Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Fuoco und die Novemberrevolution
Lokales Potsdam Fuoco und die Novemberrevolution
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:28 31.08.2018
Wilhelm Schmids Gemälde „Fuoco“ (Ausschnitt) wurde von den Nazis als „entartet“ verfemt. Quelle: Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano. Collection Città di Lugano. Donation Wilhelm and Maria Schmid, Foto: Alexandre Zveiger
Potsdam/Innenstadt

Drei nackte, gestikulierende Frauengestalten mit lehmiger Haut und Körpern wie Gliederpuppen in nächtlichem Blau, hinter ihnen als Taktgeber ein Mann mit Geige. 1937 wurde das Gemälde „Fuoco“ (Feuer) von den Nationalsozialisten zur „entarteten Kunst“ erklärt. Für Wilhelm Schmid (1892– 1971), den Schöpfer des Bildes, bedeutete das den wirtschaftlichen Ruin. Seit 1933 antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, kehrte der Künstler noch im selben Jahr mit seiner Frau in die Schweiz zurück, in sein Heimatland, das er 1912 für die Arbeit in Berlin und Potsdam verlassen hatte.

Salon in Wilhelm Schmids Etappenhaus in der Potsdamer Böcklinstraße. Quelle: Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano. Collection Città di Lugano. Donation Wilhelm and Maria Schmid, Foto: Alexandre Zveiger

Als Maler hatte Schmid vom Ende der 1910er bis in die frühen 1930er Jahre große Erfolge gefeiert. Seine grotesken, farbgewaltigen Gemälde gehörten zu den umstrittensten bei der Berliner Kunstkritik. Und er war Architekt. Im Büro von Paul Renner arbeitete er ab 1913 an der Umgestaltung des heute als Villa Wunderkind bekannten Hauses Metz am Heiligen See zum neuklassizistischen Prachtbau. Später errichtete er in der Böcklinstraße sein eigenes „Etappenhaus“, das er so nannte, weil es der privaten Finanzlage folgend abschnittsweise gebaut wurde.

1919, im Jahr der Entstehung des „Fuoco“-Gemäldes, war Schmid unter den Wegbereitern der Novembergruppe, die bis in die 1930er Jahre hinein zur bedeutendsten und größten Künstlervereinigung der Berliner Avantgarde werden sollte und nach dem Zweiten Weltkrieg für Jahrzehnte fast völlig in Vergessenheit geriet.

Wilhelm Schmid und die Novembergruppe“ ist der Titel des ersten Teils einer Doppelausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne“ über Potsdam und Babelsberg in den Jahren 1914 bis 1945, die am 29. September im Potsdam-Museum eröffnet wird. Im zweiten Teil sollen ab Februar Stadtgeschichten aus dem „roten Nowawes“ und dem konservativen Potsdam erzählt werden. Mit dem Ausstellungsprojekt will das Museum „die zwei großen Perspektiven öffnen, für die unser Haus als ,Forum für Kunst und Geschichte’ steht“, sagt Direktorin Jutta Götzmann.

Selbstporträt Wilhelm Schmids. Quelle: Museo d'arte della Svizzera italiana, Lugano. Collection Città di Lugano. Donation Wilhelm and Maria Schmid, Foto: Alexandre Zveiger

Die Doppelausstellung ist eingetaktet in ein europäisches Verbundprojekt mit zehn beteiligten Institutionen von Prag und Krakau bis Brüssel und Péronne, die sich unter dem Titel „Clash of Futures“ mit den historischen Verwerfungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Potsdam ist im deutschen Kontext in einer besonderen Situation, denn mit dem Untergang des Kaiserreichs verlor es den Status als Residenzstadt. Welche Chance hatte die Demokratie an diesem Ort? Das war die erste Überlegung bei der Vorbereitung der Doppelschau: „Bevor wir uns mit der NS-Zeit beschäftigen, müssen wir uns mit der Weimarer Zeit beschäftigen“, sagt die Direktorin.

Wilhelm Schmid, dem überhaupt erstmals in Deutschland eine Ausstellung gewidmet ist, steht beispielhaft für die kulturelle Blüte der 1920er Jahre. Aufmerksam auf den Künstler wurde Götzmann 2009 bei der Vorbereitung der Ausstellung „Privates und öffentliches Sammeln in Potsdam. 100 Jahre ,Kunst ohne König’“ durch einen Hinweis des Potsdamer Kunsthistorikers Andreas Hüneke: „Schmid war für uns die erste Wahl“, sagt sie. Die Ausstellung „Wilhelm Schmid und die Novembergruppe“ endet mit seinem Weggang 1937, der als ein Fall von vielen für die Zerschlagung der modernen Kunstszene in Deutschland durch die Nationalsozialisten steht. Das verfemte Gruppenbild „Fuoco“ bekommt in der Ausstellung einen Ehrenplatz.

Das Manifest der Novembristen

Die Geburtsstunde der Novembergruppe schlug am 13. Dezember 1918 mit einem Rundschreiben: „Die Zukunft der Kunst und der Ernst der jetzigen Stunde zwingt uns Revolutionäre des Geistes (Expressionisten, Kubisten, Futuristen) zur Einigung und engem Zusammenschluss.“ Dann folgte die „dringende“ Aufforderung „an alle Künstler, welche die alten Formen der Kunst zerbrochen, ... ihren Beitritt zur Novembergruppe zu erklären.“ Einer der zehn Unterzeichner war der später in Potsdam wohnende Künstler und Architekt Wilhelm Schmid.

Die Gruppe formierte sich unter dem Eindruck der Novemberrevolution und sah sich auf dem Feld der Kunst in einer Reihe mit den Arbeiterräten. Das sagt der Historiker Thomas Stein (35), der die Ausstellung „Wilhelm Schmid und die Novembergruppe“ am Potsdam-Museum gemeinsam mit Museumsdirektorin Jutta Götzmann kuratiert hat. „Jeden auf seinem Platz in gemeinschaftlicher harter und nie ermüdender Arbeit aufzubauen ist unser Ziel“, hieß es in einem „Manifest der Novembristen“: „Wir stehen auf dem fruchtbaren Boden der Revolution. Unser Wahlspruch heißt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.“

Die Novembergruppe gewann rasch an Einfluss. Auf der jährlichen „Großen Berliner Kunstausstellung“ im Glaspalast am Lehrter Bahnhof hatte sie schon 1919 die größte Präsenz. Mit 150 Mitgliedern hauptsächlich in Berlin, aber auch in anderen Städten, wurde sie zur bedeutendsten Vereinigung der Avantgarde.

Den ersten nennenswerten Konflikt gab es 1921 mit der Abkehr vom Politischen: „Die heutigen Leiter der Novembergruppe erklären andauernd, dass die Novembergruppe nur eine rein ästhetisch-revolutionäre Gründung mit ökonomischen Grundlagen sei. Sie sagen die Unwahrheit.“ Unterzeichnet wurde die im Szeneblatt „Der Gegner“ veröffentlichte Streitschrift mit „Die Opposition der Novembergruppe“, beteiligt waren neben anderen Otto Dix, George Grosz, Rudolf Schlichter und Raoul Hausmann. Es gab Austritte, sagt Thomas Stein. Doch in einem sei die Vereinigung sich bis zum Schluss treu geblieben: „Dass die Novembergruppe nur Grenzen nach rechts, aber keinerlei Grenzen nach links zu errichten habe“, ganz so, wie es die Oppositionellen im „Gegner“ angemahnt hatten.

Ihre Hochzeit hatte die Gruppe zur Mitte der 1920er Jahre. Das Aus kam 1933 mit dem Ausstellungsverbot durch die Nationalsozialisten. 1935 folgte die Tilgung der Gruppe aus dem Vereinsregister: „Sie mussten es selbst bezahlen“, sagt Historiker Stein. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zaghafte Versuche zur Wiederbelebung. Überliefert sind Briefe Wilhelm Schmids aus dem Jahr 1949 an Veteranen in Berlin. Ohne Erfolg.

Von Volker Oelschläger

Wer hilft einem eigentlich, wenn man alt ist? Zum Beispiel Menschen wie Loni Carl. Selbst schon im Rentenalter macht sie Sport mit hochbetagten Senioren. Und die laufen dabei manchmal sogar ganz ohne Rollator zu Hochtouren auf.

30.08.2018

In Potsdam wird jetzt aktiv gegen Kinderarmut vorgegangen. Im Barberini trifft Bach auf Richter, ein Stück Weltkulturerbe zeigt sich hüllenlos und die S-Bahn nimmt sich die gewohnte Auszeit. Übrigens: MAZ-Leser haben die Chance auf ein besonderes „Date“.

30.08.2018

Die von der Stadt geplanten verkaufsoffenen Sonntage zur Antikmeile Ende September, zum „Potsdamer Lichtspektakel“ im November und in der Adventszeit gelten nicht für Potsdams Süden mit Waldstadt, Stern und Drewitz.

29.08.2018