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„Was soll hier ein Glockenturm?“

MAZ zu Hause ... Am Stern „Was soll hier ein Glockenturm?“

Seit 2005 ist Andreas Markert Pfarrer der Sternkirchengemeinde. Im MAZ-Interview spricht er über das Miteinander in Potsdams größtem Neubauviertel und über das Trauma des Kirchenbrandes von 1997. Er verrät aber auch, warum die Kirche keinen Glockenturm hat und auch nicht mehr bekommen soll.

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Andreas Markert vor der Sternkirche

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam/Am Stern. Andreas Markert (57) ist in Aue (Sachsen) aufgewachsen, studierte in Leipzig (Sachsen) Theologie. Seine erste Pfarrstelle hatte er in Wermsdorf (Sachsen). 1991 kam er als Pfarrer nach Hermannswerder, seit 2005 ist er Pfarrer der Sternkirchengemeinde.


MAZ:
Wie haben Sie den Stern in Ihrer Zeit auf Hermannswerder wahrgenommen?

Andreas Markert: Ich habe gemerkt, wie viel hier geschieht. Ich wusste, dass hier ein schönes Gemeindezentrum ist. Es eignet sich sehr gut für Tagungen, für Konvente, für die Kreissynode. Zur Balkankrise Anfang der 1990er Jahre gab es Fürbittgottesdienste.

Ist die Sternkirche ein Zentrum der Stadtkirchenarbeit?

Markert: Ja, hier wird durch den Kirchenkreis vieles gemacht. Es ist nicht zentral, da gibt es andere Orte, aber hier sind die Möglichkeiten gut. Die Anbindung, die Infrastruktur ist sehr gut.

Wie haben Sie den Brand der Sternkirche wahrgenommen?

Markert: Der Brand hat uns alle tief getroffen. Es gibt in Potsdam einen Spielemarkt, eine pädagogische Weiterbildung. Bis 1996 fand er auf dem Gelände der Sternkirche statt. 1997 sind sie aus Platzgründen nach Hermannswerder umgezogen. Und als der Markt dort erstmals stattfand, hat am Stern die Kirche gebrannt. Ich habe das mit Erschütterung mitgekriegt – die Betroffenheit der Verantwortlichen vom Spielemarkt. Es gab sofort einen Spendenaufruf.

Welche Folgen hatte das Feuer?

Markert: Der Brand ist ein Versicherungsschaden gewesen, Gott sei Dank, entstanden über einen technischen Defekt. Es ist dann vieles noch besser, noch praktischer gestaltet worden, als es vorher schon war. Die beweglichen Wände sind noch einmal anders gesetzt worden, anstelle der Anrichte gibt es jetzt eine Küche.

Gibt es etwas, was die aus der DDR-Zeit stammende Kirche von zeitgleich errichteten Kirchen in Westdeutschland unterscheidet?

Markert: Oh, das ist eine schwierige Frage. Speziell ist sicher, dass es hier keine Glocke gibt. Das ist damals nicht genehmigt worden. Es ist kein Glockenturm gebaut worden. Später gab es immer mal die Überlegung, ob man ihn nachträglich bauen sollte. Aber was soll hier ein Glockenturm? Ein Glockenturm soll ins Land hineinrufen. Hier aber stünde ein Wohnblock davor. Wenn, müsste der Glockenturm auf dem nächsten Hochhaus stehen. Wir sagen jetzt: Der Glockenruf sind die Gemeindemitglieder, die einladen, die sagen: Kommt her, ihr seid hier willkommen. Überhaupt haben wir hier sehr gut besuchte Gottesdienste und viele aktive Gemeindeglieder, die sich ehrenamtlich stark engagieren.

Überliefert ist der Wunsch der Kirchengemeinde nach einem Platz im Zentrum des Wohngebiets. Stünde die Kirche am Keplerplatz besser?

Markert: Rein von der Architektur und der Infrastruktur wäre sie dort mehr in der Mitte. Jetzt wird sie von manchen, die einfach nur durchfahren, gar nicht wahrgenommen. Wer aber einmal darauf aufmerksam wurde, der findet sie auch. Und durch unsere Randlage haben wir so ein tolles Gelände ringsum, was auf dem Keplerplatz schwieriger wäre.

Hatten Sie gegen den Stern als DDR-Neubauviertel Vorurteile?

Markert: Nein. Ich weiß, dass es Vorurteile gibt. Aber in meinem Studium in Leipzig habe ich ein Praktikum in Leipzig-Grünau gemacht. Und das ist ja nun ein reines Neubaugebiet. Ich habe die kirchliche Arbeit dort und die direkte Art der Menschen sehr geschätzt. Deshalb war es für mich, als ich gesehen habe, dass die Stelle hier frei wurde, ein schönes Anknüpfen an meine positiven Erfahrungen.

Welche Gebiete gehören eigentlich zur Sternkirchengemeinde?

Markert: Die Gemeinde umfasst das Neubaugebiet Stern und den Schlaatz.

Wie ist es mit der Religiosität im Neubaugebiet?

Markert: Wir haben in der Stadt ganz sicher mit die niedrigsten Gemeindegliederzahlen prozentual auf die Einwohner gesehen. 25 000 Menschen leben im Schlaatz und am Stern, davon sind 1600 Gemeindemitglieder. Das sind vielleicht sechs oder sieben Prozent. In Potsdam liegt der Durchschnitt bei 15 bis 16 Prozent.

Und die Tendenz?

Markert: Die Zahl ist nicht gesunken, sondern ganz leicht nach oben gegangen. Obwohl wir kein Zuzugsgebiet sind.

Ist der Stern ein Problemviertel?

Markert: Nein. Die Leute wohnen hier sehr lange und sehr gern. Ich kenne Leute, die gleich nach dem Neubau in den 1970er Jahren hier hergezogen sind und die heute noch gern hier wohnen.

Wirkt die Erfahrung mit dem Brand in der Gemeinde nach?

Markert: Ich denke schon. Das war ein Schockerlebnis, das den Zusammenhalt noch mal gestärkt hat. Aber es ist nun auch schon 20 Jahre her. Es sind viele Neue dazugekommen. Die damals dabei waren, die sagten: Wir haben Verantwortung füreinander, wir schaffen das. Was vielleicht nachwirkt: Wir haben etwas, was uns verbindet über den Glauben hinaus. Und das merken immer auch die Leute, die neu dazu kommen.

Wie international ist Ihre Gemeinde?

Markert: Wir haben Bibeln mit ganz vielen verschiedenen Sprachen. Wir haben Christen, die aus Afghanistan kommen, aus Syrien, aus Mosambik, aus Kenia, Russlanddeutsche sind bei uns, es ist sehr international.

Es gibt in Ihrer Kirche einmal im Jahr den Sternenkindergottesdienst. Wie kam es dazu?

Markert: Der Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder am Samstag vor dem Ewigkeitssonntag für Kinder, die tot geboren wurden oder unmittelbar nach der Geburt gestorben sind, ist einzigartig in Potsdam. Pfarrerin Beate Violet hat damit angefangen, einfach weil der Bedarf da war. Sie war Krankenhausseelsorgerin im Bergmann-Klinikum, ist jetzt in der Charitee.

Als Sie angefangen haben, 2005, hieß es, Ihre Zeit hier sei auf zehn Jahre beschränkt. Jetzt sind Sie aber länger da. Wie ergab sich das?

Markert: Es ist gut, dass eine Pfarrstelle auf zehn Jahre beschränkt ist, dass der Gemeindekirchenrat und auch der Stelleninhaber schauen, ob es gut ist, weiterzuarbeiten. Unser Gemeindekirchenrat hat nach neun Jahren gesagt, es wäre schön, wenn ich bleiben würde. Und ich habe gesagt, ich bin gern hier und es gibt noch viel zu bewegen. Dann wurde beantragt, dass die Stelle verlängert wird, und dem ist zugestimmt worden.

Die Geschichte der Sternkirche

Die Geschichte der Kirche am Rande des DDR-Neubaugebiets Am Stern verweist auf eine Verständigung von evangelischer Kirche und dem Staat unter dem Leitmotiv „Kirche im Sozialismus“, das auf einem Spitzentreffen von Bischof Albrecht Schönherr (1911-2009) und DDR-Staatschef Erich Honecker (1912-1994) im März 1978 gefunden wurde.

Der Neubau war aufwendig und von vielfältigen Hindernissen begleitet. Beginnend mit der Aufnahme in das Programm „Kirchen für neue Städte“ im Jahr 1977, über das in der gesamten DDR rund 50 neue Kirchen auf Valutabasis errichtet werden sollten, über den ersten Spatenstich 1984 und die Grundsteinlegung 1987 sollten nach zahlreichen Baustopps bis zur Eröffnung und Kirchweihe am 2. Januar 1990 mehr als zwölf Jahre vergehen.

Traumatische Erfahrung der Gemeinde ist der Kirchenbrand vom Frühjahr 1997. In der Predigt zum Pfingstfest ging es um das Feuer in den Herzen der Gläubigen – kurz danach stand die Kirche in Flammen. Brandursache war ein technischer Defekt. Dach, Mobiliar und die Schuke-Orgel wurden zerstört, das Kreuz auf dem Kirchendach und der Altar blieben verschont.

Die Sternkirche ist ein Ort mit vielen kulturellen Angeboten. Hier proben ein Gospelchor, eine Band, ein Gemeindekirchenchor und ein überkonfessioneller Chor. Das Leibnizgymnasium nutzt die Kirche für Weihnachtskonzerte, Talentewettbewerbe und Schuljahreseröffnungsveranstaltungen nutzt. Regelmäßig gibt es Kunstausstellungen. Die nächste mit Breslauer Holzschnitten wird am 22. August um 19 Uhr eröffnet.

Info www.sternkirche-potsdam.de

Von Volker Oelschläger

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