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Wenn Worte zur Qual werden

In Potsdam leben vermutlich 14500 Analphabeten Wenn Worte zur Qual werden

Michaela Bertram* starrt auf den Zettel in ihrer Hand. Sie soll den Begriff, der darauf steht, lesen und ihn den anderen Kursteilnehmern erklären. Doch was für die meisten Menschen nach einer einfachen Aufgabe klingt, fällt der 40-jährigen Frau schwer.

Potsdam. Michaela Bertram ist eine von vermutlich 14500 Analphabeten, die in Potsdam leben. Diese Zahl leitet sich aus den Ergebnissen der 2012 veröffentlichten „Leo-Studie“ der Universität Hamburg ab, wonach mehr als 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren unzureichend lesen und schreiben können. In ganz Deutschland sind das 7,5 Millionen Menschen.

Michaela Bertram besucht seit 2012 einen der Grundbildungskurse, die die Volkshochschule (VHS) für Analphabeten anbietet. Rund 40 Teilnehmer kommen im Jahr zu den Kursen. Michaela Bertram hat Lesen und Schreiben nie richtig gelernt. „Ich bin im Kinderheim aufgewachsen und auf eine Sonderschule gegangen“, sagt sie. Die nötige Unterstützung hat sie nirgends bekommen. „Irgendwie habe ich mich immer durchgemogelt.“ Auch die Ausbildung als Beiköchin hat geklappt. In diesem Beruf arbeiten kann Michaela Bertram jedoch nicht. „Da fallen meine Probleme doch zu sehr auf“, sagt sie. Seit einiger Zeit arbeitet sie als Gebäudereinigerin.

Am meisten Angst hat Michaela Bertram davor, dass ihre Lese- und Schreibschwäche negativ auffällt. Wenn sie im Restaurant ein Essen bestellt, ist sie nervös und zeigt in der Karte nur auf das Gericht. Muss sie bei Behörden einen Antrag ausfüllen, dann nimmt sie ihn lieber mit nach Hause und sucht sich Hilfe bei einer Freundin. Damit ihr künftig auch die Mitarbeiter der Stadtverwaltung besser helfen können, soll nun die Kommune für das Thema sensibilisiert werden. Die Potsdamer VHS ist einer von drei Modellstandorten für das bundesweite Projekt „Alpha Kommunal“, das vom Deutschen Volkshochschulverband (DVV) koordiniert wird. Neben der Landeshauptstadt wird auch in Kaiserslautern und Uelzen an einer Strategie gearbeitet, um die Grundbildung von Analphabeten zu sichern.

„Die in der Leo-Studie veröffentlichten Zahlen haben uns überrascht“, sagt Projektleiter Roland Bellinghausen vom DVV. Zuvor sei man deutschlandweit von etwa vier Millionen Analphabeten ausgegangen. „Auf den Pisa-Schock folgte der Alpha-Schock“, so Bellinghausen. Auch Bildungsbeigeordnete Iris Jana Magdowski (CDU) hält die „Leo-Studie“ für „hochbrisant“. Ziel des Projektes sei deshalb, das Thema Analphabetismus zu enttabuisieren. So sollen zum einen jene Mitarbeiter der Stadtverwaltung unterstützt werden, die selbst von dem Problem betroffen sind. Zum anderen sollen 200 Mitarbeiter geschult werden, die viel Kontakt zu Menschen haben, wie im Bürgerbüro oder der Agentur für Arbeit. „Hier ist es wichtig, zu erkennen, wenn jemand Probleme mit dem Lesen oder Schreiben hat und vor allem, sensibel darauf zu reagieren“, sagt Katrin Wartenberg, Grundbildungsbeauftragte und Dozentin an der VHS. „Unsere Botschaft ist ganz klar: Analphabetismus hat nichts mit der Intelligenz zu tun.“

Michaela Bertram würde sich wünschen, dass noch mehr Betroffene wie sie den Mut finden, etwas gegen ihr Handicap zu tun. „Ich musste mich schon überwinden“, sagt sie und bei dem Gedanken an den ersten Kurstag, an dem sie offen zu ihrer Schwäche stehen musste, kommen ihr die Tränen. „Aber jetzt fühlt es sich gut an“, sagt sie und greift wieder zum Stift. Vielleicht kann sie sich bald ihren Traum erfüllen: Mit 40 endlich den Führerschein machen.

*Name geändert

Meike Jänike

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