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Eskalation in der Rettungsstelle in Potsdam

Flüchtling fühlt sich schikaniert Eskalation in der Rettungsstelle in Potsdam

Ein Vorfall in der Notaufnahme des Potsdamer Bergmann-Klinikums erschüttert eine Flüchtlingsfamilie, die seit 20 Monaten in Fichtenwalde lebt. Auch Nachbarn sind entsetzt von der Vorgehensweise gegenüber einem Menschen mit Schmerzen.

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Der Syrer Wassim D. und Nachbarin Claudia Maria Rapsch, die sich mit einem Brief über den Vorfall an die MAZ gewandt hat.

Quelle: Krause

Fichtenwalde/Potsdam .
Auf der Flucht vor Krieg und Tod hat die Familie von Wissam D. aus Syrien in Deutschland Frieden gefunden. Seit 20 Monaten leben der Zahnarzt und die Lehrerin mit ihren vier Kindern in Fichtenwalde. Jetzt hat die Familie durch einen Vorfall in der Rettungsstelle des Potsdamer Bergmann-Klinikums, der nach einer Eskalation für den 39-Jährigen im Polizeigewahrsam endete, den Glauben an das „Vorbild Deutschland mit Demokratie, Menschlichkeit und Gerechtigkeit“ verloren.

Was ist passiert: Der Syrer kommt am 5. Juli im Garten plötzlich nicht mehr aus der Hocke hoch, fällt auf den Rücken und bleibt bewegungsunfähig liegen. Ehefrau Malvina (33) eilt zur Nachbarin, die einen Rettungswagen alarmiert. Die Johanniter bringen den Vater — barfuß und im Freizeitlook — von der Wiese in die Notaufnahme. Dort beginnt zwischen 16 und 24 Uhr offenbar ein Martyrium für den Mann, der vor Schmerzen kaum sitzen, denn stehen oder laufen kann. Im Gespräch mit der MAZ beschreibt er zermürbende Stunden, in denen er auf Behandlungen warten musste. Man habe ihm kein Wasser und keinen Rollstuhl angeboten, sei „unhöflich“ gewesen und habe ihm nicht richtig zugehört, als er seine Krankengeschichte erzählen wollte. Vor 17 Jahren lag er wegen Ähnlichem 14 Tage in einer Klinik. Weil sein Akku kaputt war, kann er seine Frau nicht anrufen. Zwei Ärzte behandeln ihn. Verabreichte Schmerzmittel helfen nicht. Er leidet weiter. Als er gegen Mitternacht aus der Notaufnahme entlassen wird, liegen offenbar die Nerven blank. Wissam D. will nicht auf die Straße, sondern im Klinikum bleiben. Er hat Schmerzen, kann nicht stehen, ist zermürbt. Es kommt zu verbalen Schlagabtauschen. Sätze wie „Hier ist kein Hotel, gehen Sie“, erregen den Syrer weiter. „Ich war wie ein Hund. Schock, Medikamente, ich habe an der Tür gerüttelt“, sagt er. Dann kommen zwei Männer, die sich als Polizisten vorstellen, ihn grob angefasst, gar „geschlagen“ und „getreten“ haben. Die zufällig im Klinikum gewesenen zivilen Kriminalisten riefen später noch Kollegen im Streifenwagen. Von den Polizisten habe er sich ausgelacht gefühlt und sei unflätig auf seine Kleidung angesprochen worden.

Bis 24 Uhr erfährt die Ehefrau trotz vieler Telefonate nicht, wie es Wissam D. geht und ob er nach Hause kann. „Ich habe viermal dort angerufen, das letzte Mal um 22 Uhr“, sagt auch Claudia Maria Rapsch, die Nachbarin, die sich mit einem Brief an die MAZ gewandt hat. Sie sei davon ausgegangen, dass er dann im Klinikum bliebe. „Natürlich hätten wir ihn auch abgeholt. Aber wie kann man einen Mann mit Schmerzen und barfuß nachts auf die Straße schicken“, entrüstet sie sich. „Offenbar zählte nur der Ausländer. Beschämend für Deutschland. Sieht so unsere viel beschworene Willkommenskultur aus?“ Als Malvina D. sich um ein Taxi kümmern will, versichert ihr die Schwester in der Notaufnahme, das zu tun. Dann wartet die Ehefrau. Doch ihr Mann kommt nicht. Beim nächsten Anruf erfährt sie, dass er bei der Polizei ist. Am Montagfrüh holt ihn sein Bruder ab. Eine Bestätigung über das Gewahrsam bekommt er nicht.

Das Klinikum bestätigte den Vorfall. Michael Oppert, Chefarzt der Rettungsstelle, antwortete auf den Brief von Frau Rapsch, dass es ihm „ sehr leid tut, dass der Patient sich schlecht behandelt gefühlt hat“. Er könne versichern, dass „kein Patient auf Grund seiner Herkunft, Religion, Weltanschauung …. anders behandelt wird. Einziges Kriterium ist die Dringlichkeit“. Er räumte aber ein, dass es „tatsächlich sehr lange war“, was bei der Größe der Notaufnahme „nicht immer zu vermeiden sei“. Wie Kliniksprecherin Damaris Hunsmann erklärte, gebe es immer wieder Fälle von Differenzen zwischen ärztlicher Meinung und Patientenwunsch nach stationärer Aufnahme. Diesmal hätte der Patient „dermaßen ungehalten“ reagiert. Er habe einen Desinfektionsspender zerstört, das Taxi abgelehnt, Beschimpfungen ausgestoßen und sich auf dem Boden liegend geweigert, das Haus zu verlassen. Als er dem ausgesprochenen Platzverweis nicht folgte, kam er in Gewahrsam. Jetzt ermittelt die Kripo gegen ihn wegen Sachbeschädigung. „Die Vorwürfe von ’angedeuteten Schlägen’ und ’Stößen’, sowie eine jedwede Kommentierung von Bekleidung seitens der Polizisten bestreite ich“, so Jana Birnbaum, Sprecherin der Polizeidirektion West. Wassim D. hat nun eine Rechtsanwältin eingeschaltet.

Die Opferperspektive bietet Beratung

Die Opferperspektive bietet seit 1998 im Land Brandenburg eine professionelle Beratung für Betroffene rechter Gewalt und rassistischer Diskriminierung, deren Freunden, Angehörigen und Zeugen an. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich, parteilich und unabhängig von staatlichen Behörden.

Die Antidiskriminierungsberatung Brandenburg (ADB) bei der Opferperspektive unterstützt seit 2009 Menschen, die aus rassistischen Motiven benachteiligt, herabgesetzt, beleidigt oder gemobbt werden – unentgeltlich, mehrsprachig und vertraulich.

Bundesweit ist sie die einzige Antidiskriminierungssstelle, die aufsuchend arbeitet. das heißt, den Betroffenen an einem Ort seiner Wahl trifft und kostenlos, mehrsprachig und vertraulich berät. Viele Betroffene könnten die Beratung sonst nicht in Anspruch nehmen.

Zum aktuellen Fall wollte sich Katrin Meinke von der Opferperspektive nicht äußern. „Wir wollen selber noch Rücksprache mit dem Klinikum halten“, sagte sie. Generell würden sich immer mehr Betroffene an den Verein wenden. Was aber nicht heißt, dass es insgesamt mehr Fälle gebe.

Kontakt: Verein Opferperspektive, Potsdam, Rudolf-Breitscheid-Straße 164, Telefon: 0331 /8170000.

 

Von Claudia Krause

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