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Wie klingt die Mark?

Zu Hause in ... der Berliner Vorstadt Wie klingt die Mark?

Das Boardinghaus „Waveboard“ zählte zu den umstrittensten Projekten im Potsdamer Kunst- und Gewerbequartier Schiffbauergasse. Doch es hat sich nach seiner Eröffnung vor knapp zwei Jahren rasch integriert. Mit einer Bild- und Toninstallation von Marc Eisenschink wird nun auch dort erstmals Kunst angeboten.

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Hotelmanagerin Svenja Korff (M./36) mit den Mitarbeiterinnen Mandy Siebeck (l./31) und Nicole Baars (27) und dem Weimaraner Nox (neun Wochen) als Maskottchen der Belegschaft vor dem Boardinghaus in der Schiffbauergasse.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam. Grillen zirpen, Rasensprenger zischeln, Rotorblätter kreisen mit tiefem Rauschen. Dumpf ächzt Metall. „Klänge der Mark“ erfüllen das schattige Ladenparterre des „Waveboard“-Boardinghauses in der Schiffbauergasse. An der Wand flimmern dazu in einer Videocollage Aufnahmen von endlosen Tagebaulandschaften, einsamen Dorfstraßen und Windradparks in Maisfeldern. Lautlos treibt ein Hauch durch das Grün der Bäume am Potsdamer Ruinenberg.

Die Installation mit Film- und Soundfragmenten von Marc Eisenschink (53), dem Chef der Tontechnik am benachbarten Hans-Otto-Theater (HOT), ist das erste Kunstprojekt in dem vor knapp zwei Jahren eröffneten Boardinghaus am Ufer des Tiefen Sees. Die Langzeitherberge für Gäste mit gehobenen Ansprüchen war mit Baukosten von 8,5 Millionen Euro die bislang letzte große Baustelle in dem neuen Kultur- und Erlebnisquartier – und die umstrittenste.

Im Januar 2006 hatten die Stadtverordneten mit einem Grundsatzbeschluss festgelegt, dass Wohnen in der Schiffbauergasse „ausgeschlossen“ bleibt. Man fürchtete nach den Erfahrungen anderer Kulturzentren geräuschempfindliche Anwohner, die prozessieren und damit den Betrieb des Kulturstandortes lahmlegen könnten.

Dass fünf Jahre später die Errichtung eines Boardinghauses in unmittelbarer Nachbarschaft von HOT, Fabrik und Waschhaus bekannt gegeben wurde, sorgte für einen Schock. Doch Bauverwaltung und Investor versicherten, dass die Bewohner dieser Herberge keine normalen Wohnungsmietern vergleichbaren Rechte haben würden.

Das Boardinghaus läuft gut, sagt Hotelmanagerin Svenja Korff (36). Bis zu 15 der insgesamt 37 mit Küchenzeile und Waschmaschine ausgestatteten Appartements seien von Langzeitgästen belegt, die nach den Regularien bis zu fünf Monate einmieten können. Wollen sie länger bleiben, gibt es einen neuen Vertrag. An den Wochenenden sei die Herberge seit März durchgängig komplett ausgebucht. Erstmals gab es das bereits unmittelbar nach der Eröffnung im August 2014 zur Potsdamer Schlössernacht.

Konflikte im Zusammenhang mit dem Kulturbetrieb der Nachbarn gebe es „gar keine“, sagt Korff. Die Gäste würden schon beim Einchecken darauf hingewiesen, dass die Schiffbauergasse ein Erlebnisquartier ist. Die Stadt bestätigt das: „Beschwerden sind keine bekannt“, sagt Rathaussprecherin Christine Homann auf MAZ-Anfrage. „Im Gegenteil: Temporäres Wohnen und Kulturbetrieb ergänzen sich. Gäste des Boardinghauses gehen in ihrer Freizeit gern in die Kulturhäuser der Schiffbauergasse.“

Korff selbst schwärmt vor allem von den Tanztagen der Fabrik: „Ich liebe die Tanztage. Das ist etwas, was mich persönlich voll abgeholt hat. Tip-Top!“ Unter ihren Gästen seien viele Geschäftsreisende, Mitarbeiter von Unternehmen wie Oracle und VW mit ihren Zentren gleich nebenan, Hochzeitsgesellschaften. Künstler hingegen kaum: „Die haben doch kein Geld.“

Marc Eisenschink vor der Braunkohle-Förderbrücke F 60

Marc Eisenschink vor der Braunkohle-Förderbrücke F 60.

Quelle: Privat

Der Raum für Eisenschinks Soundfragmente ist das erste Kultursponsoring des Boardinghauses. Die Idee zu dem Projekt sei ihm eines Abends in der Schiffbauergasse gekommen: „Wie klingt die Mark?“ Ausgestattet mit einem Förderstipendium des Kulturministeriums begab sich der Musiker und Komponist im Sommer 2015 auf eine mehrwöchige Reise in die Tiefen des Landes. Dann wurde geschnitten und abgemischt.

Die Optik steht nicht im Mittelpunkt. Bilder und die oftmals verfremdeten Geräusche führen ihr Eigenleben, Erklärungen sind unnötig. Großen Raum in dem begleitenden Video nehmen die Mondlandschaften des Tagebaus Welzow Süd mit der Förderbrücke F 60 ein. In der Eingangssequenz werden sie begleitet vom behänden, rhythmischen, sich überlagernden Tack-Tack-Tack der Rasensprenger in der Potsdamer Innenstadt. Zum prächtigen Orgelprosekt des Brandenburger Doms etwas später hingegen erfüllt das abgründige Knurren der Förderbrücke den Raum. Zum Schluss spielt melancholisch eine Gitarre.

Eisenschinks 26-minütige Arbeit ist weder dokumentarisch noch puristisch. Mit verspielter Leichtigkeit öffnet sie einen ungewöhnlichen Zugang zur Mark. Im Boardinghaus ist die Installation bis zum 17. Juli zu erleben.

Info Schiffbauergasse 13 a/b, geöffnet Mi-So, 15-21 Uhr, Eintritt frei.

Erstes Gutachten zur Husarenkaserne als Kreativzentrum

Das im August 2014 eröffnete Boardinghaus war das bislang letzte größere Bauvorhaben beim Ausbau der Schiffbauergasse zum Kunst- und Gewerbequartier, in das seit den 1990er Jahren allein 100 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln investiert wurden.

Als mögliche Erweiterung wird seit Jahren der Umbau der historischen Garde-Husaren-Kaserne an der Berliner Straße zum Kunst- und Kreativzentrum diskutiert. Das gelbe Gebäude war lange Sitz des Kreiswehrersatzamtes und wird voraussichtlich noch bis 2018 von der Bundespolizei genutzt.

Im Herbst sollen laut Rathaussprecherin Christine Homann die Ergebnisse einer ersten Studie zur Eignung der Immobilie und zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit des Projekts vorliegen. Ausgangspunkt war ein 2014 erteilter Auftrag der Stadtverordneten.

Die Ergebnisse dieser Studie könnten auch für die Zukunft des im Herbst 2015 eröffneten Kunst- und Kreativhauses im alten Rechenzentrum relevant sein. Mehrfach verwiesen Kommunalpolitiker bei der von den Linken und den Anderen erhobenen Forderung nach einer Verstetigung dieses Projekts auf die Husarenkaserne.

Ein entsprechender Antrag der Linken zum Rechenzentrum wurde im jüngsten Kulturausschuss auf Initiative der SPD auf September vertagt.

Das Kunsthaus im alten Rechenzentrum ist zur Zeit bis 2018 befristet, um die Möglichkeit eines Abrisses für den Wiederaufbau der Garnisonkirche offenzuhalten.

Das Rechenzentrum hat rund 5000 Quadratmeter Nutzfläche, in der Husarenkaserne stünden 8000 Quadratmeter zur Verfügung.

Von Volker Oelschläger

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