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Suffizienz: Genug zum guten Leben

Neuer Denkansatz versucht, Ökologie und Ökonomie zu verbinden Suffizienz: Genug zum guten Leben

Wohlstand muss nicht bedeuten, immer mehr materielle Güter anzuhäufen. Es gibt einen Punkt, an dem es genug ist. So sieht es zumindest der neue Denkansatz der Suffizienz, der unter anderem am Potsdamer Institut für Nachhaltigkeitsforschung (IASS) diskutiert wird. Das Wort lässt sich mit Maßhalten oder Genügsamkeit übersetzen, so IASS-Forscher Moritz Remig.

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Moritz Remig.

Quelle: Michael Ingenweyen, IASS

Potsdam. Der technische Fortschritt führt zu immer effizienteren Geräten, mit höherer Leistung bei gleichem oder geringerem Verbrauch. Aber solche Effizienzgewinne führen nicht immer zu einem geringeren Ressourcenverbrauch, denn sie werden häufig durch sogenannte Rebound-Effekte zunichte gemacht, erklärt Moritz Remig vom Potsdamer Institut für Nachhaltigkeitsforschung (IASS). Wenn etwa neue Fernseh-Monitore weniger Strom pro Quadratzentimeter Bildschirmfläche verbrauchen, dann kaufen die meisten Konsumenten größere Geräte, der Gesamtverbrauch bleibt gleich oder steigt sogar leicht an.

Effizienz ist daher kein ausreichendes Kriterium, wenn es um den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen geht. Als Ergänzung gewinnt der Begriff der Suffizienz an Bedeutung. Das Wort, das sich vom lateinischen sufficere für ausreichen ableitet, lässt sich mit Maßhalten oder Genügsamkeit übersetzen. „Manchmal ist weniger mehr“, erklärt Remig. Es gehe also nicht so sehr um Askese oder Verzicht, sondern um die Frage, was die eigentlichen Bedürfnisse sind und wie sie am besten befriedigt werden können. „Mobilität etwa muss nicht den Privatbesitz eines großen SUV bedeuten“, sagt der 31-jährige Wissenschaftler. Wenn es darum gehe, möglichst gut von A nach B zu kommen, dann kann dafür je nach Situation auch das Fahrrad oder ein öffentliches Verkehrsmittel am besten geeignet sein. Oder es sei möglich, sich über Car-Sharing bedarfsweise ein Auto zu besorgen.

Suffizienz geht mit einer neuen Sichtweise auf den Wohlstand einher, wie sie etwa in dem in Lateinamerika verbreiteten Konzept des „Buen Vivir“, übersetzt gutes Leben, zu finden ist. „Was gutes Leben bedeutet, kann Wissenschaft nicht alleine definieren“, so Remig. Das müsse zwischen den gesellschaftlichen Akteuren ausgehandelt werden. Dabei spielten inzwischen Fragen von Zeitwohlstand und Entschleunigung eine ähnlich große Rolle wie materieller Wohlstand. Und letztlich gehe es um Entscheidungen, die individuell getroffen werden müssten. Beispielsweise, ob jemand seine Arbeitszeit reduziert und dafür auf Einkommen verzichtet. Ob Fleisch nur gelegentlich auf den Tisch kommt, dafür aber aus ökologischer Erzeugung. Ob Geräte gekauft werden, die zwar teuer sind, dafür aber lange halten und auch repariert werden können. Der Ärger nimmt zu über Technikartikel, die so konstruiert sind, dass sie kurz nach Ablauf der Garantiezeit kaputt gehen. Die sogenannte geplante Obsoleszenz macht scheinbar billige Waren in Wirklichkeit teuer, für den Verbraucher, aber besonders für die Umwelt.

Dinge müssen auch nicht als Eigentum besessen werden, um sie zu gebrauchen. Eine Bohrmaschine, die im Keller liegt und nur zwei Mal im Jahr benutzt wird, ist im Verständnis des Suffizienz-Ansatzes überflüssig. Besser ist es, sich das Gerät bei Bedarf auszuleihen. Entsprechende Tauschzirkel werden im Konzept der Share Economy propagiert. Getauscht oder gemeinsam genutzt werden können nicht nur Maschinen, sondern auch Software, Bücher, Gärten oder sogar Wohnungen.

Mit dem Ansatz der Suffizienz wird ein Verhalten im Sinne der Nachhaltigkeit besonders auf die persönliche Ebene bezogen, so Remig. Es gehe dabei in der Regel zunächst einmal um Nischen, in denen es durch gemeinschaftliches Handeln zu Veränderungen komme. „Auf der lokalen Ebene ist sehr viel zu erreichen“, erklärt er.

Geht es über den kleinen Rahmen hinaus, würde also die Mehrheit der Menschen den Grundsätzen des Maßhaltens und der Genügsamkeit folgen, dann könnte das allerdings mit den Wachstumszwängen unserer Marktwirtschaft in Konflikt geraten. Um diese Fragen ging es etwa auf den Degrowth-Konferenzen, die seit 2008 regelmäßig stattfinden, zuletzt 2014 in Leipzig. Degrowth, mit Postwachstum oder etwas sperrig mit Wachstumsrücknahme übersetzt, ist die Suche nach neuen Formen des Zusammenlebens, die auf die knappen Ressourcen des Planeten Rücksicht nehmen. Umstritten ist dabei, ob ohne Wachstum Arbeitslosigkeit und Elend drohen oder ob umgekehrt diese Phänomene Teil der Wachstumsgesellschaft sind. „Diese Fragen werden höchst kontrovers diskutiert und daran forschen wir am IASS“, sagt der Potsdamer Wissenschaftler.

Von Ulrich Nettelstroth

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