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Potsdam Uwe Kolbe geht mit DDR-Kunst hart ins Gericht
Lokales Potsdam Uwe Kolbe geht mit DDR-Kunst hart ins Gericht
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00:21 19.11.2017
Uwe Kolbe Quelle: dpa
Innenstadt

Als Werbeaktion für die Kunst der DDR taugte die Lesung des Schriftstellers Uwe Kolbe am Mittwochabend im Museum Barberini nicht. Nur etwa 20 Zuhörer verteilten sich im stilvollen Vortragssaal. Kolbe las mit professioneller Hingabe aus dem vor drei Jahren erschienen Roman „Die Lüge“, in dem er viele autobiografische Motive und Erfahrungen zur Sprache bringt. Es geht um einen Vater, der bis zuletzt für die Interessen der Staatssicherheit der DDR einsteht, und um einen Sohn, der seine Opposition und Systemkritik vor allem in Kunstwerken zum Ausdruck bringt – und scheitert.

„Ich selbst sehe mich nicht als gescheitert an“, distanzierte sich Kolbe dann doch von der Alterego-Figur. Immerhin hat Kolbe bisher etwa 30 Bücher herausgebracht, Gedichte, Essays und Erzählungen. Nach zwei Lyrikbänden („Hineingeboren“, 1980, und „Bornholm II“, 1986) kehrte er der DDR den Rücken und ging in den Westen. „Wie sich die Maler in der DDR auf vertrackte Weise gequält haben, das hat mir die Ausstellung im Barberini noch einmal vor Augen geführt“, lautete sein Fazit. „Das schäbige Scheitern der Moderne“ lasse sich an der Kunst der DDR seit den 1960ern ablesen, so seine These, die das ästhetische Projekt der Moderne und das Projekt Kommunismus als zwei Seiten einer Medaille betrachtet. Daraus resultiert auch Kolbes Misstrauen gegenüber gesellschaftlich engagierter Kunst. „Der Furor, das Himmelreich auf die Erde zu zwingen, endet im Gulag, das wissen wir seit Solschenizyn. Was im stalinistischen Teil Deutschlands noch nachklappte, war besonders schwach.“

Ihm sei aufgefallen wie allegorisch die realistische Kunst in der DDR gewesen ist. – „Man versteht oft nicht, was man sieht. Die Allegorie ist mir auch in der Kunstgeschichte öde.“ Das ständige Denken, Bedenken und sich Verrenken habe den Bildern nicht gut getan.

Besonders abschätzig äußerte er sich über die Bilder aus dem Palast der Republik, die derzeit im oberen Stockwerk des Barberini hängen. Zunächst tat sie Kolbe als „Propagandakunst“ ab, fiel sich dann aber ins Wort. „Wenn es wenigstens Propaganda im Stile der 1920er Jahre gewesen wäre, die wirklich die Woge eines Projektes war. Aber das hier war einer Verzierungsaktion – 1975 im kurzen Frühling mit Honecker. Im Palast der Republik konnte man ja sogar Bowling spielen.“

Kurator Michael Philipp, der die Palastgalerie eingehend erforscht hat, bestätigte Kolbe. „Die Ergebnisse sind bedauerlich, sowohl ästhetisch als auch, was die Intention der Auftraggeber betrifft.“ Aber er verwies auf die guten Absichten des künstlerischen Leiters Fritz Cremer. An dem wollte Kolbe erst recht kein gutes Haar lassen. „Das ist eine besondere Tragödie, dass so jemand in dieser Schäbigkeit endet.“ Kolbe erinnerte auch an Cremes Ängstlichkeit und Feigheit in Sachen Biermann-Petition.

Philipp verteidigte den Kunstwert der Ausstellung „Hinter der Maske“, die 87 DDR-Künstler präsentiert. Gibt es denn gar kein Bild, das Kolbe beeindruckt hat? Er nannte zwei. A. R. Pencks „Ich“ (1979) und Hans Grundigs „Selbstbildnis“ (1946). Es sei ihm zu DDR-Zeiten schwer gefallen, Porträts mit proletarischem Charme unbefangen zu sehen. „Heute sehe ich – da steht ein Mensch.“ Und er relativierte sich: „Als Zeitzeuge habe ich natürlich noch den ideologischen Lebensschlamm an den Füßen.“ Uwe Kolbe ließ sich aber zu der Vermutung hinreißen, dass die Nachgeborenen die Kunst der DDR („eine Episode aus dem 20. Jahrhundert“) kaum als Kunst gelten lassen werden.

Überraschend war, dass Kolbe keinen seiner Künstlerfreunde nannte, mit denen er gemeinsam auch einige Bücher herausgebracht hat. Die Namen Trak Wendisch, Hans Scheib oder Helge Leiberg kamen ihm nicht über die Lippen. Stattdessen hob er mit Hans Grundig einen Kommunisten der DDR-Gründergeneration hervor, dem der aufrechte, hagere Kolbe äußerlich immer ähnlicher wird.

„Die Ausreise aus der DDR, das brachte auch eine Befreiung der Kunst mit sich“, resümierte Kolbe, der gerade 60 wurde. Er frohlockte, dass er genau in der Hälfte seines Lebens, vor 30 Jahren, die Mauer überwand und seither keinen Staat mehr im Nacken weiß, der beim Schreiben mitbestimmen möchte.

Von Karim Saab

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