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Wist – der Literaturladen wird 25

Feier in der Reithalle in Potsdam Wist – der Literaturladen wird 25

Als kleine Buchhandlung wurde Carsten Wist gerade eine große Ehre zuteil. Wist – der Literaturladen wurde für den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 nominiert. Mit dem erstmals vergebenen Gütesiegel sind 7.000 Euro Preisgeld verbunden. Der Preis wurde von der Bundesregierung ausgelobt. Grund genug, sich erstmal nicht zu rasieren und ordentlich zu feiern.

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Carsten Wist
 

Quelle: Christel Köster

Potsdam.  Carsten Wist feiert das 25-jährige Bestehen seines Literaturladens in der Brandenburger Straße.

Herr Wist, wenn Sie vor 25 Jahren bei einer Buchhandlungskette als Verkäufer eingestiegen wären, dann wären Sie heute vielleicht Konzernchef und nicht nur Inhaber einer 50 Quadratmeter großen Buchhandlung?

Carsten Wist: Ein Konzern hätte mich sicher bald rausgeschmissen, ich bin nicht kompatibel und arbeite gerne für mich selbst. Ich würde weder gern Hugendubel übernehmen noch plötzlich Kulturminister werden wollen. Ich habe in den 25 Jahren für mich herausbekommen, was ich will und was ich kann. Wenn ich mich für einen verkappten großen Autor halten würde oder für einen großen Literaturkritiker, dann hätte ich die Leidenschaft für den bisweilen recht prosaischen Buchhändleralltag nicht aufbringen könnte.

Was hat sich in der Buchbranche in den letzten 25 Jahren verändert?

Es ist eine ruppige Amerikanisierung eingetreten. Die Bücher werden immer schneller ausgestoßen und nach einem halben Jahr sind dann die ach so tollen Bücher schon vergessen. Dabei ist das Verlagswesen noch eine relativ befriedeter Bereich in der Wirtschaft. Gute Literaturverlage, mit denen wir auch viele schwierige Phasen gemeinsam durchgestanden haben, beabsichtigen schließlich mehr als nur einen Ware-gegen-Geld-Tausch. Aber vielen Verlegern wird zurecht unterstellt, sie würden lieber Geld drucken als Bücher. In den 90er Jahren haben uns die Verlage noch hoffiert und uns den Start sehr leicht gemacht. Für eine Buchhandlung, die gerne Lesungen veranstaltet, sind die Autorenhonorare erheblich gestiegen. Sie haben sich gewissermaßen verdoppelt und die Spitzenhonorare sind noch höher. Aber wir als kleine Buchhandlung haben den schweren Seegang insgesamt besser verkraftet als die großen Buchhandlungsketten.

Sie sind unter die Verleger gegangen und haben zum 25. Jubiläum 150 Exemplare eines Buchs drucken lassen, auf dem steht „25 Jahre Literaturladen“.

Auf dieses Abenteuer, ein Buch zu verlegen, werde ich mich sicher nicht noch ein zweites Mal einlassen. Aber das war ich mir schuldig. Es handelt sich um mein Lebenswerk in Buchform. Das Buch gibt es nur bei uns im Laden und es kostet 25 Euro. Von der ersten Lesung an, die ich veranstaltet haben, bis heute hat uns der Fotograf Michael Lüder begleitet. Immer, wenn ich schlechte Laune habe, schaue ich mir seine Autorenfotos an und werde fröhlich. Wir hatten hier so wunderbare Schriftsteller zu Gast: Uwe Tellkamp und Christa Wolf, Wolfgang Hilbig und Judit Hermann, Paul Auster und Siri Hustvedt. Diese Autoren haben wir gebeten, uns Ihre persönliche Erinnerungen an die Lesung bei uns zu schicken. Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat uns am 13. April 2015 damit überrascht, dass sie einfach zu einer Veranstaltung gekommen ist, bei der wir ihre Texte lesen wollten. Sie hat gesagt: „Ihr habt mich früher auch stets eingeladen und es war immer schön bei Euch, auch wenn nur 20, 30 Leute da waren.“

Wie feiern Sie am Freitag (4. September) in der Reithalle in der Schiffbauergasse die 25 Jahre?

Die offiziellen Reden werden sehr kurz gehalten. Wir treffen uns mit denen, die für uns die wahren Helden sind, mit den Autoren und den Lesern. Wir sind der Schnittpunkt und am Freitag ist auch der Eintritt frei. Für die Autoren lesen stellvertretend Hartmut Lange vom Digogenes-Verlag. Den wollten wir schon immer mal haben und er hat ja auch einige Novellen geschrieben, die in Potsdam und Umgebung spielen. Und es kommt Terézia Mora, die für mich neben Herta Müller und Judit Hermann zu den drei großen Ladys in Deutschland gehört. Ihr neuer Band heißt „nicht sterben“. Das ist auch ein Motto für mich. Ich fühle mich als Frank-Castorf-Jünger, denn der hat mal gesagt: „Was konnten wir im Osten? Ficken und Lesen.“ Ich habe heute eine große Familie und einen Buchladen.

Große Ehre

Als kleine, inhabergeführte Buchhandlung wurde Carsten Wist gerade eine große Ehre zuteil. Wist – der Literaturladen wurde für den Deutschen Buchhandlungspreis 2015 nominiert. Mit dem erstmals vergebenen Gütesiegel sind 7000 Euro Preisgeld verbunden. Der Preis wurde von der Bundesregierung ausgelobt.

Carsten Wist wird sich bis zum 17. September nicht mehr rasieren. Dann entscheidet es sich bei einer Gala in Frankfurt am Main, ob sich seine Prämie noch auf 25 000 Euro erhöht und er zu einer der besten drei Buchhandlungen bundesweit gekürt wird. Die abergläubische Sitte hat sich der Sportenthusiast Wist bei den Eishockeyspielern abgeschaut, die auf diese Weise den Playoffs entgegenfiebern.

Carsten Wist wurde 1957 in Brandenburg geboren und hatte in der DDR aus politischen Gründen zunächst viele Probleme. Nach der Wende erwarb der angestellte Buchhändler mit Hilfe langjähriger Bankkredite vom Volksbuchhandel der DDR die Immobilie Brandenburger Straße/Ecke Dortusstraße. Außer seiner kleinen Buchhandlung beherbergt das Haus heute vier gewerbliche Mieter.

Von Karim Saab

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