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„Volkswiese würde den Lustgarten befreien“

Mercure-Debatte „Volkswiese würde den Lustgarten befreien“

Die Debatte zwischen Mercure-Fans und Mercure-Verächtern wogt hin und her. Die Grünen-Stadtverordnete Saskia Hüneke erklärt im MAZ-Interview, warum sie die deutliche Kritik von Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) an den Abrissplänen für verfehlt hält – und hält dabei nichts von einer Debatte auf Gefühlsebene.

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Das Mercure in Potsdam.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Saskia Hüneke ist Mitarbeiterin der Schlösserstiftung. Bereits zu Vorwendezeiten engagierte sie sich in Bürgergruppen wie „Argus“. Hüneke ist eine Befürworterin für die Wiedergewinnung der historischen Stadtmitte.

Saskia Hüneke ist Mitarbeiterin der Schlösserstiftung

Saskia Hüneke ist Mitarbeiterin der Schlösserstiftung.

Quelle: MAZ

Die Kritik von Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe an einem Kauf und Abriss des Hotel-Mercure hat in dieser Woche für mächtig Wirbel gesorgt. Wie bewerten sie die Worte des früheren Landesvaters?

Saskia Hüneke: Herr Stolpe ist sehr stark von der Gefühlsebene, von dem Empfinden bestimmter Menschen ausgegangen. Das ist wichtig und oft der Auslöser für politisches Handeln. Aber man muss weiterdenken, den städtebaulichen Zusammenhang und die Rahmenbedingungen beachten. Was mich an der ganzen Mercure-Debatte der vergangenen Woche stört: Es wird nicht berücksichtigt, dass es sich um ein privatwirtschaftliches Grundstück handelt, es ist nicht mehr das frühere volkseigene Interhotel, mit dem manche die Erinnerungen an die Jugend verbinden. Das Hotel ist nicht Eigentümer des Grundstückes. An dieser Stelle setzt auch mein Einwand an: es ist kaum anzunehmen, dass die jetzigen Eigentümer es so belassen werden, dass Potsdamer Erinnerungen auf Dauer bildlich gepflegt werden können. Man mag sich nur das Äußere der Stadt- und Landesbibliothek ansehen: nicht mal bei einem öffentlichen Eigentümer war das möglich.

Wie meinen Sie das?

Hüneke: Die Eigentümer werden ganz andere Interessen und Belange beachten müssen, die Wirtschaftlichkeit wird obenan stehen. Wir wissen nicht, was sich hier langfristig entwickelt, ob es um Umbauten und sogar einen Neubau gehen kann. Erhaltungsmaßnahmen wären nach einem Satzungsbeschluss zu den Sanierungszielen zwar genehmigungspflichtig, aber dennoch in vielen Fällen zu genehmigen, deshalb geht es nicht um unmittelbar bevorstehende Wirkungen. Aber bei grundlegenden Änderungen hätte die Stadt ohne die präzisierten Sanierungsziele keine Steuerungsmöglichkeiten.

Aber momentan – das zeigt die Flut an Leserzuschriften in der MAZ – ist das „Mercure“ eben ein wichtiges Identifikationselement für viele Potsdamer. Das Mercure, so heißt es vielfach, gehöre einfach zur Stadt.

Hüneke: Gefühle sind interpretierend, wir sehen dann nur das Gute, das ist natürlich. Wenn beispielsweise Karikaturist Jörg Hafemeister das „Mercure“ in der MAZ zeichnet, dann sieht das sehr hübsch aus. Die Realität ist aber anders. Blickt man direkt vom Straßenniveau aus darauf, bestimmt das ausladende Erdgeschoss, das wichtige Funktionen enthält, die Perspektive. Es trennt den öffentlichen Garten von der dicht bebauten Altstadt, das ist ein städtebauliches Problem. Die Beziehung von Stadt und Garten wiederzugewinnen, die Aufenthaltsqualität ebenso zu verbessern, wie es schon rund um den Landtag herum begonnen ist, sind wichtige öffentliche Anliegen gegenüber dem privatwirtschaftlichen Interesse der Grundstückseigentümer. Vielen fällt es vielleicht heute ähnlich wie noch vor 10 Jahren beim Landtagsneubau schwer, sich die Zukunft vorzustellen. Aber ich bin mir sicher, dass der ganze Lustgarten durch die Öffnung viel lebendiger wird, erst dann wird man merken, dass er einer der wichtigen modernen Gärten in Potsdam ist. Die Ergebnisse der Planerwerkstatt zum Lustgarten sind noch viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein angekommen, das bedaure ich.

Kein öffentliches Geld für Mercure-Abriss

Laut geltendem Stadtverordneten-Beschluss 14/SVV/0063 dürften weder öffentliche Mittel noch Mittel des Sanierungsträgers für Kauf und Abriss des Mercure fließen. Der Verzicht war 2014 eine Forderung der Linken. SPD, Grüne und Potsdamer Demokraten gingen darauf ein, um das 160 Millionen Euro teure Schul-Investitionspaket durchzubringen.

Teile der Grünen scheinen jetzt zu schwanken, die SPD steht dazu. „Weder öffentliche Mittel noch Gelder des Sanierungsträgers“ sollen laut Finanzausschuss-Chef Pete Heuer fließen.

Das Hotel ist aber auch ein Wirtschaftsfaktor in der Stadt.

Hüneke: Sicher, aber nicht mal die Funktion des Hotels könnte ohne planungsrechtliche Aussage der Stadt gesichert werden. Für das Hotel ist das jetzt nicht leicht, man wird den Kunden vermitteln, dass das unmittelbare Geschäft nicht betroffen ist. Aber grundsätzlich ist der Betrieb eines Hotels nicht an diesen Standort gebunden. Das gilt auch für die Arbeitsplätze, denn gerade die Hotel- und Gastronomiebranche ist in der ganzen Stadt verteilt. Sie ist sehr erfolgreich, denn sie kann maßgeblich von der Schönheit der Stadt profitieren. Herr Stolpe meinte kürzlich indirekt, die Ästhetik sei kein Argument, aber Potsdam ist das beste Beispiel dafür, welch eine handfeste, nämlich arbeitsbeschaffende Grundlage sie ist.

Aber es gibt schon sehr viele Grünflächen in Potsdam. Weshalb sollte es jetzt auch noch eine zusätzliche geben, auch wenn sie den schönen Namen „Wiese des Volkes“ trägt?

Hüneke: Es geht hier nicht nur um eine „Wiese des Volkes“ – kein schöner Name - , sondern um einen Garten des Volkes, nämlich den ganzen Lustgarten im städtebaulichen Kontext. Die Volkswiese würde den Lustgarten befreien und erst wirklich zum Auftakt für einen ganzen Grünzug über die Freundschaftsinsel, den Nuthepark bis zum Park Babelsberg werden lassen, ein unglaubliches Potenzial mitten in der Stadt. Zudem ist er wie der Bugapark und Teile der Freundschaftsinsel ein moderner Garten, den man auf eine andere Art als die historischen Gärten nutzen kann, denn jeder hat seine Besonderheit. So würde das Image Potsdams als Gartenstadt weiter gestärkt. Momentan gehen die Leute aber noch zu wenig in den Lustgarten, weil er zu abgewandt zwischen dem Mercure-Hotel und dem Bahndamm liegt. Wenn erst die Gastronomie der Weißen Flotte und andere Funktionen am Bahndamm stehen, wird man von dort aus einen wunderbaren Blick auf die Stadt haben, das wird das ganze Areal beleben.

Bleibt nur noch die Kostenfrage. Würden Sie dafür plädieren, dass öffentliche Mittel für den Kauf verwendet werden?

Hüneke: Man muss sparsam und verantwortlich mit öffentlichen Mitteln umgehen, das machen wir in Potsdam und haben es bis zu einem ausgeglichenen Haushalt gebracht. Aber wenn wir seinerzeit nach der Wende gesagt hätten, dass wir uns wichtige Entwicklungen in der Stadt nicht leisten können, dann wäre vieles nicht gelungen, was positiv in das ganze Land ausstrahlt. Wichtig ist doch, ob ein Vorhaben städtebaulich vernünftig und zukunftsfähig ist. Dann fließen die Gelder mittelbar zurück, das sagen auch Potsdams Haushaltszahlen. Das Finanzierungskonzept würde ja mit dem anstehenden Beschluss erst beauftragt. Aber für eine Qualitätssteigerung wie ich sie beschrieben habe, ist es nach meiner persönlichen Meinung legitim, öffentliche Gelder in die Hand zu nehmen, sicher im Rahmen eines Finanzierungsmixes, in den auch zum Beispiel die Einnahmen von den Grundstücken vor dem Bahndamm, die dann erst attraktiv werden, fließen.

Widerspräche das nicht dem Stadtverordnetenbeschluss von 2014, demzufolge weder öffentliche Mittel noch Geld aus dem Sanierungsträger in Kauf und Abriss des Mercure fließen sollen?

Hüneke: Ich habe schon damals bedauert, dass es dazu kam. In der aktuellen Lage wird man das neu überlegen müssen, wenn wir nicht eines Tages – und wir wissen nicht, wie nah oder fern der wäre – ein ganz anders aussehendes Gebäude da sehen wollen, das weder etwas mit Erinnerung noch mit städtebaulicher Qualität zu tun hat.

Von Ildiko Röd

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