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Potsdam Krankenakte mit Genieverdacht
Lokales Potsdam Krankenakte mit Genieverdacht
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00:33 21.01.2015
Holger Bülow in der Mitte. Quelle: HL Böhme
Potsdam

Holger Bülow spielt den Christopher, als sei das der frühe Bob Dylan. Christopher ist 15 Jahre alt und ein Autist. Die Locken von Bülow wissen nichts von bürgerlicher Ordnung, sein Blick ist lauernd wie ein Wolf. Der Gang sieht aus wie eben erst erlernt, die Stimme leiert. In ihr liegt etwas Kindliches, das Orientierung sucht, zugleich hört man dort einen Bass, als komme er vom vielen Whisky. So klingt der Ton eines Propheten. Der Ton hat Rhythmus, dieser Rhythmus trägt durch einen fein gesponnenen und fulminanten Abend.

Bülow glänzt in seiner Hauptrolle von „Supergute Tage“ am Potsdamer Hans-Otto-Theater – am Freitagabend war Premiere. Und um das gleich zu klären: Supergute Tage, das sind für Christopher halt jene, an denen er fünf rote Autos nacheinander sieht. Vier rote Autos sind „sehr gut“. Drei rote Autos immerhin noch „gut“. Wenn er fünf gelbe Autos sieht, ist der Tag verloren. Dann spricht Christopher kein Wort.

Die Verrückten sind die Sehenden

Wenn er träumt, dann davon, dass alle „normalen“ Menschen, also alle, die anders sind als er, sterben. Er kann nicht lügen. Im Grunde mag er das Theater nicht, „weil die Leute auf der Bühne so tun, als seien sie echt.“ Dabei sind sie nur Schauspieler. So steht er dort auf den Brettern, sagt, er selber aber meine es ernst. Weil er vor großem Publikum nicht gerne redet, bittet er die Zuschauer, hinauszugehen. Oder sich zumindest umzudrehen. Wegzugucken. Na gut, dann muss er sich halt selber umdrehen. Er ruft in die Tiefe der Bühne, er zeigt dem Publikum den Rücken. Wenn ihn einer berührt, schlägt er um sich.

Dieses Stück unter der gewitzten und sensiblen Regie von Stefan Otteni ist eine Krankenakte mit Genieverdacht. Denn so ist das heute, gerade im Kino: Die Verrückten sind die Sehenden und die Normalen sind die Blinden. Man schaue auf „Rain Man“, „Forrest Gump“ oder „Elling“. Ähnlich verhält es sich im Roman „Supergute Tage oder die sonderbare Welt von Christopher Boone“, den der britische Autor Mark Haddon 2003 veröffentlichte. Simon Stephens hat den Text für die Bühne bearbeitet, die Fassung feierte 2012 in London Uraufführung.

Ständig droht das Stück zu eskalieren
Die Welt von Christopher ist eng, und so beginnt sie auch in Potsdam am Theater: ein Tisch, zwei Stühle, und rundherum die größten Missverständnisse. Die Bühne weit und leer, Christopher hat einen Polizisten umgestoßen. Er hat ihn mit Macht auf den Boden geschlagen. Christophers Vater (Raphael Rubino) eilt zu Hilfe. Sie einigen sich: Es war ein K.o. aus Versehen. Vorläufige Verwarnung. Den armen, kranken Jungen kann man nicht mit aller Härte des Gesetzes anfassen, glaubt die Polizei. „Aber ich habe Sie mit Absicht umgehauen!“, protestiert Christopher. Ständig droht das Stück zu eskalieren. Die Nachbarn gucken weg, beschämt, sie drücken sich im Hintergrund herum.

Die Häuser der Nachbarschaft werden auf die Bühne geschoben, Miniaturen des ewiggleichen Grundrisses, sie reichen Christopher nicht einmal bis zur Hüfte. Die Kleinbürger wirken hier noch etwas kleiner. Christopher will herausbekommen, wer den Hund von Mrs. Shears getötet hat, durchbohrt mit einer Mistgabel. Er kommt dem Vater auf die Spur, Christopher flüchtet zur Mutter (Nicola Ruf), denn er glaubt, „wer einen Hund umbringt, der kann auch mich umbringen.“ Er fährt nach London, das ist wirklich große Kunst, wie er sich Geld an einem Automaten zieht – gespielt wird dieser Automat von einer jungen Bahnbediensteten. Mit Roboterstimme gibt sie viersprachig ihre Anweisungen. Christopher fährt in London U-Bahn, gelähmt von Lärm und Lautsprechergetöse. Eine Kakophonie, die in den Irrsinn führt. Scheinwerferbatterien rücken Christopher auf Armeslänge zu Leibe (souveräne Bühnengestaltung: Peter Scior). Platzangst vom Feinsten.

Mit Wucht und Wehmut
Eine Freude, zu sehen, mit wie viel Lust und Hingabe die Odyssee dieses gehandicapten Jungen in Potsdam binnen zweieinhalb Stunden gezeigt wird. Die Lust ist nicht naiv, der Spaß hat einen zweiten, intellektuell belastbaren Boden. Wie Satelliten kreisen die Figuren um Christopher, den Holger Bülow mit Wucht und Wehmut spielt, als steige er hinab in die „Rocky Horror Picture Show“.

Wahnsinnige Genies

Die Verbindung von Genie und Wahnsinn sind ein beliebtes Thema in der Film- und Theatergeschichte. Christopher Boone ist der autistische Held in „Supergute Tage“, dem Bühnenstück, das Simon Stephens nach dem Roman von Mark Haddon geschrieben hat.

Am Potsdamer Hans-Otto-Theater wird es im Neuen Theater, Schiffbauergasse 11, gespielt: 24./25. Januar, 6./15./19. Februar 2015. Karten unter 0331/98118. 

Rain Man heißt der amerikanische Film von Barry Levinson aus dem Jahr 1988, in dem Dustin Hoffman den Autisten Raymond spielt. Er wird von seinem Bruder Charlie (Tom Cruise) aus der Klinik auf eine Reise durch die USA mitgenommen.

Forrest Gump ist eine amerikanische Literaturverfilmung des Romans von Winston Groom unter der Regie von Robert Zemeckis aus dem Jahr 1994. Forrest Gump prägt die Weltgeschichte mit einem Intelligenzquotienten von lediglich 75. 

Elling ist ein norwegischer Spielfilm aus dem Jahr 2001 von Petter Naess. Der psychisch labile Elling versucht, seine Ängste und Neurosen in einer Wohngemeinschaft in den Griff zu bekommen. Es folgten zwei Fortsetzungsfilme.

Von Lars Grote

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