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Wildschweinplage in Potsdams Norden

Bundesforstbehörde auf Lösungssuche Wildschweinplage in Potsdams Norden

Potsdams Norden leidet unter einer Wildschweinplage. Als spezieller Problemfall gilt die mehr als 1800 Hektar große Kernzone von Sielmanns Naturlandschaft, in der laut Landesjagdgesetz keine Tiere gejagt werden dürfen. Der Schweinebestand entwickelte sich dort ungehindert. Die Bundesforstbehörde ist nun gemeinsam mit der Sielmann-Stiftung auf Lösungssuche.

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Ein Wildschwein im Wald. In Potsdams Norden gibt es zu viele davon.

Quelle: Fotolia

Potsdam/Döberitzer Heide. Potsdams Norden leidet unter einer Wildschweinplage. Ganze Äcker werden von hungrigen Rotten umgepflügt. Die Jäger kommen kaum noch mit dem Abschuss hinterher. Der Fahrländer Bauer Ernst Ruden zeigt auf ein Feld mit Winterroggen. Hier und da blieben Inseln mit grünen Trieben in einem Meer von aufgeworfener brauner Erde: „Da gibt man sich Mühe, dass alles schön glatt in den Boden kommt, und dann siehst du zu, wie die Arbeit zerstört wird.“

Verwüstete Grünfläche an der Fahrländer Buswendeschleife

Verwüstete Grünfläche an der Fahrländer Buswendeschleife.

Quelle: Volker Oelschläger

Nicht nur die Landwirtschaft leidet. Auch öffentliche Grünanlagen werden zum Opfer suchender Rüssel. Augenfälliges Beispiel ist die Fahrländer Buswendeschleife. Wo vor Tagen noch Rasen war, türmen sich nun Klumpen, Brocken und Matsch.

Das ganze Land hat ein Schweineproblem, konstatiert Rainer Entrup, Leiter des Bundesforstbetriebes Westbrandenburg. Ein wichtiger Grund sei der Klimawandel: „Frischlinge können alles ab, nur keine kalte Nässe“, sagt er. Doch die gebe es immer seltener.

Die Nähe des Menschen schützt das Schwein

Ein anderer Grund sei die industrielle Landwirtschaft mit energiereichem Nahrungsangebot wie Mais oder Raps. Eine Vorstellung von der Entwicklung der Population vermitteln die Abschusszahlen. Im Jagdjahr 2016/17 wurden landesweit rund 70.000 Wildschweine erlegt, vor 40 Jahren waren es kaum halb so viel.

Besonders gut geht es den Schweinen laut Entrup in Odernähe und im Norden der Landeshauptstadt: „Das ist hier ein Hotspot, weil wir optimalste Lebensbedingungen für Schwarzwild bieten. Diese vielen Eichen, Wasser, Schilf, dazu das Problem der Siedlungsnähe.“ Die Nähe des Menschen schützt das Schwein, denn dort darf es nur in seltensten Fällen gejagt werden.

Zu einer besonderen Problemzone aber hat sich das fast 1800 Hektar umfassende Kerngebiet von Sielmanns Naturlandschaft in der Döberitzer Heide entwickelt.

Wildschweinen stehen die Türen offen

Ein dreifach gespannter Zaun verhindert, dass größere Tiere wie Wisente, Przewalski-Pferde oder Hirsche in die für Menschen zugängliche „Naturerlebnis-Ringzone“, kurz Nerz, wechseln können. Für kleinere Tiere hingegen wurden Klappen eingesetzt. Wildschweinen stehen somit die Türen offen.

Dass sich ihre Population in der Kernzone enorm entwickelt hat, ist nach Einschätzung von Entrup nicht nur dem Nahrungsangebot zu verdanken. Spezielles Problem ist ein Paragraf im Landesjagdgesetz, nach dem die Eingatterung von Jagdbezirken „zum Zwecke der Hege und der Jagd nicht gestattet“ ist.

Der Gesetzgeber trug damit der Erfahrung mit elitären Jagdgebieten wie der Schorfheide Rechnung, in der erst Göring, dann Honecker die Strecke abschritt. Das sollte es nicht mehr geben. Doch nach dem Gesetzespassus, das es laut Entrup nur in Brandenburg gibt, wurde die Hege in der Heide zum Problem.

Rainer Entrup zeigt auf die Kernzone von Sielmanns Naturlandschaft in der Döberitzer Heide

Rainer Entrup zeigt auf die Kernzone von Sielmanns Naturlandschaft in der Döberitzer Heide.

Quelle: Volker Oelschläger

In guten Jahren mit vielen Eicheln vermehre sich das Schwarzwild explosionsartig um bis zu 500 Prozent, ohne dass der Mensch in dem eingezäunten Gebiet regulierend eingreifen darf. Doch dieses reichliche Angebot an Eicheln gebe es nur alle drei, vier Jahre. Finden die Schweine nicht genug Nahrung, verkümmern sie. Landwirte wüssten: „Ein Schwein, das nicht am Anfang gut gefüttert wird, wird kein großes Schwein.“

Schon jetzt sei zu beobachten, dass Schwarzwild aus der Kernzone um ein Viertel leichter und deutlich kleiner sei, als Artgenossen etwa aus der nahen Berliner Forst. Hinzu käme wie in dieser Saison ein Massensterben bei Frischlingen und alten Bachen. „Wir finden dann das, was der Kolkrabe übrig lässt.“

Seit zwei Jahren sei der Bundesforstbetrieb als Dienstleister für die Sielmann-Stiftung tätig, so Entrup: „Wir versuchen, eine Lösung zu finden.“ In einem ersten Schritt seien in der Saison 2016/17 mit einer Sondergenehmigung des Veterinäramtes Havelland rund 200 Schweine aus der Kernzone „entnommen“ worden, wie der Waidmann sagt.

Sielmanns Naturlandschaft

Das Gelände von Sielmanns Naturlandschaft in der Döberitzer Heide umfasst 1860 Hektar in einem speziell geschützten Kerngebiet und 1800 Hektar in einer umgebenden „Naturerlebnis-Ringzone“ (Nerz) für Besucher. In dieser Ringzone können Gäste auf 55 Kilometer Wanderwegen die Landschaft erkunden.

Insgesamt bietet die Naturlandschaft Lebensraum für 5500 Tier- und Pflanzenarten, darunter Seeadler, Wiedehopf und Fischotter sowie Sumpfknabenkraut, Lungenenzian und Sonnentau.

Im Mai 2010 wurden die ersten Wisente und Przewalski-Pferde in die mit einem dreifachen Zaun eingehegte Kernzone entlassen. Heute leben dort laut Internetseite der Sielmann-Stiftung rund 90 Wisente, 30 Przewalski-Pferde und 90 Rothirsche.

Die Anzahl der Wildschweine in der Kernzone hat sich nach Einschätzung von Bundesförster Rainer Entrup nicht nur wegen der erstmaligen „Entnahme“ deutlich auf vielleicht 100 bis 150 Tiere dezimiert. „Ich behaupte, es sind weniger als wir denken.“ Viele Tiere seien „rausgezogen in der Hoffnung, dass sie draußen besseres Futter finden“.

Von Volker Oelschläger

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