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Potsdam Unterwegs in der Unterwelt der Beelitzer Heilstätten
Lokales Potsdam Unterwegs in der Unterwelt der Beelitzer Heilstätten
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18:15 05.11.2018
MAZ-Reporter Fabian und Jegor in einem nicht erschlossenen Tunnelbereich. Quelle: Friedrich Bungert
Beelitz-Heilstätten

Ein zwei Meter hoher Bauzaun umgibt ein dreistöckiges verlassenes Haus an der Straße nach Fichtenwalde in Beelitz-Heilstätten. Aus den oberen Etagen bahnen sich Bäume durch kaputte Fenster und Dachziegel ihren Weg ins Freie. Die Fenster im Erdgeschoss sind größtenteils mit Holzplatten zugenagelt, die wenigen übrigen Fensterscheiben zersplittert. Trotzdem es hell ist, starrt mich die Dunkelheit der Räume des Hauses an, das vor über 110 Jahren als Kochküche des Krankenhauskomplexes Heilstätten diente, der 1902 eröffnet wurde.

In Weltkriegen ein Lazarett

Aus einer Tür dringt Licht ins Freie. Hier ist der Eingang zum Kellergewölbe, aus dem Jegor herauskommt und mich begrüßt. Seit 2011 gibt der gebürtige Moskauer Führungen auf dem ehemaligen Areal der Beelitzer Heilstätten. Die Touren durch den touristisch neu erschlossenen unterirdischen Tunnelabschnitt sind auch für ihn etwas Besonderes: „Vor meiner ersten Führung bin ich aufgeregt gewesen: Wie reagieren die Leute auf den Tunnel? Geht alles gut? Funktioniert die Technik?“, sagt der 29-Jährige. Er kennt die Tunnel bereits von Fotoführungen, die er 2012 gegeben hat. „Auch wenn dieser Bereich jetzt touristisch aufbereitet ist: Eine Restgefahr bleibt“. Um die Restgefahr zu minimieren, drückt mir Jegor einen blauen Schutzhelm in die Hand und mein Ausflug in die Unterwelt beginnt.

Überall Warnstreifen

Grau-grüne Backsteinmauern, Holzdielen, alte Reifen und ein heruntergekommener Ofen begrüßen mich im Keller der ehemaligen Kochküche, von der die Patienten der Heilstätten mit Essen versorgt wurden. Das waren nicht nur tuberkulosekranke Bürger aus Berlin und Umgebung, sondern ebenso erkrankte und verwundete Soldaten aus Erstem und Zweitem Weltkrieg, wo die Heilstätten als Lazarett dienten. Auch Adolf Hitler lag im Oktober 1916 mehrere Wochen hier, um sich von seinen Verletzungen als Gefreiter im Ersten Weltkrieg zu erholen. Noch bis 1994 waren die Heilstätten das größte im Ausland stationierte Militärkrankenhaus der Sowjetunion. Auch Wladimir Putin und der an Leberkrebs erkrankte Erich Honecker wurden in Heilstätten behandelt.

Führung durch den unterirdischen Tunnel in Bildern. Die MAZ hat sich hineingetraut.

Von Beginn an fallen mir im Keller die vielen Rohre auf, die unlesbar beschmiert und mit schwarz-gelben Warnstreifen beklebt sind. „Durch das Tunnelsystem waren die verschiedenen Gebäude des Krankenhauses miteinander verbunden. Das im Zentrum des Klinikkomplexes errichtete Blockheizkraftwerk versorgte sämtliche Häuser durch die Rohre mit Wärme und Strom. Auch ein Fernsprechsystem war vorhanden“, erzählt Jegor.

Ärzte versuchten in den hochmodernen Anlagen der Heilstätten Anfang des 20. Jahrhunderts die lebensgefährliche und hoch ansteckende Tuberkulose ohne Medikamente zu heilen. Die Patienten sollten allein mithilfe von guter Ernährung, körperlicher Schonung durch mehrmonatiges Dauerliegen, hygienischen Bedingungen und mit jeder Menge frischer Luft die Krankheit überwinden. Auch das Essen für die Patienten in den Sanatorien und Lungenheilstätten wurde durch das Tunnelsystem transportiert, in dem stets um die 36 Grad herrschten. Die Wärme im Tunnel sorgte wiederum im Winter stets für schneefreie Wege an der Erdoberfläche.

Plötzlich löst sich ein Stein

Ein paar Schritte und eine schmale Treppe später beginnt mein Tunnelbesuch. 200 Meter liegen vor Jegor und mir, die mehrere Monate von Asbest, okkulten Puppen und Trümmern befreit wurden. Von allem, was sich seit 1994 angesammelt hatte, als die Rote Armee auszog und der 200 Hektar große Krankenhauskomplex sich selbst überlassen wurde – und Natur und illegale Besucher sich darüber hermachten. Fotografen, Vandalen und Gruseltouristen besuchten die verlassenen Heilstätten – auch den unterirdischen Tunnel. Davon ist im beleuchteten Tunnelabschnitt wenig zu merken. Der keine zwei Meter breite Tunnel ist zwar eng, aber sauber, wofür ein Unternehmen mehrere Monate gearbeitet hat. Einige Strom- und Kupferkabel hängen von der Decke, die erneuert wurde. Die installierte Lichterkette weist mir zusammen mit den Rohrenpaaren den Weg.

Das Einzige, was ich höre, sind Jegors und meine Schritte. Der Wind lässt eine Plane flattern, hinter der sich ein unbearbeiteter Tunnelabschnitt befindet. Wir schauen hinein. Mit einem Mal stehen wir komplett im Dunkeln. Ich mache kleine Schritte. Unter meinen Schuhen knirschen Scherben von Bierflaschen, Stein- und Betonreste. Die Luft ist kalt. Der Lichtkegel meiner Taschenlampe, mit der ich die Wände entlanggehe, kann kein Ende des Tunnelabschnitts ausmachen.

Eine Restgefahr bleibt

Als sich plötzlich ein Stein von der Decke löst, erschrecke ich. Ich erinnere mich an Jegors Worte: Eine Restgefahr bleibt. Eine Gefahr, die illegale Besucher der Heilstätten bereits kennengelernt haben: Im Oktober 2009 und im Juni 2010 wurden zwei Männer bei Stürzen auf dem maroden Gelände schwer verletzt. Tragischer Höhepunkt: Im Mai 2010 starb ein 25-Jähriger aus Jüterbog, der aus dem vierten Stock eines Hauses fiel und im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag.

Zurück im beleuchteten Tunnel, der das ehemalige Küchen- mit dem Waschhaus verknüpfte, fühle ich mich auf Anhieb wohler. Zur Auflockerung der Situation erzählt Jegor eine Anekdote aus dem Tunnelalltag der vor 100 Jahren noch intakten hochmodernen medizinischen Anlage. „Insgesamt 4,8 Kilometer umfasst das Tunnelsystem, das nicht nur Treffpunkt der Krankenhausmitarbeiter, sondern auch von Patienten gewesen ist. Es ist durch Postkarten überliefert, dass Männer und Frauen die Pförtner bestachen und sich hier trafen. Sie lebten sonst in den vier Gebäudekomplexen der Heilstätten strikt voneinander getrennt“. Vor allem, weil Tuberkulose die männlichen Hormone anregte und die Ärzte mögliche Konsequenzen vermeiden wollten.

Schritt für Schritt bewege ich mich weiter Richtung Keller der ehemaligen Waschküche, in dessen Dachstuhl sich im Mai 2011 ein 59-jähriger Obdachloser das Leben nahm. Illegale Besucher fanden ihn. Auch die beschmierten Backsteinwände und Holzbretter des Tunnels geben zu verstehen: Sie sind seit 1994 nicht dauerhaft alleine gewesen.

Tunneltouren als Test

Bis 4. November finden erstmals täglich um 13.15 Uhr Führungen in einem Tunnelabschnitt der Beelitzer Heilstätten statt. Die Touren gehen eine Stunde und sind auf maximal 30 Personen begrenzt. Karten gibt es an der Kasse des Baumkronenpfads, der täglich um 10 Uhr öffnet. Das Mindestalter ist 14 Jahre. Die Tunnelführungen erfreuten sich in den ersten Tagen einer großen Nachfrage und lockten schon Besucher aus Beelitz, Berlin und Dresden an.

Für das Unternehmen „Baum & Zeit“, das die Führungen anbietet und in den Heilstätten auch den Baumkronenpfad sowie Barfußpark betreibt, sind sie ein Test. Ab März 2019 sollen sie in das normale Führungsprogramm aufgenommen werden. Auch das Erschließen weiterer Tunnelabschnitte ist denkbar. Eine komplette touristische Erschließung des 4,8 Kilometer langen Tunnelsystems ist nicht möglich, da einige Bereiche zuzementiert wurden.

Wäschetransport durch Tunnel

Geschafft. Der Keller des Waschhauses ist erreicht. Die letzten Sonnenstrahlen reflektieren in den kaputten Glasscheiben der Kellerfenster. Alte Stangen, ein Sicherungskasten und diverse Bleche erwarten Jegor und mich, der mich noch über die Geschichte des Waschhauses aufklärt. „Nicht nur das Essen der Patienten wurde durch die Tunnel in die Waschküche transportiert, sondern auch die Wäsche. Dort wurde sie mit Wasserdampf bei höchsten Temperaturen mehrfach gewaschen wurden“. Hohe Hygieneansprüche sollten zum Genesen der Tuberkulosepatienten beitragen. Wie viele Patienten geheilt wurden und wie viele der Krankheit dennoch erlagen, ist nicht bekannt.

Anschließend gehe ich den Tunnel vorsichtig zurück Richtung Kochküche, um nicht alte Kabel und Drähte zu berühren oder mich an Rohren zu stoßen. Als wir wieder an der Erdoberfläche sind und die blauen Schutzhelme abnehmen, hat die Dämmerung begonnen und das Licht aus dem Keller ist nun auch in den angrenzenden Räumen des leeren Gebäudes deutlich sichtbar. Dann schaltet Jegor das Licht aus, schließt das Holztor zum Keller und dreht den Schlüssel im Schloss am Bauzaun. Der Mond spiegelt sich in einem Fensterscheibenrest im Erdgeschoss, während mich die dunklen Räume des Hauses verabschieden.

Von Fabian Lamster

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