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Taxi-Notstand quält die Tourismusbranche

Verkehr in Potsdam Taxi-Notstand quält die Tourismusbranche

Während sich an vielen Orten in Berlin die Taxis „senkrecht stapeln“, herrscht in Potsdam der Notstand, und er wird immer schlimmer. Taxi-Fahrer ist ein Job für Selbstausbeuter; immer mehr Betriebe geben auf, aber keiner steigt neu ein ins Gewerbe. Ein Fahrzeug zu bekommen, ist im Stadtzentrum und an den Ortsrändern sehr schwer bis unmöglich.

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Leerer Taxi-Stand an der Wilhelmgalerie Foto:Bernd Gartenschläger

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Die Taxi-Branche in der Landeshauptstadt ist in Nöten. Insidern zufolge geben immer mehr Betriebe auf, ohne dass Nachfolger gefunden werden. Im Herbst vergangenen Jahres gab es noch 172 konzessionierte Taxis, neun weniger als im Jahr davor. Und sie sind nicht mehr rund um die Uhr im Einsatz, weil es zu lange Wartezeiten ohne Einkünfte gibt und kein Unternehmer einen Fahrer bezahlt, der nichts verdient. Manche Taxi-Wartepunkte sind deshalb nur noch am hellen Tag besetzt, ansonsten jedoch verlassen. In den Früh-, Abend- und Nachtstunden ist es an vielen Orten in der Touristen-Stadt fast unmöglich, ein Taxi zu bekommen, erst recht in abgelegenen Ortslagen. Hotels haben vor allem in dieser Zeitspanne große Mühe, eine Beförderung für Gäste zu ordern; immer wieder scheitern sie daran und verärgern ihre Gäste.

Nahverkehr ist lebenswichtig

Wer als Hotel keine regelmäßig fahrende Tram- oder Buslinie in der Nähe hat, hat ein Problem. Das Inselhotel auf Hermannswerder (4 Sterne) etwa liegt zwar idyllisch, ist jedoch drei Kilometer vom öffentlichen Nahverkehr entfernt. Bis vor zwei Jahren hatte Geschäftsführer Burkhard Scholz kein Mühe, Taxis für seine oft internationalen Gäste zu bestellen, denn er arbeitete mit Harry Kortschlag zusammen, der in besten Zeiten 20 Taxen betrieb, aber 2016 alle aus wirtschaftlichen Gründen abgab, bis auf eins, und das ging 2017 weg. Jetzt muss das Hotel eine Liste von sieben bis acht kleineren Unternehmen abtelefonieren in Potsdam und Umgebung und bekommt zuweilen trotzdem kein Auto zum Hauptbahnhof. „Wir haben viele Tagungen und Konferenzen im Haus. Die Teilnehmer kommen gut von den Berliner Flughäfen zu uns, eben auch mit Berliner Taxis, aber zurück wird es schwer.“ Dann klemmt sich der Chef auch mal selber hinter’s Steuer und bringt einen Gast zum Bahnhof. Einen eigenen Shuttle-Dienst einzurichten, würde bedeuten, einen Kleinbus dafür anzuschaffen und jemanden als Fahrer zu beschäftigen, der einen Personenbeförderungsschein hat. Das ist für Scholz derzeit keine Alternative. Aber er kennt den Ausweg aus der Notlage und „weiß, dass es so kommen wird: Das Auto ohne Fahrer ist die einzige Lösung, das selbstfahrende Auto.“

Schön gelegen und weit weg von der Stadt

Auch im Vier-Sterne-Hotel „Bayrisches Haus“ im Wildpark an der Bundesstraße 1 nach Werder und Brandenburg hat man das Problem: Idyllische Lage, aber weit weg vom Zentrum Potsdams. Die Nahverkehrsanbindung beschränkt sich auf Linienbusse. „Wir haben große Probleme, ein Taxi für unsere Gäste zu bestellen. Durch unsere abgelegene Lage und die Zeppelinstraße vor der Tür, die nur einspurig und Tempo 30 ist, sind wir für die Taxiunternehmen nicht lukrativ genug“, sagt Rezeptionistin Susanne Schröder. „Erfolg haben wir nur, wenn wir einen Tag vorher bestellen. Spontan kann es aber bis zu einer Stunde dauern.“ Man bitte also die Gäste, rechtzeitig Bescheid zu sagen. „Und das macht es unschön, weil Potsdam als Kultur- und Weltstadt diesen Transferservice nur unzureichend abdecken kann.“

Schön und abgelegen – das trifft ebenso auf den Vorzeige-Campingplatz Sanssouci zu; er residiert am Templiner See in der Pirschheide. Geschäftsführer Dieter Lübberding hat über die Jahre „zwei, drei Taxi-Unternehmen“ an sich gebunden, die er stets anruft. Er greift auch auf eine Firma zurück, die das nahe gelegene Seminaris-Seehotel fest an sich gebunden hat. Zuweilen aber reicht beides nicht. „Es ist sehr schwer geworden in den letzten Jahren“, sagt Lübberding und hat Verständnis für die Lage der Unternehmen: „Die müssen ihren angestellten Fahrern ja auch die Leerstandszeiten bezahlen.“ In einer stetig wachsenden Stadt wie Potsdam sei der Taxi-Rückgang ein „schlechtes Zeichen“.

Ein paar Hotels kommen ganz gut zurecht

Etwas besser geht es dem Seminaris, denn es liegt näher an der Endhaltestelle der Straßenbahn am Bahnhof Pirschheide und hat den „kooperierenden Taxi-Shuttledienst. Aber an der Rezeption des Hauses gibt man zu, dass es vorkommt, dass man kein Taxi bieten kann zu diesem Bahnhof und dann den Gäste einen Kilometer Fußmarsch zumuten muss, „kein Spaß für Familien oder bei schlechtem Wetter“, sagt eine Empfangsdame.

„Meistens bekommen wir ein Taxi ganz spontan organisiert“, sagt Empfangsmitarbeiterin Vivian Buchmann im Steigenberger am Luisenplatz (4 Sterne). „In der Hauptsaison sieht das allerdings ganz anders aus. Dann rufen wir nicht nur unser Stammunternehmen an, sondern gleich mehrere. Und selbst dann können wir unseren Gästen nicht garantieren, dass eines kommt. Wir verweisen in dem Fall auf die öffentlichen Verkehrsmittel.“ Mehrere Bus- und Tram-Linien berühren den Luisenplatz.

Ideal getroffen hat es das Mercure in Sichtweite des Hauptbahnhofes; regelmäßig sieht man Gäste mit ihren Koffern über die Lange Brücke ziehen. „Wir haben gar keine Probleme, ein Taxi zu bekommen“, heißt es in der Rezeption

Keine Sorgen am Klinikum

Problemlos läuft es für das Ernst-von-Bergmann-Klinikum. Die Stationen, der Pflegedienst und die Rettungsstelle bekommen Taxis, wenn sie welche brauchen, versichert Pressesprecherin Damaris Hunsmann, „sogar nachts. Wir profitieren aber auch davon, dass wir einen großen Taxi-Punkt vor der Haustür haben.“ Da stehen Fahrzeuge so gut wie immer Schlange, aber hier ist der Kundenstrom auch sicher.

Genau da liegt das Problem: Taxis bekommt man nur zu Zeiten und an Orten gut, in denen und wo sich das auch lohnt für die Unternehmen, egal ob sie Ein-Mann-Betriebe sind oder Angestellte haben.

Alleinunternehmer sterben aus

75 Prozent der Unternehmen sind Alleinfahrer, schätzt Bernd Baltrusch (Name geändert – d.Red.), seit 30 Jahren aktiv am Markt: „Die Unternehmen stellen ihre Autos nur noch zu umsatzträchtigen Zeiten auf die Straße.“ Früher habe man die Fahrer nach Umsatz bezahlt; das gab sechs bis sieben Euro die Stunde. Heute müsse man den Mindestlohn von 8,84 Euro bezahlen. Trotz mehr Kilometergeld rechne sich das nicht. „Früher hatten wir 190 Autos und 300 bis 350 Fahrer dafür“, sagt er: „Damals war die Arbeitslosigkeit noch hoch, und viele interessierten sich für diesen Job, aus der Not heraus.“ Heute sei die Arbeitslosigkeit niedrig, und viele Fahrer kehrten in den alten Job zurück, um deutlich mehr zu verdienen. Es gebe noch 170 Autos und höchstens 200 Fahrer dafür. Die Einzelunternehmer kämen mit 1000 bis 1500 Euro brutto nach Hause und müssen davon alle Versicherungen, Steuern, Reparaturen und Kredite selber davon bezahlen, auch die Rente. „Deshalb“, so der Ex-Unternehmer, „sterben die Einzelbetriebe bei uns aus.“

Genug Autos am Hauptbahnhof

Dies allerdings sieht am Hauptbahnhof noch nicht so aus. Am Montagnachmittag standen genügend beigefarbene Autos bereit. „Im Moment ist die Auftragslage ruhig“, sagte einer der Fahrer: „Deswegen stehen wir und warten. An den üblichen Halteplätze, und das sind immerhin 36 in der ganzen Stadt, stehen derzeit auch sehr viele Wagen.“ Doch eine Passantin findet, es sei problematisch, ein Taxi zu bestellen. „Ich nutze es recht häufig, aber es ist relativ schwer, wenn man bei der Zentrale anruft“, sagte sie: „Es dauert sehr lange, bis eines kommt. Ich denke, es sind einfach zu wenige Wagen draußen.“

Wie dünn das Angebot auch sein kann, zeigte der Bahnhof Charlottenhof nicht nur am Montagnachmittag: Ein Taxi und nach kurzer Zeit keines mehr. Am Bahnhof Pirschheide sah es nicht besser aus. Seit der alte Hauptbahnhof nach der Wende auf einen Bahnsteig reduziert wurde, fahren kaum mehr Taxis vor, konstatiert man in der Gaststätte „Märker Bowling“ . Braucht ein Gast trotzdem eins, greifen die Mitarbeiter zum Telefon, und binnen fünf bis zehn Minuten ist eins da. Viele Gäste nutzen aber viel sicherer die Tram, die direkt vor der Restauranttür abfährt.

Leerer Taxi-Stand am Montagnachmittag an der Wilhelmgalerie mitten im Zentrum der Stadt

Leerer Taxi-Stand am Montagnachmittag an der Wilhelmgalerie mitten im Zentrum der Stadt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Von Rainer Schüler und Annika Jensen

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