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Potsdam Verliebt, verlobt – abgeschoben?
Lokales Potsdam Verliebt, verlobt – abgeschoben?
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00:20 16.07.2018
Elisabeth Njamen hat sich mit einem Flüchtling aus Kamerun verlobt. Quelle: Friedrich Bungert
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Potsdam

Das Problem, glaubt Elisabeth Njamen, ist die Zeit. Sie rennt ihr davon und mit ihr die Liebe. Das ist Elisabeth Njamens größte Angst. „Unsere Beziehung leidet“, sagt sie. „Die Behörden legen uns Steine in den Weg.“ Ein paar mal schon habe ihr Verlobter alles abblasen wollen. Aus und vorbei. Sie habe ihn umstimmen können, zum Glück. Jetzt sei er oft verschlossen und sie mit den Nerven runter.

Elisabeth Njamen fragt, ob sie eine rauchen dürfe. Ihre Züge sind tief. Dabei ist sie eine toughe Person, in Berlin hat sie lange als Busfahrerin gearbeitet. Sie ist 53, fünffache Mutter, Großmutter, zwei Mal geschieden – jetzt möchte sie wieder heiraten. Doch das ist nicht so einfach, denn der Mann, den sie Silvester 2015 in einem Berliner Club kennengelernt und dessen Nummer sie seitdem unter „Mein Schatz Ali“ in ihrem Handy gespeichert hat, ist ein Asylbewerber aus Kamerun.

Das Oberlandesgericht hat das letzte Wort

Seit anderthalb Jahren schon bemüht sich das Paar um einen Termin auf dem Standesamt der Landeshauptstadt, konnte aber dessen Anforderungen bisher nicht erfüllen. Knackpunkt ist das für die Eheschließung benötigte Ehefähigkeitszeugnis. Da Kamerun für seine Staatsangehörigen so etwas nicht ausstellt, haben die Verlobten beim Brandenburgischen Oberlandesgericht die Befreiung davon beantragt. Dafür wiederum haben sie einen Stapel Unterlagen beizubringen. Heute, an diesem Freitag, der auch noch ein 13. ist, läuft die Frist ab. Heute müssen dem Gericht alle Papiere zur Prüfung vorliegen.

Elisabeth Njamen hat ein ungutes Gefühl. „Was die alles von Ali wollen, gibt es aber gar nicht“, sagt sie. Den „Fragebogen zur Prüfung kamerunischer Personenstandsurkunden“ hat ihr Verlobter zwar schon vor Monaten ausgefüllt. Laut Gericht und Standesamt fehlen aber wichtige Angaben: die Namen seiner Eltern in Kamerun nebst letzter Anschrift zum Beispiel, Geburtsdatum und Geburtsort seiner drei Töchter, ein detaillierter Lebenslauf mit Informationen über seine Wohnorte in Kamerun und mit Angaben über seinen schulischen Werdegang ab Kindergartenalter nebst Zeugnissen, Diplomen und Notenheften, eine Taufkarte oder ein anderer Kirchenzugehörigkeitsnachweis... Zudem muss er mindestens drei weitere Personen – Familie, Freunde, Nachbarn – mit Anschrift und Telefonnummer benennen, die bezeugen können, dass er auch der ist für den er sich hier in Deutschland ausgibt: ein 35-Jähriger, der auf der Suche nach einem sichereren Leben durch halb Afrika über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet ist und schließlich in Deutschland um Asyl gebeten hat.

Mehr als 500 Euro sind für den Papierkrieg draugegangen

Die Unterlagen, die Kosten – das alles ist ein Ding der Unmöglichkeit, meint Elisabeth Njamen. „Eine Taufkarte gibt es zum Beispiel gar nicht, weil Ali Moslem ist. Und Anschriften können wir nicht nennen, weil die Dörfer in Kamerun sowas nicht haben.“ Mehr als 500 Euro hat das Paar für Beurkundungen und Übersetzungen ausgebeben. „Das alles ist so nervenaufreibend“, sagt Elisabeth Njamen. Sie könne nicht mehr schlafen: „Nachts geht einem das Ganze durch den Kopf. – Wir wollen doch zusammenbleiben.“

Ob das möglich ist, wenn die Heirat platzt, ist zweifelhaft, denn der Großteil der Asylanträge, die Kameruner in Deutschland stellen, wird abgelehnt. „Mit der Hochzeit wäre Alis Aufenthalt gesichert“, sagt Elisabeth Njamen. Sollten sich die beiden innerhalb der ersten drei Ehejahre trennen, müsste er allerdings zurück nach Afrika. Eine offizielle Statistik darüber, wie viele Deutsche jedes Jahr die Ehe mit einem Asylbewerber eingehen, gibt es weder für Potsdam noch für die Bundesrepublik. Man geht aber davon aus, dass bei sieben Prozent aller Hochzeiten einer der Partner keine deutsche Staatsbürgerschaft hat.

Elisabeth Njamen war bereits mit einem Asylbewerber aus Kamerun verheiratet. „Das war in Berlin und es war alles viel einfacher“, sagt sie. Sie hat sich einen Schmetterling in den panafrikanischen Farben tätowieren lassen. Über dem Fernseher in ihrer Einraumwohnung am Rande der Stadt hängt die Flagge Kameruns – ihr Verlobter lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft. „Er hat mir von Anfang an gefallen“, sagt Elisabeth Njamen. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“

Von Nadine Fabian

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