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Tödlicher Crash auf A 115: Geldstrafe für Autofahrerin

Prozess in Potsdam Tödlicher Crash auf A 115: Geldstrafe für Autofahrerin

Im Juni 2016 starb ein Potsdamer Autofahrer auf der A 115. Er war auf einen auf der linken Spur haltenden Wagen aufgefahren. Dessen Fahrerin wurde jetzt vom Amtsgericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Witwe des Getöteten ist entsetzt, denn die Angeklagte war nicht zur Verhandlung erschienen. Sie hätte der Frau nur einmal in die Augen sehen wollen, sagt die Witwe.

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Die Autos der Unfallverursacherin (vorn) und des Getöteten.

Quelle: Aireye

Potsdam. Dass ihr Mann sie versetzt, das hatte Andrea T. nie erlebt. Auf Klaus-Jürgen war Verlass. Seit er keinen Job mehr hatte, brachte er sie zur Arbeit und holte sie auch wieder ab. Jeden Tag. „Das war schön“, sagt die 53-jährige Verkäuferin und wendet sich ab, ringt einen Moment um Fassung und erzählt dann weiter. Denn erzählen, das will sie – sie will gehört, in ihrer Verzweiflung gesehen werden. Größer ist nur der Wunsch zu erfahren, was genau sich zugetragen hat, an jenem sonnigen 14. Juni 2016. „Ein Dienstag“, sagt Andrea T.: „Ein ganz normaler Tag.“

Es ist mit dem Auto nicht weit von daheim nach Kleinmachnow hinüber. Klaus-Jürgen T. nahm wie sooft die Auffahrt Potsdam-Babelsberg auf die A 115. Schon bei der nächsten Gelegenheit wollte er wieder runter, denn in Kleinmachnow hatte seine Frau gerade Feierabend gemacht, eine Stunde später als üblich. Diese eine Stunde! Andrea T. hat sie oft verflucht: „Man fragt sich immer, was wäre gewesen, wenn? Natürlich ist das Quatsch. Und dann fragt man sich doch wieder.“

Hatte das Auto ein technisches Problem?

Klaus-Jürgen T. kam nie an. Er starb auf der Autobahn, 1000 Meter vor der Abfahrt. Ein anderer Wagen hatte auf der linken Spur gehalten. Die Fahrerin gab zu Protokoll, dass das Auto ein technisches Problem hatte. Er sei immer langsamer geworden, habe aufs Gasgeben nicht mehr reagiert. Weil der Verkehr so dicht gewesen sei, habe sie nicht auf die rechte Spur oder den Standstreifen wechseln können. Was sie sich vorwerfen müsse: Sie hat das Warnblinklicht nicht angeschaltet. Klaus-Jürgen T. fuhr auf. „Genickbruch“, sagt Andrea T. „Er war sofort tot.“ Der Potsdamer wurde 57 Jahre alt.

Am Steuer des Autos, auf das Klaus-Jürgen T. knallte, saß Petra H. (61). Die Berlinerin sollte sich am Donnerstag vor dem Amtsgericht wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Tötung verantworten. Doch sie ließ sich entschuldigen. „Meine Mandantin ist aufgrund der nervlichen Beanspruchung leider erkrankt“, sagte Verteidiger Matthias Schöneburg. „Sie hat Kreislaufprobleme und ist auf dem Weg zum Arzt“, lasse den Angehörigen aber mitteilen, „dass ihr der gesamte Vorfall ausgesprochen leid tut“. Für Andrea T. und Sohn Marcel ist das ein Schlag ins Gesicht. „Wenn ich einen Fehler gemacht habe, muss ich dafür geradestehen“, so der 30-Jährige. Die Angeklagte habe sich auch nie bei der Familie gemeldet. „Es gab kein einziges Wort, keine Karte, nichts.“

Ein Wort, eine Karte wird es wohl auch in Zukunft nicht geben. Vor allem aber: Es wird keinen weiteren Termin vor Gericht geben und keine Aussage. Andrea und Marcel T. werden von Petra H. nicht persönlich erfahren, wie sie den Unfall erlebt hat. „Ich wollte ihr einmal in die Augen sehen“, sagt Andrea T. „Das würde es mir leichter machen, einen Schlussstrich ziehen zu können.“

Der Gutachter und die Zeugen wurden unverrichteter Dinge entlassen

Zumindest strafrechtlich ist der Fall abgeschlossen – wenn Petra H. keinen Widerspruch einlegt, was unwahrscheinlich ist. Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidiger haben sich auf ein Strafbefehlsverfahren geeinigt und die abwesende Angeklagte so zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 85 Euro verurteilt. Der Gutachter und die sieben geladenen Zeugen wurden unverrichteter Dinge nach Hause geschickt.

„Ich denke, dass dieser Weg für die Angehörigen schonender ist und der Schuld der Angeklagten gerecht wird“, sagt Richterin Bettina Thierfeldt. Sie nahm sich die Zeit, den Angehörigen die Entscheidung zu erklären. Demnach habe Petra H. nicht aus krimineller Energie heraus gehandelt, sondern eine Fahrlässigkeit begangen. „Man kann ihr nicht mehr vorwerfen, als dass sie sehr unüberlegt, vielleicht panisch gehandelt und das Warnlicht nicht angemacht hat. Sie wollte ihrem Mann nichts zu leide tun. Sie hat sich nur sehr ungeschickt verhalten – mit katastrophalen Folgen, mit denen auch sie leben muss.“ Zudem sei davon auszugehen, dass Klaus-Jürgen T. eine Mitschuld am schrecklichen Unfall trägt: „Er soll ziemlich flott gefahren sein und hätte das haltende Auto womöglich sehen können.“

7650 Euro und ein per Post zugestelltes Urteil: „Zu milde“, sagt Andrea T. Als sie am Tag des Unfalls vergeblich auf ihren Mann wartete und ihn auch auf dem Handy nicht erreichte, stieg sie in den Bus. Von der Nuthestraße aus sah sie den Stau, der sich hinter der Unfallstelle aufgebaut hatte. „Ich dachte, er steht da drin“, sagt Andrea T. Daheim las sie im Videotext, dass auf der A 115 ein 57-Jähriger zu Tode gekommen war. „Da wusste ich, was die Stunde geschlagen hat.“

Von Nadine Fabian

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