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Potsdam Behinderte Kinder lernen Wohltäter kennen
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17:36 08.01.2019
Kinder der Wilhelm-von-Türk-Schule am Bisamkiez besuchten am Montag das Grab ihres Namensgebers in Klein-Glienicke. Dort konnten sie auch die Friedhofsglocke läuten, die einzige außen Stehende in Potsdam. Es war der 245. Geburtstag des Waisenhaus-Gründers und Erziehers Wilhelm von Türk (1774-1846). Ortschronist Gerhard Petzholtz (re.) ist Ururur-Enkel von Tür und organisiert das Gedenken jedes Jahr. Quelle: Bernd Gartenschläger
Klein Glienicke

Sechzehn Fragen müssen die Kinder beantworten; dann wird ein Sieger gekürt. Erstmals veranstaltet die Wilhelm-von-Türk-Schule am Schlaatz einen Wissensparcours für ihre Kinder, und der ist nur auf den ersten Blick einfach. Denn die Schüler haben teils deutliche Einschränkungen beim Sprechen und Hören, auch bei der Aufnahme von Informationen. Sie müssen in ihren Klassen genau hinhören und hinsehen, was über den Namensgeber ihrer Schule erzählt wird. Sie durchstreifen das Haus und entdecken Bilder und Texte über den Wohltäter, der einst zwei Waisenhäuser gründete in Potsdam. Sie recherchieren - durchaus ein Problem für sie -, wo in der Stadt die Türkstraße liegt und besuchen das Grab des Wohltäters auf dem abgelegenen und fast unbekannten Friedhof von Klein Glienicke; alle Kinder dieser Förderschule tun das mal.

Eine Aufgabe der Türk-Rallye: Die Kinder sollten aus den Sütterlin-Buchstaben der Türk-Zeit ihren Namen schreiben. Quelle: Rainer Schüler

So auch auch gestern, als sich der Geburtstags des Erziehers und Schulrates zum 245. Male jährte. Trotz Dauerregens kamen die Fünftklässler aus dem Bisamkiez per Straßenbahn und zu Fuß zunächst in die schützende Klein Glienicker Kapelle, wo ihnen Gerhard Petzholtz als Ururur-Enkel von Türks etwas aus dem Leben des halb blinden, halb tauben Vaters zweier Kinder erzählte, dessen Namen die Schule seit dem Jahr 2000 trägt. Einige konnten hören, was Petzholtz sagte; für andere übersetzte eine Lehrerin in Gebärdensprache. Manches wussten die Kinder schon aus ihrem Unterricht, denn eine Stunde pro Woche beschäftigen sie sich mit dem Lebenswerk des Mannes, dessen materielles Erbe von der Wilhelm-von-Türk-Stiftung verwaltet wird. Sie gibt nach Angaben aus dem Schul-Collegium mehrere tausend Euro jährlich für Projekte, Praktika und Schulausstattung. Ihr Stiftungsvermögen ist das Civil-Waisenhaus in der Berliner Straße.

Als Türks Mutter Maria von Bibra 1780 starb, war Türk erst sechs – eine Rechenaufgabe für die Kinder, von denen etliche ein Hörgerät brauchen. Türk hatte solche Geräte nicht, hörten sie von Petzholtz, der auch eins trägt und schon deshalb mit den Kindern fühlt: „Türk musste ein Hörrohr nehmen“, sagt er, hat aber leider keins dabei zum Zeigen.

Hundert Meter von der Kapelle entfernt ist Türk beerdigt. Ein schmiedeeiserner Zaun umgibt das Familiengrab; die Grabplatten sind zum Teil nur noch schwer zu lesen, aber schon gut im Vergleich zur Zeit der innerdeutschen Mauer, als der Friedhof im Grenzgebiet lag und stillgelegt vergammelte.

Die weitgehend sanierten Grabplatten der Familiengrabanlage derer von Türk auf dem Friedhof in Klein Glienicke. Wilhelm von Türk gründete in Potsdam zwei Waisenhäuser, er ist Ehrenbürger unserer Stadt. Quelle: Bernd Gartenschläger

Der natürlichen Verwitterung und dem Sicherheitsbedürfnis der DDR folgend, gab die Potsdamer Stadtverwaltung den Friedhof frei als Materialquelle für Steinmetze. „Nach der Maueröffnung wurde das sogar noch schlimmer“, sagte Petzholtz der MAZ: „Da wurde hemmungslos geklaut. Und hinterher hieß es, das sei schon zu Mauerzeiten weggeschafft worden.“ Inzwischen sind die Grüber weitgehend saniert, so gut es eben ging.

Auf Wilhelms Grab stellten die Kinder einen Blumentopf, lauschten den Berichten des Ururur-Enkels und durften reihum die Friedhofsglocke läuten. Das machte mächtig Spaß und donnerte gewaltig; wer nicht am Läutestrick zog, hielt sich die Ohren zu. Auf rund 70 Dezibel bringt es die Glocke; Deutschlehrerin Ulrike Kleissl hatte eine Mess-App auf dem Handy.

Glockenläuten auf dem Klein Glienicker Friedhof. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Förderschule war am 12. Januar 1956 in einigen Dachräumen der Schule am Brauhausberg eröffnet worden, „ein am Ende schwer marodes Haus“, wie Petzholtz sagt. Sechs Lehrer unterrichten 33 Schüler. 35 Jahre vergingen, ehe die Einrichtung über Zwischenstationen in der Großen Stadtschule an der Friedrich-Ebert-Straße und den „SaGo“-Baracken an der Michendorfer Chaussee 1991 den Neubau am Bisamkiez beziehen konnte, eine einst normale Regelschule der DDR, für die man mit der neuen Nutzung auch einen neuen Namen suchte: „Wilhelm von Türk.“ Sie ist im Land Brandenburg die einzige Förderschule mit den sonderpädagogischen Förderschwerpunkten „Hören“ und „Sprache“ und soll allen Kindern und Jugendlichen mit einer Hör- oder Sprachschädigung die entsprechende sonderpädagogische Förderung zukommen lassen.

Von Rainer Schüler

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