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Tod im Gully: Schmerz, der sich nicht zähmen lässt

Unglück in Potsdam Tod im Gully: Schmerz, der sich nicht zähmen lässt

Vor einem Jahr stürzte Anneliese Wolf (83) am Hauptbahnhof in einen offenen Schacht und starb. Ihr Witwer Gerhard (86) besucht den Unglücksort jeden Tag. 64 Jahre waren die Wolfs verheiratet. Was bleibt ist die Trauer und die Frage: „Hätte ich es verhindern können?“ Doch es bleiben auch die gemeinsamen Erinnerungen. Wir haben den Witwer getroffen.

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Gerhard Wolf trauert um seine verstorbene Frau.

Quelle: Privat

Potsdam. Er geht diesen Weg jeden Tag. Trauer braucht einen Ort, sei er auch noch so unbehaglich. Asphaltiertes Terrain am Rande des Hauptbahnhofs. Hier und da bricht das Unkraut durch. Menschen hasten vorüber, Autos und Busse ziehen vorbei. Und mittendrin steht still, einsam, mit einem Schmerz im Herzen, der sich nicht zähmen lässt, Gerhard Wolf. Der 86-Jährige stützt sich auf den Rollator, der vor einem Jahr noch seiner Frau gehörte. Hier ist Anneliese Wolf am 18. Juni 2015 fünf Meter tief in einen offenen Gully gestürzt. Der Notarzt konnte nichts mehr für sie tun.

 Gerhard Wolf an der Unglücksstelle

Gerhard Wolf an der Unglücksstelle: Hier stürzte seine Frau Anneliese am 18. Juni 2015 in einen offenen Gully-Schacht und starb.

Quelle: Privat

Zum Todestag, der sich nun jährte, versammelte sich die Familie am Unfallort. Die Tochter schmückte den Gully mit Sonnenblumen und Chrysanthemen. Eines der Urenkelkinder bemalte das graue Pflaster mit bunter Kreide, malte gelbe und rosa Strahlen, lila Blumen, ein Herz und ein Kreuz. Gerhard Wolf kniete trotz der Schmerzen in den Beinen und Gelenken nieder und klebte Buchstaben auf die Schachtabdeckung: Ur-Oma, Mama, Frau. Am Ende legte er eine einzelne rote Rose obenauf. „Alle, die vorbeigekommen sind, haben gesagt: ,Das haben Sie aber schön gemacht’“, erzählt Gerhard Wolf. Immer wieder lässt er den Tag Revue passieren, an dem ihm der entsetzliche Unfall den Lebensmenschen nahm.

Sie wollte nur kurz zum Arzt und kam nie zurück

Seine Frau hatte am Morgen einen Arzttermin. „Ich bin einfach nicht aus dem Bett gekommen“, erzählt Gerhard Wolf. Die Tabletten, die er nimmt – 17 Stück über den Tag verteilt – machen ihn schläfrig. Anneliese Wolf lässt ihm seine Ruhe und geht allein los. „Bleib mal liegen“, sagt sie noch. „Wenn ich zurückkomme, bringe ich uns frische Brötchen mit und wir frühstücken.“ Oft haben es sich die beiden so auf dem Balkon gemütlich gemacht: mit Kaffee und auch mit einem Stückchen Kuchen. 2010 waren sie von Neuseddin in den Neubau am Potsdamer Hauptbahnhof gezogen, weil die Gesundheit wackeliger und der Alltag beschwerlicher geworden waren. „So eine schöne Wohnung: große Zimmer und ein Sieben-Meter-Balkon“, schwärmt Gerhard Wolf noch heute. „,Hier gehen wir nicht mehr weg’, haben wir uns geschworen. ,Hier tragen sie uns raus.’“

 In diesen Schacht stürzte die Seniorin und starb

In diesen Schacht stürzte die Seniorin und starb. Die Polizei ermittelte vor Ort. Zu einer Anklage kam es allerdings nicht.

Quelle: Stähle

Irgendwann an jenem Junimorgen rappelt sich auch Gerhard Wolf auf. Er kocht Kaffee, füllt ihn in die Thermoskanne und wartet darauf, dass Anneliese heim kommt. Doch als es endlich klingelt, stehen zwei Fremde vor der Tür. „Sie sagten: ,Ihre Frau, die kommt nicht mehr, die ist tot’“, erzählt Gerhard Wolf. „Ich dachte, mich trifft der Schlag.“

„Sie guckt immer zu, nicht Mutti?“

64 Jahre waren die Wolfs verheiratet. Zur Eisernen Hochzeit am 12. Mai 2016 wollten sie sich mit einer Kreuzfahrt beschenken. „Wir waren uns nur noch nicht einig, wohin sie gehen sollte“, sagt Gerhard Wolf. „Ich wollte aufs Meer, meine Frau lieber die Donau hinunter.“ Diese Reise, die sich Anneliese Wolf so sehr gewünscht hatte, möchte er nun unbedingt allein machen. Ab Passau über Wien und Bratislava, über Budapest und Belgrad. Vielleicht sogar durch Rumänien bis hinüber zum Schwarzen Meer, eine Ecke, die die Wolfs oft bereist haben, seit Gerhard Wolf in den 70ern als Ingenieur bei der Bahn viel im Karpartenland zu tun hatte. Im Sommer aber, da war stets die Ostsee ihr Ziel. Zelten mit den drei Kindern – kein leichtes Unterfangen, denn die Zeltplätze waren schnell belegt. Wer sich in den großen Ferien eine salzige Brise um die Nase wehen lassen wollte, musste noch vor Silvester buchen – und bangen. „Den Antrag haben wir meistens gemeinsam geschrieben“, so Gerhard Wolf. Prerow, Kühlungsborn, Heringsdorf: „Es hat immer geklappt.“

  Anneliese Wolf wollte mit ihrem Mann zur Eisernen Hochzeit eine Kreuzfahrt unternehmen

Anneliese Wolf wollte mit ihrem Mann zur Eisernen Hochzeit eine Kreuzfahrt unternehmen.

Quelle: privat

All die schönen Jahre. Wie schnell sind sie vergangen. Wenn Gerhard Wolf erzählt, ruht sein Blick auf dem Bild, das seine Anneliese zeigt. „Sie war eine sehr bedachte, fleißige Frau. Aber sie war auch fröhlich.“ Das Bild, das bei der Trauerfeier ganz vorn stand, hängt nun über seinem Bett. „Sie guckt immer zu, nicht Mutti?“, sagt Gerhard Wolf. „Ich rede mit ihr. Das ist eine Beruhigung für mich. Aber ich darf das nicht zu lange machen, sonst kommen mir die Tränen.“

Nach dem Beileid gab es „Funkstille“

Die Geschäftsführung der Energie und Wasser Potsdam (EWP) hat ihm damals ihr Beileid bekundet und ihre Unterstützung zugesagt. „Dann war Funkstille“, sagt Gerhard Wolf, der nicht nur seine Ehefrau und Vertraute, sondern auch seine Pflegerin verloren hat. Nach dem Unglück zog er ins Altenheim. „Da hast du deine Ruhe“, hätten die Söhne zu ihm gesagt. „Da musst du dich um nichts kümmern.“ Aber Gerhard Wolf mochte das reglementierte Heimleben nicht. „Die Jahre, die ich noch hab, möchte ich genießen“, sagt er. Vor sechs Monaten ist er in ein Apartment vis à vis gezogen: ein Zimmer, Küche, Bad, Balkon: „Ein Platz, um zu leben, wie ich es möchte.“ Zwei Mal am Tag kommt ein ambulanter Pflegedienst. Zum Mittag geht Gerhard Wolf ins Heim hinüber. Zum Frühstück und Abendbrot setzt er sich zu Hause an den runden Tisch, der ohne Anneliese viel zu groß ist.

Die Staatsanwaltschaft hatte zu fahrlässiger Tötung ermittelt, das Verfahren aber wegen geringer Schuld eingestellt. Der verantwortliche Kanalarbeiter musste eine Geldauflage zahlen. Gerhard Wolf kann das nicht verstehen: „Meine Frau ist doch mehr wert. Nein, ich bin nicht darüber hinweg. – Ach, wäre ich doch mitgegangen. Dann wäre das bestimmt nicht passiert.“

Neue Sicherheitsstandards bei der EWP

Nach dem Unfall am 18. Juni 2015 fanden laut Stadtwerkesprecher Stefan Klotz mit allen zuständigen Fachabteilungen der Energie und Wasser Potsdam (EWP) sowie mit dem Landesamt für Arbeitsschutz intensive Gespräche statt. Ziel war eine technische Lösung, die den bestmöglichen Schutz bei Arbeiten an Schächten bietet.

Heute würden neben Kegeln auch Absperr- und Schachtgitter aufgestellt. So erfülle man höhere Anforderungen bei der Baustellenabsicherung als nach geltenden Vorschriften erforderlich sind.

Alle Mitarbeiter der EWP, die im Straßen-, Geh- und Radwegebereich arbeiten, haben laut Klotz ein Seminar zur Sicherung von Arbeitsstellen im öffentlichen Verkehrsraum besucht. Seither sei es zu keinen weiteren Unfällen bei solchen Arbeiten gekommen. nf

 

Von Nadine Fabian

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