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Wenn das Leben plötzlich entgleitet

Betreuungspanne in Potsdam Wenn das Leben plötzlich entgleitet

Paula Pritzkow (Name geändert) ist schwer gestürzt – dann lag sie im Koma. Doch als sie wieder aufwachte, war nichts wie vorher und ihre Wohnung einfach weg. Freunde konnten nur noch Reste ihres Inventars retten. Zum Übergang fand sie ein halbes Jahr Obdach im Pflegeheim bis sie eine neue Wohnung bekam. Nun hat sie nur noch einen Blick auf das, was ihr Leben war.

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Da unten im Fischerkiez an der alten Stadtmauer neben der Havel hatte Paula Pritzkow ihr keines „Reich“, eine schöne Wohnung, voll eingerichtet mit allem was man braucht und schön findet.

Quelle: Rainer Schüler

Potsdam. Sie war weg. Weiter weg kann nur ein Toter sein. Aber Paula Pritzkow (Name geänd. – d.Red.) hat das Koma überlebt, in das sie gefallen war nach einem schweren Sturz in ihrer Wohnung. Nur zum Telefon war die Erwerbsunfähigkeitsrentnerin geeilt, doch die steifen Füße versagten ihr den Dienst. Einen Monat schwebte sie zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, dann gewann das Leben. Ein Dämmerzustand setzte ein und hielt sie Monate gefangen; bis zu 16 verschiedene Arzneien und Präparate musste sie schlucken; der Mix trübte ihr Bewusstsein. „Ich war nicht wirklich da“, sagt sie heute, inzwischen wieder wachen Geistes, denn bis auf sechs Pillen hat sie alles eigenmächtig abgesetzt: „Ich war so plemplem, dass ich alle Noppen der Raufasertapete in meinem Zimmer mit Namen kannte.“

Habseligkeiten sind einfach weg

Irgendwann, in einer ihrer wachen Phasen nach über einem Jahr Klinik und Pflegeheim, war sie wach genug für das Unfassbare: Jemand erklärte ihr, dass es keinen Ort mehr gibt, den sie Zuhause nennen kann. Offenbar hatte man sie abgeschrieben und ihre Wohnung aufgelöst, da lebten inzwischen andere Leute. Das Amtsgericht hatte die Auflösung verfügt und eine Betreuerin bestellt, die Verfügung bekam über das Vermögen der Patientin und ihren sämtlichen Besitz. Geblieben sind Paula Pritzkow dank des schnellen Eingreifens von Freunden ein paar kleine Möbel, zwei Taschen Kleidung, zwei Dutzend kleiner Bilder, eine Regalfachfüllung Eulen- und Katzenfiguren, ein paar Kleinplastiken, der Plattenspieler, Nachschlagewerke, die keiner heutzutage mehr heute haben will. „Ich hatte alles, nur kein Auto“, sagt die frühere Diplomingenieurin für Energietechnik, eine Frau mit Bildung, Geschmack und Ansprüchen: „Waschautomat, Fernseher, Musikanlage, eine gut sortierte Plattensammlung. In meinen beiden Zimmern hatte ich volle Bücherregale bis an die Decke, von meinen Eltern hatte ich ein zwölfteiliges Service, alles weg.“ Wohin? Sie weiß es nicht.

Psychische Probleme

Dass das Amtsgericht eine Betreuerin bestellt hat, bestätigt Pritzkows Anwältin Martina Scholz: „So ein Betreuer muss Geld sparen“, erläutert sie. Offenbar habe niemand damit gerechnet, dass die Patientin wieder voll im Leben stehen würde. Vermutlich deshalb habe man die Dauerabbuchung der Miete gestoppt und die Wohnung aufgelöst. Vom Sparguthaben sei auch die Betreuerin bezahlt worden; das sei üblich.

1000 Euro habe sie auf dem Sparbuch gehabt, behauptet Paula Pritzkow; zwei Euro sind noch drauf. Sie habe nie eine Abrechnung bekommen und keinen Hinweis zum Verbleib des Wohnungsinventars. Die Betreuerin lehnt der MAZ gegenüber jede Auskunft dazu ab, und Amtsgerichtssprecher Oliver Kramm darf keine Auskunft geben zum Agieren des ihm unterstellten Betreuungsgerichtes Potsdam: „Das ist ein rein privater Fall und nicht öffentlich verhandelt!“

Die Betreuerin bezweifelt die Pritzkow-Darstellung der Wohnungsauflösung und verweist auf ein ärztliches Gutachten, das die Patientin angeblich für psychisch krank erklärt; Paula Pritzkow hat es nie lesen können. Sie sieht die Sache völlig anders und versichert der MAZ gegenüber, der behandelnde Arzt habe sie später wieder untersucht und mündlich erklärt, sie sei voll entscheidungsfähig. Schriftlich hat sie das nicht; der Arzt reagierte auf die MAZ-Anfrage nicht.

Eingesperrt in der Demenzstation

Der Zeitung gegenüber schildert Pritzkow den Leidensweg nach ihrer Koma-Zeit, die sie im Bergmann-Krankenhaus verbrachte. Dort „austherapiert“, überstellte man sie in eine Außenstation des St. Josefs-Krankenhauses an der Zimmerstraße, in ein Vierbettzimmer, der Waschraum am Flurende. Nach einem Jahr Frust und Zoff verlegte man sie ins Pflegeheim „Haus Katharina“, wo nur ein Einzelzimmer zu bekommen war, in der Demenzstation. „Die sind da wie Geister; keiner hat mit mir ein Wort gewechselt“, erzählt Pritzkow: „Da kamen Leute in mein Zimmer, nahmen Sachen mit, machten was kaputt.“ Deshalb habe man ihr Zimmer ab- und nur zu Essenszeiten wieder aufgeschlossen. Sie sei eingesperrt gewesen und habe nur noch eins gewollt: „Da wieder raus!“ Doch das war ein Problem. 100 Euro Taschengeld reichen kaum für die Behördengänge einer Gehbehinderten, die zwar ein Telefon im Zimmer hatte, aber kein Internet zum Recherchieren, nicht mal ein Telefonbuch. Sie musste teure Taxis zahlen, um bei ihrem Stammvermieter vorzusprechen, der Gewoba. Der lud sie zur Wohnungsbesichtigung ins Zentrum-Ost, machte aber sofort auf Wartelisten aufmerksam. Es gebe auch andere Bedürftige, hieß es, man müsse alle und alles prüfen.

In diesem Block in der Kleinen Fischerstraße hat Paula Pritzkow vor ihrem Sturz gelebt

In diesem Block in der Kleinen Fischerstraße hat Paula Pritzkow vor ihrem Sturz gelebt; hier wohnen inzwischen andere Menschen.

Quelle: Rainer Schüler

Ein Vierteljahr verging ergebnislos, eine Ewigkeit für die verzweifelte Ex-Mieterin, die weder Geschwister hat noch Kinder, die sie halten oder ihr Mut zusprechen konnten.

„Die machen keine Arbeit, bringen aber Geld“

Verwirrend Widersprüchliches hörte sie im Hause „Katharina“. „Leute wie sie“ kämen gerade recht, sagte ihr jemand, dessen Namen sie nicht aufgeschrieben hat, so geschockt war sie: „Die machen keine Arbeit, bringen aber Geld.“ Sie könne das Haus verlassen, wenn sie wolle, sagte jemand anderes; niemand halte sie dort fest. Das nahm sie wörtlich und fragte vorsorglich den Pflegedienst aus ihrer Vor-Sturz-Zeit, ob er sie auch in einer neuen Wohnung wieder betreuen würde wie in der alten. Die Veritas GmbH versprach ihr das und gab ihr einen heißen Tipp. Aus der Burgstraße habe man eine hochbetagte Frau, die dort nicht länger eigenständig leben konnte, ins Pflegeheim gebracht; diese Gewoba-Wohnung sei nicht neu vergeben. Paula Pritzkow rief die Gewoba an, einmal, zweimal, immer wieder, ließ nicht locker, wollte ihre Chance nicht fahren lassen. Die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt; inzwischen lebt sie in einem Punkthochhaus, eingerichtet mit Second-Hand-Möbeln und neuen Teppichen, die sie auf Raten kaufte, die ersten in ihrem Leben: „Ich hab’ sonst immer alles bar bezahlt.“ Rund 1000 Euro Einrichtungsbeihilfe hat sie bekommen von der Stadt und dem Präsidenten des Amtsgerichtes einen Brief geschrieben. Er möge ihr erklären; wie man mit der ihr ausgezahlten Hilfe eine Wohnung komplett ausstatten kann. Paula Pritzkow will mehr. „Meine alte Wohnung war schön, sie war mein Leben. Ich bin nicht schuld, dass sie jetzt weg ist.“

Aus ihrem neuen Wohnzimmer schaut sie über den Stadtkanal hinüber zum Park Babelsberg, und wenn ihr Blick über das Dach des Hauses streift, das einmal ihr kuschliges Zuhause war, packt sie erneut die Wut und auch die Bitterkeit. „Ich habe eine neue Wohnung, aber das alles hier bin nicht wirklich ich. Mein Leben hat sich aufgelöst.“

Gericht entscheidet über Räumung

Zur Kündigung eines Mietverhältnisses über Wohnraum, den der Betreute gemietet hat, bedarf der Betreuer der Genehmigung des Betreuungsgerichts, heißt es im Paragraphen 1907 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Das Betreuungsgericht gehört zum Amtsgericht.

Die Wohnungsauflösung muss vollzogen werden, wenn der Betreute/der Patient in eine Einrichtung zieht, in ein Alten- oder ein Pflegeheim. Er verliert dadurch in unterschiedlichem Maße den Bezug zu seinem bisherigen Umfeld, zu seiner Familie, falls er eine hat, zu Freunden und Bekannten. Er verliert seinen Lebensmittelpunkt. Die Auflösung der Wohnung ist eine sehr einschneidende Maßnahme für das Leben des Betreuten.

In verschiedenen Antragsformularen zur Wohnungsauflösung muss übereinstimmend mitgeteilt werden, warum der Betroffene nicht mehr in die eigene Wohnung zurückkehren kann.

Nötig für die Bestellung eines Betreuers ist ein medizinisches Gutachten eines Psychiaters oder Neurologen, das klärt, in welchen Lebensbereichen der Betroffene Unterstützung braucht. Dieses Gutachten wurde erstellt und bescheinigte der Patientin, dass sie zu dem Zeitzpunkt nicht selbstständig leben kann, denn sie lag im Koma und später in einem nachkomatösen Dämmerzustand unter multiplem Medikamenteneinsatz.

Das Kester-Haeusler-Forschungsinstitut für Miet- und Immobilienrecht im bayerischen Fürstenfeldbruck macht darauf aufmerksam, dass der Betreuer die Wohnung nicht voreilig auflösen darf, sondern dem Betroffenen, falls der eventuell nur vorübergehend in einer Einrichtung lebt, die Möglichkeit der Rückkehr in die Wohnung so lange wie möglich offenlassen muss. Das hängt nach Einschätzung des Institutes aber stark vom Vermögen des Patienten ab. Hier müssten die Wohnungsmiete und die Unterbringungskosten im Heim parallel bezahlt werden.

Im Betreuungsrechtslexikon des Bundesanzeiger-Verlages ist davon die Rede, dass bei einer Wohnungsauflösung zunächst alles aussortiert werden muss. was der Betroffene ins Heim mitnehmen kann: Kleidung, wichtige Unterlagen, Erinnerungsstücke wie Fotos, Bilder und Briefe, Kleinmöbel wie Sessel, Kommode und Fernseher. Wertgegenstände wie Antiquitäten müssten sichergestellt und gegebenenfalls verkauft werden, falls die Finanzierung des Heimaufenthalts das verlangt.

 

Von Rainer Schüler

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