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Potsdam „Tempo 30 würde sich positiv auswirken“
Lokales Potsdam „Tempo 30 würde sich positiv auswirken“
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09:54 14.06.2013
Die historische Innenstadt ist nicht für den heutigen Verkehr gemacht. Die Baustellen verschärfen die Situation. Quelle: JACQUELINE SCHULZ
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Potsdam

MAZ: Professor Staadt, haben Sie heute schon auf Potsdams Straßen geflucht?

Herbert Staadt: Ich habe die Sache so gelöst, dass mein Arbeitsplatz und meine private Wohnung so dicht beieinander liegen, dass ich zu Fuß gehen kann. Für auswärtige Termine, für die ich eventuell das Auto nehmen muss, plane ich einfach mehr Zeit ein. Und wenn ich in Richtung Berlin unterwegs bin – die Avus ist ja auch so ein Knackpunkt – wähle ich gegebenenfalls alternative Verkehrsmittel wie S- oder Regionalbahn. Generell habe ich aber kaum Verständnis dafür, dass alle den Verkehr als ein so großes Problem ansehen – zehn, fünfzehn Minuten mehr Zeit einplanen, das ist doch nicht die Welt.

Sie schlagen Tempo 30 in der Innenstadt vor. Kann man das den ohnehin gestressten Autofahrern zumuten?

Staadt: Ich würde gern mal ein Experiment durchführen und probeweise zwei Fahrzeuge durch die Stadt fahren lassen, von dem das eine – wenn mögliche – Tempo 50 durchhalten soll und das andere mit maximal Tempo 30 fährt. So könnte man messen, ob es einen nennenswerten Zeitverlust gibt. Ich meine, dieser ist nur gefühlt – die meiste Zeit stehen wir und warten, dass es weitergeht.

Aber was wäre der Gewinn?

Staadt: Tempo 30 würde sich – neben der Verringerung der Umweltbelastungen und der Erhöhung der Verkehrssicherheit – positiv auf den Radverkehr auswirken. In vielen Potsdamer Straßen ist zu wenig Platz, zu wenig Raum, um Radverkehrsanlagen auf der Fahrbahn oder im Seitenraum unterzubringen. Bei Tempo 30 könnten Rad- und Kfz-Verkehr ohne Probleme – vor allem ohne Sicherheitsprobleme – gemeinsam die Fahrbahn benutzen. Die Initiative der Landeshauptstadt Potsdam, den Radverkehr zu stärken und den Anteil der Menschen, die mit dem Rad unterwegs sind, zu erhöhen, ist sinnvoll in einer Stadt wie Potsdam, die aufgrund ihrer Stadttopografie nicht unbegrenzt Verkehrsflächen bereitstellen kann.

Brauchen wir in Potsdam eine Offensive im öffentlichen Personennahverkehr und wenn ja, wie sollte sie aussehen?

Staadt: Eine Verbesserung im öffentlichen Nahverkehr kostet immer Geld – und wenn man das nicht durch erhöhte Einnahmen auf der Fahrgastseite kompensiert, kostet es öffentliche Zuschüsse. Für Potsdam wären mehr Park-and-Ride-Parkplätze attraktiv. So könnte man insbesondere im Berufsverkehr den privaten Pkw mit dem öffentlichen Personennahverkehr kombinieren. Stau und Verkehrsprobleme treten in der Regel ja nur morgens und nachmittags auf. Mit der zunehmenden Besiedelung im Norden der Stadt sollte man auch über eine Verlängerung der Tram mindestens bis zum Hasso-Plattner-Campus nachdenken.

Was halten Sie von dem Vorschlag des Vip-Chefs, nach Karlsruher und Chemnitzer Vorbild die Tram auf Gleisen der Deutschen Bahn fahren zu lassen?

Staadt: In manchen Städten ist das inzwischen ein bewährtes System. Die Frage ist, ob es für Potsdam geeignet ist – dazu möchte ich im Moment keine Meinung abgeben, denn das muss zunächst untersucht werden.

Sie schlagen einen Wasserbus vor – was genau ist das?

Staadt: Potsdam ist durch die Havel in zwei Hälften geteilt. Die Verbindung beider Ufer ist ein Problem, über das wir seit Jahren diskutieren. Bevor das heutige Wassertaxi fuhr, habe ich mit Studenten untersucht, ob es einen öffentlichen Nahverkehr auf der Havel von der Glienicker Brücke bis zum Luftschiffhafen geben könnte. In anderen Städten, etwa in Hamburg und Stockholm, ist öffentlicher Nahverkehr auf dem Wasser selbstverständlich. Ein Wasserbus, der eine Alternative und Ergänzung sein könnte, müsste mit dem übrigen öffentlichen Nahverkehr verknüpft und mit dem gleichen Ticket benutzbar sein. Sehr wichtig ist ein kurzer Takt von mindestens zwanzig, besser noch zehn Minuten und die Möglichkeit, das Rad mitzunehmen. Wir haben erfolgversprechende Potenziale ermittelt.

Geht denn das Wassertaxi nicht genau in diese Richtung?

Staadt: Das Wassertaxi wird überwiegend im Freizeitverkehr genutzt. Wir haben in erster Linie an den Alltagsverkehr gedacht, erst in zweiter Linie an die Touristen.

Sie plädieren auch für einen Ausbau von Parkhäusern?

Staadt: Unterirdische Tiefgaragen sind in Potsdam wegen des Baugrunds sehr teuer. Aber Parkhäuser wie das an der Hegelallee und an der Hebbelstraße sind sinnvoll. Ein Beispiel: Die parkenden Autos in der Friedrich-Ebert-Straße zwischen Charlottenstraße und Nauener Tor erzeugen erhebliche Probleme – dieser Straßenabschnitt hat die höchsten Unfallzahlen im Radverkehr und ist eindeutig eine Problemstrecke. Dort sollte das Parken gänzlich verboten werden. Ich denke, das Miteinander von Rad-, Fußgänger- und öffentlichem Nahverkehr wäre sehr viel entspannter, wenn wir dort die Autos ausschließen. Als Radfahrer hat man links die Straßenbahn, rechts die parkenden Fahrzeuge und muss sich irgendwie entscheiden. Hält man Abstand zur Straßenbahn, gerät man vielleicht zu dicht an die parkenden Autos. Es hat dort schon einen tödlichen Unfall gegeben, weil jemand die Autotür unachtsam geöffnet und ein Radfahrer darüber gestürzt war.

Gibt es eine Alternative zu den umstrittenen Pförtnerampeln?

Staadt: Wir brauchen keine Alternative, aber eine Ergänzung des Systems. Im Prinzip ist es richtig, die Verkehrsmenge in der Innenstadt zu dosieren, wenn Grenzwerte für Lärm und Luftschadstoffe überschritten werden. Die Frage ist, welche anderen Auswirkungen diese Regelung hat – in Richtung Geltow negative. Da wäre wiederum Park-and-Ride eine gute Ergänzung.

Was halten Sie von der Forderung nach dem dritten Havelübergang?

Staadt: Wenn Sie mir sagen, wo der liegen sollte, kann ich auch etwas dazu sagen. Im engeren Stadtgebiet gibt es keine Möglichkeit. Die einzige Chance, die realistisch wäre, ist die Querung des Templiner Sees parallel zur Bahn. Die Auswirkungen auf die Innenstadt wären aber sehr gering. Der Eingriff steht in keinem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen.

Zu guter Letzt – haben Sie einen Tipp wie man geschmeidig durch den von Baustellen eingezwängten Potsdamer Verkehr kommt?

Staadt: Bei kurzen Wegen zu Fuß, bei mittleren Entfernungen mit dem Fahrrad. Bei längeren Strecken und wenn man nicht so mobil ist, sollte man versuchen, auf Tageszeiten auszuweichen, in denen das Verkehrsaufkommen nicht so hoch ist. Es wird oft moniert, dass es mehrere Baustellen gleichzeitig in der Stadt gibt. Aber die, die die Bauarbeiten durchführen, können oft nicht frei entscheiden, wann sie bauen. Das hängt neben der Witterung auch von Fördermitteln ab – und die fließen nicht immer und dürfen nicht verfallen.

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