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„Versöhnung geht anders!“

Gastbeitrag zum Wiederaufbau des Garnisonkirchturms „Versöhnung geht anders!“

Pfarrer Michael Karg ist Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung, die dem Wiederaufbau des Garnisonkirchturms kritisch gegenüber steht. In einem Gastbeitrag für die MAZ begründet Karg seine Haltung. Am Sonntag wurde auf dem Baufeld an der Breiten Straße der Baustart des Turms mit einem Gottesdienst gefeiert – begleitet von Protesten der Gegner.

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Michael Karg

Quelle: Jörg Winter

Potsdam. Heino Falcke, langjähriger Propst von Erfurt, stellt die zwei aufschließenden Fragen: „Was bedeutet die Garnisonkirche als Symbol und ihre Wiederherstellung als Symbolhandlung.“

Die Garnisonkirche in Potsdam war von ihrem Baubeginn 1730 in ihrer Zwecksetzung bis zu ihrer Zerstörung 1944 über 200 Jahre ein Tempel des preußisch-deutschen Militarismus. Nach 1918 zog der „Geist von Potsdam“ ein. Die ihn tragenden Kräfte nutzten den Ort als Symbol und Treffpunkt, steigerten 14 Jahre lang den Militarismus mit Revanchismus, Nationalismus, Antikommunismus und Antisemitismus bis zur Kulmination, dem Sieg des „Geistes von Potsdam“ über die demokratische Republik am 21. März 1933, dem dann unvermeidlichen Kipppunkt deutscher Geschichte. Was für ein Symbol!

So könnte es einmal aussehen in der Breiten Straße

So könnte es einmal aussehen in der Breiten Straße.

Quelle: Mitteschön

Symbole haben große Macht und Langzeitwirkung. Die Offiziere des 20. Juli 1944 hatten nicht nur mit politischen Gegnern, sondern mit eigenen Skrupeln zu kämpfen, die an Orten wie der Garnisonkirche geprägt wurden: Ehrfurcht vor der gottgegebenen Obrigkeit, soldatischer Gehorsam, Pflichterfüllung, Treueeid. Deshalb kamen sie so spät, blieben sie so wenige Wir wissen von Martin Niemöller, der 1912 in die Kaiserliche Marine eintrat und einen Eid auf den Kaiser leistete, dass er sich selbst noch nach seiner Inhaftierung 1937 im KZ an diesen Eid gebunden wusste und erst durch die Nachricht vom Tod Wilhelm II. am 4. Juni 1941 davon entbunden fühlte.

Hitler verbeugt sich vor dem Portal der Garnisonkirche am „Tag von Potsdam“ vor Reichspräsident Paul von Hindenburg

Hitler verbeugt sich vor dem Portal der Garnisonkirche am „Tag von Potsdam“ vor Reichspräsident Paul von Hindenburg. In der Garnisonkirche wurde am 21. März 1933 der Festakt anlässlich der Eröffnung des Reichstags gefeiert.

Quelle: Theo Eisenhardt

Welche symbolische Aussage liegt in der Handlung, diesen Turm eins zu eins wieder errichten zu wollen, wenn seine Geschichte ausgeblendet oder bewusst geleugnet wird mit Begründungen wie: Wir wollen unser „altes Potsdam“ wiederhaben, der „Drei-Türme-Blick gehört zu Potsdam“; „Potsdam lebt von der Schönheit“, wir huldigen dem Barock, die moderne Architektur gefällt uns nicht, DDR-Bauten müssen weg usw.?

Wie plausibel ist es, einen Bau, um dessen militaristische und antidemokratische Symbolkraft man angeblich weiß, eins zu eins wieder zu bauen, um ihm dann eine Neuinterpretation von Versöhnung und Frieden einhauchen zu wollen? Kann ein solch widersprüchliches Unterfangen gelingen?

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Die Garnisonkirche in Potsdam ist eine Kirche mit bewegter Vergangenheit. 1732 eingeweiht, wird sie im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, die Ruine 1968 gesprengt. 2017 beginnt mit dem Turm der Wiederaufbau. Berühmt-berüchtigt ist sie durch den „Tag von Potsdam“.

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Welche Rolle will die Evangelische Kirche, die an diesem Ort die Verantwortung übernehmen sollte, angesichts der unterschiedlichen Motivationen einnehmen? Wie kann sie hier ein Zeichen des Friedens setzen, wie findet sie zu einer glaubwürdigen Symbolhandlung?

Die Grundartikel vieler Landeskirchen nehmen Bezug auf die Barmer Theologische Erklärung von 1934. These 6 benennt als Aufgabe der Kirche, „an Christi statt… die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ wobei ausgeschlossen wird, „als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen“. Wenn die ev. Kirche sich also an einem Projekt wie dem Wiederaufbau der Garnisonkirche mit einem ca. fünf-Millionen-Darlehen beteiligt, muss sie darauf achten, ihre eigene Rolle mit kritischer Klarheit wahrzunehmen, gerade auch im Rückblick auf die Geschichte der Garnisonkirche und darin ihrer eigenen Täter-Rolle in diesen zweihundert Jahren.

Plantage mit Garnisonkirche um 1930

Plantage mit Garnisonkirche um 1930.

Quelle: unbekannt

Von der Stiftung Garnisonkirche wird „Versöhnung“ als wichtig benannt. Versöhnung geschieht dort, wo Schuld vergeben wird und zwei verfeindete Gegenüber neu miteinander anfangen. Die Stiftung benennt sehr deutlich die Schuld:

Die Schuld der alliierten Bomber, die ohne einen plausiblen militärstrategischen Grund die Garnisonkirche zerbombt hätten. Kein Wort von den Ursachen, die dazu führten! Danach wird die „Hinrichtung“ des Turmes im Jahr 1968 benannt, ohne zu zeigen, wie die evangelische Kirche diese Entscheidung mit dem Staat ausgehandelt hat. Die Schuldfrage wird abgehandelt im Sinne eines Selbstmitleids und einer selbstgerechten Empörung, verbunden mit der trotzigen Entschlossenheit, durch den Wiederaufbau (im korrekt historischen Stil!) die Spuren angeblich zwei Mal erlittenen Unrechts zu beseitigen.

Der Rest des Kirchturms, der im Sommer 1968 gesprengt wurde

Der Rest des Kirchturms, der im Sommer 1968 gesprengt wurde.

Quelle: Gerhard Stegelin

Versöhnung geht anders! Etwa so, wie der Gebetsruf aus Coventry es ausdrückt: Father forgive – vergib auch den Feinden, denen, die das ganze Inferno des Zweiten Weltkriegs in Gang gesetzt haben. Versöhnung bedeutet nicht die protzige Wiedererrichtung eines vorherigen, machtvollen Zustands sondern die demütige Bitte an Gott, aus dem Chaos und dem Inferno etwas Neues entstehen zu lassen. Es täte uns evangelischen Deutschen gut, uns an das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 zu erinnern, wo es heißt: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden…“ oder an das Darmstädter Wort des Bruderrates vom August 1947 mit seinem vierfachen „Wir sind in die Irre gegangen“. Diese Anklänge fehlen beim Thema Schuld und Versöhnung in Potsdam.

Das alte Stadtpanorama

Das alte Stadtpanorama.

Quelle: MAZ/Archiv

Einen anderen Weg ist die Evangelische Kirche früher mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gegangen. Die Turmruine ist in das neue Kirchengebäude integriert, um „an das Gericht Gottes (zu) erinnern, das in den Zeiten des Krieges über unser Volk hereinbrach“. So die am Turm angebrachte Bronzetafel. Davon ist in Potsdam leider nichts zu hören. Versöhnung bedeutet hier eher „Restaurierung“, nicht aber Erneuerung aus der Tiefe, wie es das bis vor kurzem in der Nagelkreuzkapelle beheimatete Kreuz von Coventry sagt.

Ein anderes wichtiges Leitwort für die Stiftung Garnisonkirche sei „Frieden“. In der Garnisonkirche wurden von Beginn an Rekruten und junge Soldaten für den Krieg konditioniert, immer mit der Maßgabe, dass sie an einem nicht nur vom König, Kaiser, Führer angeordneten, sondern an einem von Gott gewollten und damit gerechten Krieg teilnehmen, notfalls mit dem Einsatz des eigenen Lebens, auf jeden Fall aber des Lebens der Feinde, mit ihrer Vernichtung. Niemöller beschreibt, wie er in seinem Elternhaus, von seinem Vater, dem lutherischen Pfarrer, den Satz aufgesogen hat: „Ein guter Christ ist ein guter Soldat“.

Bilder vom gesprengten Turm, aufgenommen von Pfarrer Dietmar Saretz

Bilder vom gesprengten Turm, aufgenommen von Pfarrer Dietmar Saretz.

Quelle: Saretz

Erst die Pfarrer Friedrich Siegmund-Schulz 1914, Dietrich Bonhoeffer 1934 und dann die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 änderten die Blickrichtung von der Rechtfertigung zur Absage von Kriegen. Statt eines Nachdenkens über den „gerechten Krieg“ geht es seitdem um die Frage nach dem „gerechten Frieden“, seiner Vorbereitung und Erhaltung, so auch die Denkschrift der EKD von 2007.

Geht es vielleicht doch um eine restaurative Symbolhandlung, wieder anzuknüpfen an der Tradition der Lehre vom „Gerechten Krieg“ mit dem Stolz auf soldatische Leistungen, der Notwendigkeit „Verantwortung“ zu übernehmen usw.? Gerade wer das nicht will – die Wirkmächtigkeit des historischen Symbols und der eigenen Symboltat kann und darf nicht unterschätzt werden.

Kurz vor der Sprengung

Kurz vor der Sprengung.

Quelle: Saretz

Wer sagt uns heute, dass unter sich ändernden politischen Machtverhältnissen (vgl. das Ergebnis der Bundestagswahl vom 24.9.17 in Brandenburg!) nicht ganz andere Ideologien den Neubau besetzen? In seiner Dresdener Rede vom Januar spricht Björn Höcke sehr deutlich davon und nennt ausdrücklich auch Potsdam, um in einer „erinnerungspolitischen Wende“ diesen „wiedererstandenen Fassaden einen neuen, ehrlichen, vitalen, tiefbegründeten und selbstbewussten Patriotismus“ einzuhauchen und die Heutigen „mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung (zu) bringen“.

Wenn ich als evangelischer Christ nachdenke, was hier sein und geschehen soll, fällt mir als letztes dieser Turm ein. Oder wie Wolfgang Weissgerber, Chefredakteur der Evangelischen Sonntagszeitung, schreibt: ‚Christen brauchen keine Garnisonkirche‘, formulieren die Gegner des Projekts. Ja, brauchen sie nicht – diese nicht und auch sonst keine.

Von Michael Karg

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