabrik bringt der Stadt eine Erweiterung des kulturellen Spektrums“, schrieb die damalige Kulturstadträtin Saskia Hüneke an die städtische Gewoba.

Dann wurde das Gelände aber doch an eine private Gesellschaft verkauft, die andere Pläne hatte. Einmal war die Fabrik bereits geräumt und im Juli 1993 wieder besetzt worden. Zur zweiten Räumung waren die Tänzer in Dresden. Vereinsvorstand Sabine Chwalisz berichtet: „Ein Mitveranstalter des Festivals kam über den Hof gerannt, drückte einem von uns das Telefon in die Hand und sagte, die Fabrik brennt. Wir sind sofort zurückgefahren. Als wir ankamen, war alles gelaufen. Dann kam langsam hoch, dass es eine richtige Schlacht gegeben hatte um dieses Kulturprojekt. Ich hatte da immer nur friedliche Menschen getroffen.“

Die Geschichte ist dem Haus am Eingang der Lindenarcade heute nicht mehr anzusehen.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Am Vormittag des 22. September räumten mit Schild, Helm und Schlagstöcken ausgerüstete Polizisten mit Gewalt eine Sitzblockade vor dem Tor zur Fabrik. Vermummte attackierten sie daraufhin von den Dächern mit Steinen. Dann quoll Rauch aus dem Haus.
Am Tag nach der Räumung wurde die Hegelallee 5 besetzt. Auch diese Villa sollte nach Monaten geräumt werden. Es folgte die Besetzung des Archivs in der Leipziger Straße, das schließlich legalisiert wurde und noch heute als alternatives Kulturzentrum und Wohnprojekt genutzt wird. Die in der Gutenbergstraße gegründete Tanzfabrik zählt seit vielen Jahren zu den wichtigsten Kultureinrichtungen in der Schiffbauergasse.

Die Fabrik auf dem Hinterhof der Gutenbergstraße 105 wurde abgerissen. Der an ihrer Stelle errichtete Neubau beherbergt Verhandlungssäle des Landgerichts.

HAUSBESETZER IN POTSDAM

  • Wohnungs- und Hausbesetzungen gab es in der Innenstadt, in der zum Ende der DDR ganze Häuserzeilen leer gezogen und zum Abriss freigegeben waren, schon Mitte der 1980er Jahre.
  • Das Eckhaus Dortustraße 65 war das erste offiziell besetzte Haus in der Innenstadt. Das Ereignis wurde in den Potsdamer Tageszeitungen als Straßenfest angekündigt.
  • In der ersten Hälfte der 1990er Jahre gab es in Potsdam zeitweise bis zu 30 besetzte Häuser. Vor allem im Zusammenhang mit Räumungen kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.
  • Ausweichprojekte sollten schließlich wesentlich zur Entschärfung der Lage beitragen. Namhafte Adressen sind etwa die Uhlandstraße 24 in Babelsberg oder die Zeppelinstraße 25–26.
  • Mit der Villa Gutmann 1999 und dem „Bouman’s“ in der Kurfürstenstraße 5 im Juni 2000 wurden die letzten sehr namhaften Häuser geräumt.
  • Politisch umstritten war die polizeiliche Räumung des vom Eigentümer geduldeten Hauses in der Rudolf-Breitscheid-Straße 6 im August 2001 nach dem Vorbeizug rechtsextremer Hooligans.
  • Letzte Meldungen zu Hausbesetzungen waren die freiwillige Räumung der Johannsenstraße 17 in Babelsberg im Juni 2006 und die eintägige Besetzung des seit längerem leerstehenden Seniorenheims in der Stiftstraße 5 im Dezember 2011.
  • Im Herbst 2008 besetzt und seither geduldet ist das Kulturhaus „La Datscha“ am Park Babelsberg.
  • Ende Oktober 2009 wurde im Programm des Localize-Heimatfestivals bekannt, dass in der Kurfürstenstraße 12 über lange Zeit unbemerkt von jeder Öffentlichkeit Hausbesetzer wohnten.

´Von Volker Oelschläger

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