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Vom Tisch zum Tempel

Ein Leben für den Permafrost Vom Tisch zum Tempel

Wenn ein Name mit dem Alfred-Wegener-Institut in Potsdam verbunden ist, dann der von Hans-Wolfgang Hubberten. Ohne den früheren Leiter hätte es das heute weltweit geachtete Permafrost-Forschungszentrum auf dem Telegrafenberg wohl nie gegeben.

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Hans-Wolfgang Hubberten (r.) bei einer Alaska-Exkursion im Jahr 2004.

Quelle: Privat

Telegrafenberg. Angefangen hat er mit einem ambitionierten Kreis von sechs Kollegen rund um einen Tisch in einem unauffälligem Beton-Bau aus den 1960er Jahren. Bald werden mehr als 160 Wissenschaftler und andere Angestellte in drei mehrgeschossigen Gebäuden nebst früheren Direktorenvillen sich den Permafrostregionen und Atmosphärenströmungen des Globus widmen. Die beiden doch sehr gegensätzlichen Bauwerke auf dem Telegrafenberg stehen für das Forscherleben des langjährigen Leiters des Potsdamer Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung AWI, Hans-Wolfgang Hubberten, der am Mittwoch seinen 70. Geburtstag feiert.

„Es war mit Sicherheit eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe“, sagt der heutige Senior-Wissenschaftler am AWI, der vor 25 Jahren seinen Dienst in Potsdam angetreten hat, dem Institut mehr als zwei Dekaden vorstand und der Permafrostforschung weltweite Achtung verschafft hat.

Heute als Senior-Wissenschaftler am AWI aktiv

Heute als Senior-Wissenschaftler am AWI aktiv: Hans-Wolfgang Hubberten.

Quelle: AWI

Auch für die Landeshauptstadt mit ihrer ausgeprägten Wissenschaftslandschaft hat sich der Schritt des studierten Mineralogen 1992 von Bremerhaven nach Potsdam zu kommen, als glückliche Fügung erwiesen. Ohne das Engagement des gebürtigen Reutlingers würde es das AWI auf dem Telegrafenberg wohl nicht mehr geben, das schlichte Beton-Haus hätte andere Nutzer und statt der drei neuen Wissenschaftstempel den Berg hinauf würde Rasen den Wegesrand zieren.

Die Entscheidung des deutschen Wissenschaftsrats Anfang der 1990er Jahre, aus der Leitstelle der DDR-Antarktis-Forschung am früheren Zentralinstitut der Physik der Erde, eine weitere Forschungsstelle des Bremerhavener AWI zu machen, war nämlich in den ersten Jahren danach alles andere als unumstritten. Das Bundesland Bremen wollte lieber alleine die Früchte der Institutsforschung tragen und die Landesregierung in Brandenburg nebst der Stadtverwaltung wusste noch nicht allzu viel mit dem Potenzial der ererbten Wissenschaftslandschaft anzufangen.

International bestens bekannt

Große Geldgeber weiß Hans-Wolfgang Hubberten von der Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung zu den globalen Permafrostregionen zu überzeugen. So ist das internationale von der Europäischen Union (EU) finanziell getragene Projekt „Page 21“ zu den globalen Auswirkungen der Veränderungen im arktischen Permafrost im 21. Jahrhundert vor allem auf seine Initiative zurückzuführen. Rund die Hälfte des weltweit unterirdisch vorkommenden organischen Kohlenstoffs lagert im Permafrost. Das ist mehr als die doppelte Menge des derzeit in der Atmosphäre vorhandenen Kohlenstoffs in Form die Erderwärmung antreibender Treibhausgase.

Der anhaltende Tauprozess in der Arktis droht also den Klimawandel massiv anzuheizen. Das über vier Jahre geförderte, vor rund einem Jahr vorerst abgeschlossene Projekt Page 21, an dem 18 wissenschaftliche Einrichtungen in Europa beteiligt waren, sollte das tatsächliche Ausmaß der Ausgasungen analysieren. Der weitaus größte Teil des zehn Millionen Euro schweren Fördertopfes für das von Hubberten geleitete Vorhaben blieb beim Alfred-Wegener-Institut (AWI) und damit der Potsdamer Forschungsstelle.

Auch sonst ist der Name des früheren AWI-Chefs international bestens bekannt. Der nunmehr 70-Jährige wurde bereits 2008 zum ersten Präsidenten der Internationalen Permafrost-Gesellschaft gewählt, der nicht aus einem Land mit dauerhaft gefrorenem Boden kommt. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass die Internationale Permafrost-Konferenz (ICOP) mit mehr als 750 internationalen Fachleuten im vergangenen Jahr in Potsdam stattfand.

Der Ex-AWI-Chef beschränkte seinen Einsatz nicht nur auf das Institut und die Permafrostforschung. Mehr als sechs Jahre bis 2016 engagierte er sich im Vorstand des Vereins Prowissen in Potsdam, der sich die Förderung von Wissenschaft und Forschung, ihrer Kommunikation in die breite Öffentlichkeit sowie als Netzwerk den Ausbau von Hochschulen, wissenschaftlichen Institutionen und damit auch von Wirtschaft und Kultur in der Region Potsdam zum Ziel gesetzt hat. Ein Höhepunkt seines Mitwirkens war unter anderem die Eröffnung der Wissenschaftsetage im Potsdamer Bildungsforum 2014.

Hubberten fand mit seinem unermüdlichen Einsatz für den Telegrafenberg bald einen wichtigen Fürsprecher: seinen Nachbarn am Wohnort Rehbrücke, den ehemaligen brandenburgischen Wissenschaftsminister Steffen Reiche (SPD). „Er ist dann vehement dafür eingetreten, das Erbe zu erhalten und auszubauen“, weiß Hubberten. Davon profitierte nicht nur die junge AWI-Forschungsstelle. Nach einer von Reiches Staatssekretär Friedrich Buttler mit Vertretern des Bundes und Bremens erreichten Übereinkunft 1997 war nicht nur der Verbleib des Instituts gesichert sondern auch der Ausbau des Wissenschaftsparks Albert Einstein auf dem Telegrafenberg nicht zuletzt mit Bundesmitteln beschlossen. Die Errichtung des neuen Institutsgebäudes nach einem Entwurf des berühmten Architekten Oswald Mathias Ungers, für das 1998 der Grundstein gelegt wurde, „war dann das Ende der Diskussion“, erinnert sich Hubberten.

Weltweit führendes Kompetenzzentrum

Mitte des Jahres sollen nun zwei weitere Neubauten für mehr als 13 Millionen Euro mit bestens ausgestatteten Laboren, Depots für wichtige Fossilien und Platz für neue wissenschaftliche Zweige rechts und links der Zentrale eröffnet werden. Die von Hubberten noch bis zum Herbst vergangenen Jahres geleitete Periglazialforschung hat sich unter der Ägide des langjährigen Professors am Institut für Erd-und Umweltwissenschaften der Universität Potsdam mit Forschungsprojekten in Russland, Kanada, Alaska und der Mongolei den Respekt der internationalen Wissenschaftsgemeinde erarbeitet und gehört mittlerweile zu den weltweit führenden Permafrost-Kompetenzzentren.

Neben der AWI-Zentrale entstehen zwei neue Polarforschungskomplexe

Neben der AWI-Zentrale entstehen zwei neue Polarforschungskomplexe.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Nachdem in der Vergangenheit vorwiegend die Gefahren der nur noch befristet im gefrorenen Boden gehaltenen riesigen Mengen Treibhausgase für den Klimawandel diskutiert wurden, rückt jetzt immer mehr die Erosion des tauenden Bodens in den Blickpunkt: Küsten lösen sich auf, der abgetragene Boden bedroht maritime Arten und mit dem regelrecht weg- und einbrechenden Land geht der Lebensraum der Menschen vor Ort verloren.

Doch nicht nur das: Die tauenden polaren Gebiete bringen sowohl die Atmosphären- als auch die maritime Zirkulation durcheinander. So könne die globale Erwärmung für mitteleuropäische Regionen ganz andere Klimaänderungen zur Folge haben als gedacht, warnt Hubberten. Längst wird in der Wissenschaft darüber diskutiert, dass hier kältere Winter drohen. „Das ist alles nicht nur pure Wissenschaft, das hat massive Auswirkungen auf Menschen dort wie hier“, sagt der Permafrost-Forscher. Diese Konsequenzen können globale Wanderungsbewegungen auslösen. Schon heute sind Geflüchtete nicht selten wegen klimatischer Entwicklungen Heimatvertriebene.

Von Gerald Dietz

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