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Trotz und Trauer auf dem Weihnachtsmarkt

Potsdam nach dem Lkw-Anschlag von Berlin Trotz und Trauer auf dem Weihnachtsmarkt

Nach dem Anschlag von Berlin wird der Weihnachtsmarkt in der Landeshauptstadt stärker durch Polizei und Ordnungsamt kontrolliert. Händler und Besucher wollen sich Vorfreude aufs Fest nicht nehmen lassen.

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Polizisten kontrollierten gestern auf dem Weihnachtsmarkt in der Innenstadt Ausweise.

Quelle: Fotos: Christel Köster (3), Nadine Fabian (4), Bernd Gartenschläger

Potsdam. Sie haben Barrikaden gebaut am Brandenburger Tor. Zwei Lieferwagen stehen quer am Luisenplatz und blockieren so die Durchfahrt auf den Potsdamer „Broadway“, wo die Buden und Lichterketten weihnachtliche Stimmung verbreiten sollen. „Das haben wir Händler in Eigeninitiative gemacht“, erklärt Jörg Meyer, der auf dem Markt „Blauer Lichterglanz“ drei Stände betreibt. „Hier kann kein Lkw auf die Brandenburger Straße einbiegen.“

Am Tag nach dem Lkw-Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten und 48 Verletzten herrscht auch im benachbarten Potsdam höchste Vorsicht. Polizisten in Zweier- und Dreiergruppen, Maschinenpistolen umgehängt, patrouillieren durch die City. Neben dem Karussell mit der Aufschrift „Weihnachtstraum“ in Höhe der Dortustraße parkt ein Streifenwagen. Nur ein Kind dreht seine Runden auf einem Feuerwehrauto – ohne Musik. „Jingle Bells“ und „O du Fröhliche“ bleiben am Dienstag aus. Aus Pietätsgründen, wie Händler Jörg Meyer, der im Vorstand der veranstaltenden AG Innenstadt ist, erklärt. Den Weihnachtsmarkt zu schließen, halte er aber für den falschen Weg. „Wir fühlen alle mit den Berlinern“, betont er. „Aber: Jetzt erst recht! Wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Dass am Dienstag auffällig wenig Leute an den Ständen entlang flanieren, liegt seiner Einschätzung nach nicht nur an dem Drama in der Nachbarstadt. „Ich sehe hier keine verängstigten Menschen“, meint er. Das Wetter sei auch einfach zu windig und kalt für einen Budenbesuch.

„Alle hier haben Angst“, sagt hingegen eine Bratwurstbudenbetreiberin aus Magdeburg, die ihren Namen nicht nennen will. „Ich habe gestern drei Stunden lang vor dem Fernseher gesessen und konnte die ganze Nacht nicht schlafen“, sagt sie. Dass nun deutlich mehr Polizei auf dem Markt präsent ist, beruhigt sie nicht wirklich. „An jeder Kreuzung müsste ein Polizist stehen“, findet sie.

Die Brandenburger Polizei habe die Präsenz auf und in der Nähe von Weihnachtsmärkten erhöht, erklärte am Dienstag der Sprecher des Landespolizeipräsidiums, Torsten Herbst. Schwerpunkt seien die großen Märkte, also vor allem jener in Potsdam. Aber auch in Brandenburg/Havel, Cottbus und Frankfurt (Oder) seien mehr Beamte der Bereitschaftspolizei im Einsatz. Das offene Tragen der Maschinenpistolen sowie der Schutzwesten sei angeordnet worden. „Zwar passen martialisch aussehende Polizeibeamte nicht unbedingt zum Fest der Liebe, aber wenn es Nachahmer geben sollte, müssen die Polizisten schnell handlungsfähig sein“, erklärt er.

Das Ordnungsamt dreht Zusatzrunden

Gemeinsam mit der Polizei, dem Ordnungsamt und der Feuerwehr seien gestern die Sicherheitsvorkehrungen auf den Potsdamer Weihnachtsmärkten besprochen worden, sagte Ordnungsdezernent Mike Schubert (SPD). Ordnungsamtsmitarbeiter seien in der Folge verstärkt auf den Märkten in der Innenstadt und am Krongut präsent, „Dabei wird darauf geachtet, dass Feuerwehrzufahrten und Rettungswege nicht zugeparkt werden“, so Schubert. Fahrzeughalter, die das Halteverbot missachten, müssten damit rechnen, abgeschleppt zu werden. Feuerwehr und Ordnungsamt sollen darüber hinaus die Kon­trollen zum Freihalten von Aufstellflächen für Rettungskräfte und Feuerwehr deutlich erhöhen.

„Ich fühle mich hilflos“, räumt Wolfgang Cornelius, Vorsitzender der AG Innenstadt, ein. „Ich sehe keine Möglichkeit, Märkte zu hundert Prozent zu schützen. Wir können ja keine Panzersperren auffahren – und selbst dann gäbe es keine Sicherheit.“ Dennoch ist für ihn klar: Weihnachtsmärkte müssen weitergehen. „Ich halte es da mit den Franzosen“, so Cornelius: Jetzt erst recht müsse man an die Orte des Geschehens aufsuchen, das Leben normal weiterführen. „Sonst hätte der Attentäter erreicht, was er wollte.“

Auch Kerstin und Andreas Möller wollen sich ihren Urlaub nicht kaputt machen lassen. Die beiden Touristen aus Hettstedt in Sachsen-Anhalt waren am Montag auf dem Markt am Berliner Breitscheidplatz – wenige Stunden, bevor der Lastwagen in die Menschenmenge raste. „Die Schausteller, bei denen wir gerade noch etwas gekauft haben, sind vielleicht unter den Opfern“, sagt Andreas Möller. Der Schock sitzt dem Paar, das eine Woche Berlin-Urlaub eingeplant hatte, noch in den Gliedern. Deswegen sind sie am Dienstag nach Potsdam gefahren, um etwas Ruhe zu finden und in der Nikolaikirche am Alten Markt Kerzen für die Opfer anzuzünden. Auf dem Potsdamer Weihnachtsmarkt haben sie trotzdem vorbeigeschaut. „Als Zeichen“, sagt Andreas Möller. „Wir wollen uns das nicht nehmen lassen.“

Jakobs mahnt zur Ruhe

Auch die Lokalpolitik zeigte sich bestürzt über den Anschlag und gleichzeitig optimistisch, dass die Angst gerade jetzt kurz vor Weihnachten nicht die Oberhand gewinnt. „Ich bin sicher, dass die für Potsdam zuständigen Stellen alles für unsere Sicherheit tun. Wir lassen uns nicht aufzwingen, wie wir zu leben und unsere Feste zu feiern haben“, sagte CDU-Fraktionschef Matthias Finken. Linken-Kreischef Sascha Krämer erklärte: „Hass ist die Ursache für Terror. Wer solche Taten begeht, will nicht nur Angst, Unsicherheit und Hass erzeugen, sondern die demokratische Gesellschaft dazu zwingen, ihre Freiheit einzuschränken. Das werden wir nicht zulassen. Wir müssen den Gegnern unserer offenen Gesellschaft gegenübertreten.“

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hatte bereits am Montagabend sein Mitgefühl für die Angehörigen zum Ausdruck gebracht. Am Dienstag wurde für alle kommunalen Gebäude Trauerbeflaggung angeordnet. Im Foyer des Landtags am Alten Markt wurde ein Kondolenzbuch ausgelegt, in das sich Potsdamer und Gäste eintragen können. „Wir fühlen mit unserem Nachbarn und sind in solch besonders schweren Stunden nicht nur geografisch an seiner Seite“, ergänzte Jakobs am Dienstag. Es bestehe kein Zweifel, dass dieser Akt der Gewalt „einen dunklen Schatten über die ansonsten so freudige Vorweihnachtszeit legt, die besonders für unsere Kinder voller Zauber und Erwartung ist“, sagte Jakobs. „Ich möchte aber alle Potsdamer dazu aufrufen, dennoch jetzt vor allem Ruhe zu bewahren.“

Gebete für die Opfer

Am Mittwoch um 18 Uhr lädt die evangelische Kirche zum Friedensgebet in die Nagelkreuzkappelle am Ort der ehemaligen Garnisonkirche: „Lasst Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse
mit Gutem.“ (Römerbrief 12, 21).

Friedenskirche und ­Nikolaikirche sind offen zum stillen Gedenken und Anzünden von Kerzen. Zudem wird in allen Weihnachtsgottesdiensten der Opfer ­gedacht.

Von Marion Kaufmann

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