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Weltbekannte Ohrstöpsel aus Potsdam

Wirtschaftsgeschichte Weltbekannte Ohrstöpsel aus Potsdam

Wer hätte das gedacht: Die weltbekannten Ohrstöpsel „Ohropax“ kommen aus Potsdam – genauer aus der Jägervorstadt. In der Gregor-Mendel-Straße steht die Villa der Familie Negwer. Maximilian Negwer, der 1929 nach Potsdam übersiedelte, hatte die geniale Idee für den ganz persönlichen Lärmschutz. Die Firma gibt es immer noch.

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Nachfahre Hubertus Negwer vor der Ohropax-Villa.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Jägervorstadt. Die Gregor-Mendel-Straße ist vor allem eines: sehr, sehr ruhig. Der Trubel von Schloss Sanssouci, das nur ein paar hundert Meter weiter steht, oder die Autokolonnen auf der Hegelallee kommen einem hier meilenweit entfernt vor. Stattdessen: Frühlingsfrieden unterm Aprilhimmel mit seinen ziehenden Wolken und Ruhe. Paradiesische Ruhe. Warum das hier so extensiv betont wird? Weil sich gerade hier in dieser stillen Gregor-Mendel-Straße vor vielen Jahrzehnten alles um Lärm drehte. Beziehungsweise um dessen Abwehr. In dem noblen Viertel stand die Wiege von „Ohropax“. Nur wenige Potsdamer wissen heute noch, dass der Erfinder der watteumhüllten Wachsbällchen, Maximilian Negwer, einst in der heutigen Gregor-Mendel-Straße 34 lebte. Auf dem Bornstedter Friedhof liegt er begraben.

Gewohnt hat er seinerzeit in der Villa am Winzerberg. Auch heute präsentieren sich die hohen Räume mit den Deckenrosetten und den weißen Flügeltüren wieder so schön wie damals, als Max Negwer hier mit seiner vielköpfigen Familie einzog. Der jetzige Eigentümer hat das abgewohnte Haus — zuletzt als Altenheim der Stadt Potsdam genutzt; später kurz auch Hausbesetzer-Domizil — fünf Jahre lang instandgesetzt. Der Hausherr ist Architekt aus Berlin. Und er ist nicht irgendwer. Sondern der Enkel des „Ohropax“-Erfinders.

Patriarch Maximilian Negwer im Kreis seiner Familie

Patriarch Maximilian Negwer im Kreis seiner Familie.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Hubertus Negwer ist aber kein arrogant-schnöseliger Erbe, der sich nur im Glanz seiner Vorfahren sonnt und sonst den ganzen Tag golft, sondern ein kunstsinniger Mensch, der sich dem rückübertragenen Haus sehr behutsam angenähert hat. Im letzten Sommer öffnete er die Erdgeschoss-Etage, um den Künstlern des Atelierhauses Panzerhalle eine Ausstellungsmöglichkeit zu bieten. „Vielleicht machen wir das irgendwann wieder“, sagt Negwer, während er durch das prachtvolle Haus führt und die Details erklärt.

Da wäre beispielsweise die vorgetäuschte Eichenholztreppe. Nicht die Treppe ist vorgetäuscht, sondern das Holz. In Wahrheit ist es schlichte märkische Kiefer, die dann von einem äußert geschickten Handwerker mit einer Eichenholz-Bemalung versehen wurde. Die teure Eiche machte einfach mehr. Außerdem galt „nacktes“ Holz ganz ohne Bemalung früher als unschicklich. Nur arme Leute mussten mit dem naturbelassenen Werkstoff vorlieb nehmen. Ikeas Billy-Regal wäre damals ein Ladenhüter gewesen.

Werbung für die Ohrstöpsel

Werbung für die Ohrstöpsel.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Aber zurück zur Geschichte des Ohropax-Clans. 1929 übersiedelten Maximilian Negwer und seine 23 Jahre jüngere Frau Erna von Berlin nach Potsdam. Da war dem kleinen Apotheker mit den wachen dunklen Augen dank „Ohropax” schon der Coup seines Lebens gelungen. 1907 hatte er das Patent für die Rezeptur — Baumwollwatte, getränkt mit einer Mischung aus Vaseline und Paraffinwachs — angemeldet. „Der Tipp, sich so einen Lärmschutz auszudenken, kam wohl aus dem Bekanntenkreis”, erzählt Hubertus Negwer, dessen Cousin Michael jetzt den Ohropax-Betrieb im Taunus führt.

„Ohr-Frieden” (Pax heißt im Lateinischen Friede) wünschten sich um 1900 viele Berliner: Krach aus den Fabriken; beengte Quartiere; anschwellender Verkehr. Was tun dagegen? Max Negwer ließ sich von der Odysseus-Sage inspirieren. Um nicht den verlockenden Gesängen der Sirenen zu erliegen, stopften sich die Irrfahrer Bienenwachskugeln in die Ohren. Was in der Sage effektiv war, reizte in der Realität die Haut. Erst die besondere Wachsmischung und die Watte machten das Produkt zum Renner. „Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht”, gestand der äußerst ruhebedürftige Schriftsteller Franz Kafka in einem Brief 1922.

Im Ersten Weltkrieg wurden die Stöpsel tonnenweise an die Soldaten ausgegeben — als Schutz gegen Kriegslärm. Warum die Familie in den 1920er Jahren den Schwerpunkt nach Potsdam verlegte, kann Hubertus Negwer nicht sagen. Wahrscheinlich lockte der klangvolle Name der früheren Residenz. Tatsache ist, dass auch der Firmensitz in der Jägerstraße angesiedelt wurde. Während die Kügelchen selbst meist von geschickten Heimarbeiterinnen gerollt wurden, fertigte man den Rohstoff in der Innenstadt: „Das Wachs wurde auf große Kuchenbleche gegossen, in Platten zerschnitten und den Arbeiterinnen mitgegeben.”

Ein überaus findiger Mann muss Max gewesen sein. Schon vor dem Ohropax-Erfolg vertrieb er 40 Produkte: Hustensaft, selbst gemischte Cremes. Und sein Studium, so geht die Familienlegende, soll sich der gebürtige Schlesier unter anderem als Verkäufer amerikanischer Kondome finanziert haben — damals eine Neuheit. Ihm selbst wurde reicher Kindersegen beschert. Fünf Söhne wuchsen am Winzerberg heran. Beim traditionellen Krippenspiel mussten sich ein paar der Jungs dann in Bauernmädchen-Tracht werfen. Ob Erna damit ihre ungestillte Sehnsucht nach einer Tochter erfüllen wollte, vermag der Enkel nicht zu sagen. Überhaupt ist sein Wissen um die Familiengeschichte eher spärlich. Warum? „Man redete bei uns zu Hause nicht so viel darüber, weil Dinge passiert sind, die nicht so angenehm waren”, erklärt Negwer.

In der Villa gibt es unter anderem diese historische Treppe zu bewundern

In der Villa gibt es unter anderem diese historische Treppe zu bewundern.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Sein Vater verlor zwei seiner Brüder im Krieg. Auch ein dritter Bruder starb. 1945, als Patriarch Max schon zwei Jahre tot war, okkupierten die Sowjets die Villa. Einige Jahre hielt Erna, die von ihrem Enkel als sehr tatkräftig beschrieben wird, noch durch, ehe sie beschloss: Die Firma soll nach Frankfurt am Main übersiedeln! Hubertus Negwer wurde 1959 in Potsdam geboren. Ein Jahr darauf zogen seine Eltern nach West-Berlin. Fast alle Möbel, viele Erinnerungsstücke blieben zurück. Wenn man den Architekten im Gespräch scherzhaft als „Ohropax-Oligarch” tituliert, muss er lachen. Schließlich sei der Betrieb immer noch „nur” ein Familienbetrieb; kein Mega-Unternehmen. Durch die Villensanierung habe er auch — ideelles — Familienerbe zurückgewonnen. „Eine reparierte Kontinuität wiederherstellen”, so beschreibt er diesen immateriellen Reichtum.

Die „Geräuschschützer“ waren stets schön verpackt

Die „Geräuschschützer“ waren stets schön verpackt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Von Ildiko Röd

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