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Potsdam Wie betroffene Potsdamer den Brexit sehen
Lokales Potsdam Wie betroffene Potsdamer den Brexit sehen
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01:15 30.01.2019
Britisch inspirierte Architektur in Potsdam: Schloss Babelsberg, das Nauener Tor und Schloss Cecilienhof Quelle: Bernd Gartenschläger (2), Julian Stähle
Potsdam

Die ganz große Weltpolitik findet auch in der Potsdamer Dortustraße statt. In einem Hinterhof, zwischen Tabakladen und Friseur, betreibt Michael Hitchman (52) gemeinsam mit seiner Frau Elke und einem Partner den British American Shop, ein kleines Fachgeschäft für Spezialitäten von drüben, von jenseits des Ärmelkanals. Immer, wenn in Michael Hitchmans alter Heimat eine neue Umdrehung der so komplizierten wie umkämpften Brexit-Verhandlungen die Gemüter erhitzt, klingelt sein Telefon. „Zwanzig Mal am Tag rufen die Leute hier an und wollen von mir eine Einschätzung wissen“, sagt Michael Hitchman. Den Geschäftsmann nervt das zunehmend. „Zum Einen ist bislang absolut nichts entschieden, es ist alles Hysterie“, sagt er. Zum Anderen lebe er seit drei Jahrzehnten in Deutschland. „Warum soll ich der Experte für die Politik sein?“, fragt er.

Michael Hitchman will kein Experte für britische Politik sein. Quelle: Jan Russezki

Tatsächlich könnte der Brexit, also der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, Auswirkungen auf Michael Hitchmans Geschäft haben: Wenn zwischen dem Festland und Großbritannien wieder eine Zollgrenze besteht, wird der Import englischer Waren wohl teurer. „Damit lägen sie dann eben auf dem Niveau amerikanischer Produkte“, sagt Michael Hitchman. „Ich lasse mich jedenfalls nicht verrückt machen.“ Seinen britischen Pass abzugeben und die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, kommt für den 52-Jährigen übrigens nicht in Frage. „Ich wüsste wirklich nicht, was das bringen soll“, sagt er.

„Eine Einbürgerung finde ich unehrlich“

1254 Kilometer westlich von Michael Hitchman antwortet Esther Walton (35) auf die Frage, ob sie über eine Einbürgerung in ihrer neuen Heimat nachdenke, fast das selbe. Die gebürtige Potsdamerin lebt mit ihrem Mann und den drei Töchtern in Bath, sie lehrt Klinische Psychologie an der dortigen Universität. Esther Waltons Ehemann ist Brite, die Kinder haben beide Pässe. Sie sagt: „Für mich steht es fast völlig außer Frage, die britische Staatsbürgerschaft anzunehmen, weil ich das unehrlich finde.“

Esther Walton lehrt Klinische Psychologie in Süd-West-England. Quelle: privat

Doch weder der feste Arbeitsvertrag noch die Ehe mit einem Briten würde ihr ein Aufenthaltsrecht bescheren. „Man muss fünf Jahre im Land leben, das ist bei mir noch nicht der Fall.“ Erst vor drei Jahren zog die Familie aus den USA nach England, Esther Walton hat in Deutschland und den Niederlanden studiert – Landesgrenzen waren nie eine Maßgabe.

Pässe, Touristen und Wirtschaft

Seit dem Brexit-Votum im Sommer 2016 steigt die Zahl der Briten, die sich in Deutschland einbürgern lassen.

In Brandenburg haben in den zwei Jahren vor der Entscheidung nur vier Briten einen deutschen Pass erhalten – danach waren es 97 binnen 18 Monaten.

Auch auf den Tourismu
s in Potsdam könnte sich der Brexit auswirken, denn die Briten bilden bislang Platz fünf in der Rangliste ausländischer Übernachtungsgäste. Ein wichtiger Arbeitgeber in der Region ist der Auto- und Turbinenbauer Rolls Royce mit seinem Standort in Dahlewitz. Das britische Unternehmen hat angekündigt, wegen des EU-Austritts Abteilungen nach Deutschland zu verlegen.

Für Esther Walton, ihre Familie und das Umfeld ist die Sicht auf einen möglichen Brexit eindeutig. „Ob im Privaten, bei der Arbeit oder in den Schulen, um uns herum findet niemand den Brexit gut“, sagt sie. Er laufe aber in der Wahrnehmung eher nebenbei: „Das ist kein Thema, das wir täglich beim Abendbrot aufs neue besprechen“, sagt die Wissenschaftlerin. Insgesamt will sie, genau wie Michael Hitchman in Potsdam, entspannt bleiben. „Natürlich ist das alles ärgerlich, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir am Ende das Land verlassen müssen“, sagt Esther Walton, „und wenn doch, dann ist Potsdam ein guter Plan B.“

Galgenhumor in Newcastle

Der Potsdamer Historiker André Keil lebt seit mehr als fünf Jahren im englischen Newcastle, der Dozent hat eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Trotzdem beschäftigt ihn der Brexit: „Einerseits, weil mich das als Privatperson und meine Zukunft hier im Land betrifft, anderseits aber auch, weil das für mich als Historiker sehr interessant ist“, sagt er. „Was sich hier im Land abspielt ist ein politisches Drama, das es so vielleicht zum letzten Mal während der Suezkrise oder sogar nur im Zweiten Weltkrieg gegeben hat.“

André Keil fühlt seine Freiheit vom Brexit angegriffen. Quelle: privat

 

Die Uni-Kollegen begegneten den Entwicklungen mit Kopfschütteln und Galgenhumor. „Aber ich bemerke auch, dass außerhalb der Universität oft die grundlegende politische Bildung fehlt“, sagt er. Platte Slogans statt rationaler Argumente – André Keil macht das Angst. „Bisher war es für mich gar keine Frage, dass ich mich als Potsdamer, sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien zuhause fühlen konnte. Das macht der Brexit nun kaputt.“

Die Suche nach der Iren-Oma

Er selbst hofft noch immer auf ein Einlenken der Briten oder darauf, dass die jüngere Generation, die in der Mehrheit gegen den Austritt gestimmt hat, diesen eines Tages wieder rückgängig machen wird.

Viele seiner britischen Freunde versuchten, „irgendwo eine irische Oma oder einen deutschen Vorfahren aufzutreiben“, sagt André Keil, um den Pass eines EU-Staats beantragen zu können, solange die doppelte Staatsbürgerschaft noch möglich ist. „Dass man sich über so etwas Gedanken macht“, sagt der Potsdamer, „ist wahrscheinlich das Traurigste am Brexit.“

Von Saskia Kirf

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