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Potsdam „Wir können Luther auch korrigieren“
Lokales Potsdam „Wir können Luther auch korrigieren“
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19:00 31.10.2016
Superintendent Joachim Zehner mit der Luthersocke. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

In den kommenden zwölf Monaten dreht sich alles um das 500-jährige Jubiläum der Reformation. 1517 veröffentlichte Martin Luther seine berühmten 95 Thesen. Superintendent Joachim Zehner erklärt im MAZ-Gespräch, wie Potsdam durch das reformatorische Erbe nachhaltig geprägt wurde.

Gestern gab es in Potsdam mehrere Auftaktgottesdienste zum Reformationsjahr. Sie selbst haben auch so einen Gottesdienst in der Friedenskirche gehalten. Welche Bedeutung hat dieses Jahr aus Ihrer Sicht?

Joachim Zehner: Wir feiern, dass Martin Luther und die anderen Reformatoren uns ausdrücklich an die Ursprünge unseres Glaubens erinnert haben: an die Bibel und an Jesus Christus. Sie haben uns auch erinnert, dass man Glauben durchdenken und hinterfragen darf, dass Menschen in aller Freiheit glauben oder auch nicht glauben dürfen. Und dass sie ihr Gewissen schärfen sollen.

Apropos Gewissen. Luther hatte keine großen Gewissenbisse, als es darum ging, anti-jüdische Ressentiments zu verbreiten. Wie lässt sich das mit seiner Botschaft der Toleranz vereinbaren?

Zehner: Luthers Anti-Judaismus lässt sich heute nicht mehr rechtfertigen. Wir können Luther auch korrigieren. Jesus war selbst Jude und ist am Kreuz gestorben für die Sache. Unser Motto lautet: Mit Luther gegen Luther.

Berlin und natürlich Wittenberg werden im Reformationsjahr die großen Veranstaltungszentren sein. Doch auch Potsdam hat ein breites Angebot. Was sind die Highlights?

Zehner: Am Himmelfahrtstag am 25. Mai 2017 haben wir einen großen ökumenischen Gottesdienst zum Reformationsjubiläum mit Dank und Schuldbekenntnis. Er findet in der katholischen Kirche St. Peter und Paul am Bassinplatz statt. Ich bin Propst Klaus-Günter Müller sehr dankbar, dass wir den gemeinsamen Gottesdienst für evangelische und katholische Christen dort feiern können. Für solche Gottesdienste im Reformationsjahr hat eine gemeinsame lutherische und römisch-katholische Kommission extra eine Gottesdienstliturgie entworfen.

Weshalb war das notwendig?

Zehner: Der Gottesdienst ist nun mal zentral für die Christenheit. Ich bin den Schwestern und Brüdern aus der Ökumene dankbar; sie haben diesen schönen Gottesdienst intensiv vorbereitet. Er wird ein Ereignis! Genauso wie der Abschlussgottesdienst des Kirchentage am 28. Mai auf den Elbwiesen vor Wittenberg. Unbedingt hingehen, liebe Potsdamerinnen und Potsdamer!

Wie viele Veranstaltungen sind insgesamt in diesem Jahr geplant?

Zehner: Insgesamt sind es fast 30. Alle Kirchengemeinden machen mit; die Vorbereitungen laufen schon seit einem Jahr. Das Stadtkirchenamt von Pfarrer Simon Kuntze hat mit der Stadt das Programm „Stadt trifft Kirche. Potsdams Beitrag zum Reformationsjubiläum“ ausgearbeitet. Ich bin sehr dankbar für die gute Kooperation mit der Landeshauptstadt. Besonders schön wird in diesem Rahmen sicher die Einweihung der neuen Hauptorgel in der Nikolaikirche am 22. April 2017. Dann freue ich mich auch sehr auf die Luthermesse „Barock trifft Rock“, die an zwei Tagen aufgeführt wird: einmal in der Friedenskirche und danach noch einmal in der Nikolaikirche. Und am 8. September wird die Ausstellung „Freiheit: Luther und die Folgen für Preußen und Brandenburg“ eröffnet.

Was für eine Rolle spielte Potsdam denn während der Reformation?

Zehner: Gar keine, das muss man einfach zugeben. Dazu war die Stadt damals noch viel zu unbedeutend. Im Gegensatz zu Wittenberg gab es zum Beispiel keine Universität. Aber sehr viele der reformatorischen Erkenntnisse sind in Potsdam umgesetzt worden. Der Toleranzgedanke des Toleranzedikts des Großen Kurfürsten wurzelt darin und die Überzeugung, dass das Evangelium ohne weltliche Gewalt, nur durch die Verkündigung des Gotteswortes, weitergegeben werden soll. In Glaubensfragen darf es keinen Zwang geben und jeder soll in Einklang mit seinem Gewissen leben. Eine wichtige Botschaft der Reformation war auch, dass der Beruf Gottesdienst ist.

Wie das?

Zehner: Luther vertrat die Meinung, dass nicht nur die herausgehobenen Berufe wie Priester oder Mönch für Gott wirkten, sondern jeder Beruf, vom Kutscher bis zum Bäcker. „Wie die Magd, die die Stube kehrt“, sagt Luther. Beruf war seiner Überzeugung nach auch Berufung, also Dienst an meinem Nächsten. Das steht in der Freiheitsschrift Luthers, wo er die Freiheit eines jeden Christenmenschen hervorhebt.

In der Realität hat er aber den Bauern, die gegen die Fürstenstände rebellierten und ihre Freiheit einforderten, nicht gerade den Rücken gestärkt. Warum gestand er denen nicht diese Freiheit zu, sondern schlug sich auf die Seite der Fürsten?

Zehner: Er hat vor allem die Gewalt der Bauern verworfen. Ich glaube, es hätte damals auch für die Bauern andere Wege gegeben.

In diesem Jahr ist Luther in aller Munde. Er wird fast wie ein Popstar gefeiert. Aber war er wirklich so erfolgreich, wie es heute scheint? Zehner: Luther hatte seine ganz persönliche Tragik. Er wollte nicht die Kirche spalten, sondern sie reformieren. Sein Ziel war anfangs nie die Spaltung von der Mutterkirche. Später zeigte sich auch schnell ab, dass Uneinigkeiten innerhalb der reformatorischen Bewegung gab – deshalb die Spaltung in Lutheraner und Reformierte. Worin besteht der Unterschied zwischen den beiden Richtungen?

Zehner: Der Unterschied liegt im Verständnis des Abendmahls. Luther sagte: Christus ist beim Abendmahl gegenwärtig in Gestalt von Brot und Wein. Und die Reformierten sagten: Wir erinnern uns dabei nur an das erste biblische Abendmahl.

Anders als in Jüterbog, das ein frühes Zentrum der Reformation war, gibt es in Potsdam keine materiellen Erinnerungsorte aus dieser Zeit. Wie sieht es aber mit dem immateriellen Erbe aus?

Zehner: Davon gibt es einiges in Potsdam. Ich erinnere nur an Henning von Tresckow und die anderen Hitler-Attentäter, von denen viele die Gemeinde der Garnisonkirche angehörten. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus gründet sich auf das eigene Gewissen, das Luther predigte. Ein anderes wichtiges Erbe ist die allgemeine Schulpflicht. Sie wurde am 28. September 1717 vom Soldatenkönig eingeführt.

Und was hat Luther damit zu tun?

Zehner: Grundlage war eine Schrift Martin Luthers an die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, „dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“. Sein Appell war mehr als eindringlich: „Ein Christ sei verflucht, der nicht versteht, was er glaubt.“ Deshalb war ihm der Schulbesuch und die Gründung von Schulen so wichtig.

Im Reformationsjahr läuft natürlich auch die Werbemaschinerie auf Hochtouren. Sogar Luthersocken für fünf Euro sind im Angebot. Können Reformationsfans die auch in Potsdam kaufen?

Zehner: Ja, Interessierte können sich an die Superintendentur wenden!

Von Ildiko Röd

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