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Völlig verschandelt: Endstation Charlottenhof

Endlos-Ärger über Bahnhof in Potsdam Völlig verschandelt: Endstation Charlottenhof

Der denkmalgeschützte Jugendstil-Bahnhof an der Zeppelinstraße kommt immer weiter herunter. Graffiti, Schmutz und Zerfall setzen dem Gebäude zu. Es gibt keinen Fahrkartenautomaten und erst in dieser Woche kam es zu einem gewalttätigen Vorfall. Eine grundlegende Besserung ist nicht in Sicht.

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Jugendstil-Perle im Graffiti-Sumpf: Der Bahnhof Charlottenhof an der Zeppelinstraße hat schon bessere Zeiten gesehen.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Brandenburger Vorstadt. Schmutz, Graffiti, Zerfall: Der Bahnhof Charlottenhof wird noch längere Zeit ein trostloses Bild abgeben. Kurzfristig ist die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes laut Deutscher Bahn (DB) nicht in Sicht – eine Antwort, mit der sich die Potsdamer seit Jahren begnügen müssen. „Natürlich haben wir ein Interesse daran, die Missstände zu beseitigen“, sagt Bahnsprecher Gisbert Gahler. Allerdings sei der Bahnhof mit rund 2800 Reisenden pro Tag ein eher kleiner und rangiere daher lediglich in der „Mittelfristplanung“. „Wir können nicht alle Bahnhöfe auf einmal sanieren“, so Gahler. „Wir beginnen dort, wo wir die meisten Leute haben und arbeiten uns durch.“

Nurullah Ogor (31) würde sich schon freuen, wenn der Bahnhof wenigstens einen neuen Anstrich bekäme. „Das ist eine schöne Ecke hier, ein schöner Bahnhof“, sagt der Türke, der den neben dem Eingang gelegenen Imbiss „B-West“ betreibt. „Es wäre besser, sauber zu machen. Es gibt zu viel Graffiti.“

Der Imbisswirt Nurullah Ogor mag den Bahnhof – ein neuer Anstrich und mehr Sauberkeit wünscht er sich aber sehr

Der Imbisswirt Nurullah Ogor mag den Bahnhof – ein neuer Anstrich und mehr Sauberkeit wünscht er sich aber sehr.

Quelle: Nadine Fabian

Mit dem Saubermachen kommt man nicht weit, meint Christian Methner (56). Der Postbote befüllt und entleert jeden Tag die Packstation. Deren Gelb blitzt nur noch am Rand eines flächendeckenden Graffito hervor. „Wird es heute weggeputzt, ist es morgen wieder da“, sagt Methner. „Die, die meinen, etwas zu sagen zu haben, bekämpfen sich hier mit Buchstaben – aber sie sind nicht die einzigen, die für den Schmutz verantwortlich sind.“ Der Postbote deutet aufs Dach der Packstation, wo aufgerissene Kartons und Versandtaschen liegen. „Alles eine Frage der Erziehung“, sagt Methner.

„Alles eine Frage der Erziehung“, meint Christian Methner

„Alles eine Frage der Erziehung“, meint Christian Methner. Der Postbote fährt den Bahnhof mit seiner Packstation täglich an.

Quelle: Nadine Fabian

Das findet auch Marianne Meyer. Als Unterstufenlehrerin hat sie Kindern nicht nur das Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht. „Unser Ziel war immer: Ordnung“, sagt die heute 82-Jährige. Heute beobachte sie hingegen, wie sich Erwachsene – auch Eltern – vor Kindern daneben benehmen. Weil sie um die Ecke wohnt, führt sie ihr Weg tagein, tagaus durch den Bahnhof. Zigarettenkippen, Graffiti, Ausgespucktes: „Es widert mich hier alles an. ,Schlimm’ ist gar kein Ausdruck.“

Für die Sauberkeit des Gebäudes mit seinen Auf- und Durchgängen und den Bahnsteigen ist die Deutsche Bahn zuständig. „Unsere Stationen werden regelmäßig nach Plan des Dienstleisters entsprechend der Bahnhofskategorie gereinigt“, so Sprecher Gahler. „Eine punktuelle Reinigung inklusive Abfallentsorgung erfolgt täglich.“ Zudem prüfe man im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht, ob Schäden und Störungen vorliegen. „Diese werden innerhalb von 24 Stunden behoben.“

Graffiti ist bei der Deutschen Bahn Schwerpunkt der Vandalismusdelikte. Bei Hinweisschildern, Informationstafeln und Vitrinen mit Fahrplanaushängen sei die schnelle Entfernung wichtig. Aber: „Die Entfernung von Graffiti erfordert Erfahrung und Fachwissen“, so Gahler. „Aufwand, Umweltbelastung und Kosten sind enorm.“ Der Schaden, der der Deutschen Bahn durch Graffiti und Vandalismus entsteht, belief sich im Jahr 2016 auf knapp 34 Millionen Euro. „Geld, das die DB lieber zum Nutzen ihrer Kunden einsetzen würde“, sagt Gahler.

Wohin der Blick auch fällt

Wohin der Blick auch fällt: Graffiti allerorten.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Landeshauptstadt, hat nur wenig Einfluss auf die Sauberkeit und den Zustand des Bahnhofs. „Es gibt natürlich Kontakt zur Deutschen Bahn“, sagt Stadtsprecher Stefan Schulz. Dabei habe sich die Stadt in den vergangenen Monaten vor allem um den Komfort der Reisenden bemüht: So habe man eine „Bike + Ride“-Anlage errichtet. 206 zum Teil überdachte Fahrrad-Stellplätze gibt es damit insgesamt. Auch ein Blindenleitsystem von der Tram-Haltestelle bis zum Bahnhofsgebäude und zu den Aufzügen hat die Stadt einbauen lassen. Gesamtkosten: 320 000 Euro. Das Projekt wurde zu rund zwei Dritteln vom Land gefördert. Die übrigen Kosten decken Mittel des städtischen Radverkehrskonzepts. Im Zuge der Arbeiten hat die Landeshauptstadt auch zwei weitere Papierkörbe aufgestellt. „Weitere Möglichkeiten zu Sauberkeit und Komfortverbesserung im und um den Bahnhof hat die Landeshauptstadt nicht“, so Schulz.

Erst in dieser Woche ist der Bahnhof wieder in die Schlagzeilen geraten: In der Nacht zu Dienstag hatte dort ein junger Mann mehrere Personen dabei ertappt, wie sie eine Wand besprühen. Als er die Sprayer ansprach, zog einer von ihnen ein Messer, ein anderer trat mehrmals zu. Die Polizei sucht noch immer Zeugen: 0331 5508-1224.

Adlige Nachbarschaft verpflichtet

Der Haltepunkt Potsdam Charlottenhof ging am 1. Oktober 1887 in Betrieb.

Das erste Empfangsgebäude musste Gleis-Umbauten nach der Jahrhundertwende weichen. Ein neues entstand 1909 nach Entwürfen des Architekten Ernst Schwartz errichtet.

Mit Rücksicht auf die Lage des Bahnhofs in unmittelbarer Nähe zum Schloss Charlottenhof wurde das Bauwerk architektonisch reicher als gewöhnlich ausgebildet – es steht heute unter Denkmalschutz. nf

Von Nadine Fabian

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