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Wo blieb das Mädchen mit den Zöpfen?

Geheimnisvolle Familie Grün Wo blieb das Mädchen mit den Zöpfen?

Vor knapp fünf Jahren ist die Figurengruppe Familie Grün aus dem Potsdamer Stadtbild verschwunden. Präsent aber sind die Legenden, die sich um sie ranken. Die spannendste Frage: Was wurde eigentlich aus dem Mädchen mit den Zöpfen, das manchem als viertes Familienmitglied noch in Erinnerung ist?

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Die Figurengruppe Familie Grün kurz vor der Fertigstellung, das Bild erschien am 19. Juni 1980 in der Märkischen Volksstimme.

Quelle: Annelies Jentsch

Potsdam. Die Geschichte der Figurengruppe Familie Grün in der Brandenburger Straße begann mit einem Kriminalfall. Harry Horlitz (81), der in den 1970er Jahren als Obermeister der Kriminalpolizei zu Verbrechen wie dem Axtmord von Eichwalde oder dem verschwundenen Kind von Luckenwalde ermittelte, bekam um 1980 einen Tipp aus dem Potsdamer Milieu: Ein junger Mann aus Mahlow habe „der Familie Grün in seinem Suff mit einem Bierkasten die Köpfe abgehauen“.

Erika und Harry Horlitz haben abenteuerliche Erinnerungen

Erika und Harry Horlitz haben abenteuerliche Erinnerungen.

Quelle: Volker Oelschläger

Den Namen hatte Horlitz nicht, doch der Mahlower LPG-Vorsitzende habe sofort gewusst, um wen es gehen müsste: „Hat der schon wieder was ausgefressen!“ Der junge Mann habe es auch „gleich zugegeben“, sagt Horlitz, „schon im Auto nach Potsdam, als ich das erste Mal mit ihm gesprochen habe“.

Kurz nach der Ankunft im Polizeipräsidium in der damaligen Potsdamer Bauhofstraße seien zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit in sein Büro gekommen, hätten den jungen Mann und alle Akten mitgenommen. „Damit war die Sache für mich ausgestanden.“ An Details etwa zur Beschädigung der einzelnen Figuren könne er sich nicht mehr erinnern, das sei auch gar nicht Gegenstand seiner Ermittlungen gewesen.

Horlitz’ Frau Erika (77) meint sich zu erinnern, dass „die Kinder auf alle Fälle“ malträtiert wurden: „Da war ein Mädchen und ein Junge“, sagt sie. „Zum Schluss ist nur noch der Junge erneuert worden.“ Sie habe die Familie Grün gemocht: „Ich fand sie immer recht hübsch. Mit Besuch ist man da vorbei gegangen und hat die Geschichte erzählt.“ Oft genug habe sie im Vorübergehen leider auch festgestellt: „Ach, da ist schon wieder was demoliert.“

Carola und Joachim Buhlmann 2005 mit der Familie Grün

Carola und Joachim Buhlmann 2005 mit der Familie Grün.

Quelle: Michael Hübner

Mehr als 30 Jahre hatte die Figurengruppe Familie Grün der Fahrländer Keramikerin Carola Buhlmann (1926-2014) ihren Platz an der Brandenburger/Ecke Lindenstraße. Im November 2013 wurden Vater, Mutter und Sohn abgebaut, weil ihnen neben stetigen Schäden durch Vandalismus und Unfälle etwa durch rangierende Lkw auch konstruktive Mängel zu schaffen machten. Rasch wachsender Rost am Bewehrungsstahl im Inneren der Figuren drohte ganze Körperpartien zu sprengen. Eingelagert ist die Familie in der Werkstatt der Baudenkmalpflege Roland Schulze.

Doch obwohl sie seit fast fünf Jahren aus dem Stadtbild verschwunden sind, ranken die Legenden, sorgen die Figuren für Diskussionen, beflügelt auch durch die Nachricht vom möglichen Wiederaufbau der Gruppe. 30 000 Euro werden laut Stadt insgesamt benötigt, die noch fehlenden 20 000 Euro könnten im März mit dem Stadthaushalt freigegeben werden. Sicher ist, dass die originalen Figuren nicht mehr an ihren Platz zurück kehren. „Sie könnten wieder aufgestellt werden“, sagt Roland Schulze, „aber nicht mehr draußen.“ Für die Brandenburger Straße soll es robuste Nachbildungen geben.

Die Künstlerin Katja Buhlmann trägt ihr Haar noch heute in Zöpfen

Die Künstlerin Katja Buhlmann trägt ihr Haar noch heute in Zöpfen.

Quelle: Friedrich Bungert

Spitzfindig könnte man allerdings fragen, in welcher Stärke die Familie eigentlich zurück kommen soll. Denn in Potsdam hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es ursprünglich nicht nur drei, sondern vier Figuren waren. „Ich bin immer noch der Meinung, dass ganz zum Anfang die grüne Familie noch eine Tochter hatte“, schrieb der Potsdamer Richard Rabenstein in dieser Woche auf Facebook. Heidi Sommer erinnerte sich in dem Forum an ein „Mädchen mit Zöpfchen“. Und eine Nutzerin namens Ja NaTürlich vermutete: „Die muss Mitte/Ende der 1970er weggebracht worden sein! Oder?“ Nicht nur Erika Horlitz ist sicher, dass anfangs zwei Kinder mit ihren Eltern dort standen. Selbst Stadthistoriker Hartmut Knitter sagt auf Anfrage ohne Umschweife: „Es waren vier, natürlich.“

Genährt wird die Legende wohl durch den Umstand, dass das Künstlerehepaar Carola und Joachim Buhlmann (1924-2008) zwei Kinder hatte. Andreas (62) könnte der Junge, Katja (64) das Mädchen mit den Zöpfen sein. Doch die Künstlerin, die vor drei Jahren mit einer Werkstatt im Sonnenweg 1 nach Fahrland zurück gekehrt ist, sagt auf Anfrage: „Es waren bloß drei Figuren – von Anfang an.“ Roland Schulze, den man mit seinen Fachleuten als langjährigen Betreuer der Gruppe fast zur Familie rechnen möchte, wendet schließlich ein: „Ich habe auch noch nie ein Foto mit vier Personen gesehen.“

Carola und Joachim Buhlmann (r) 1979 in der Lindenstraße mit  den Entwürfen für Familie Grün

Carola und Joachim Buhlmann (r.) 1979 in der Lindenstraße mit den Entwürfen für Familie Grün.

Quelle: Christel Köster

Die älteste bekannte Aufnahme der Familie zeigt Carola und Joachim Buhlmann 1979 in der Lindenstraße, die Skizzen von Vater, Mutter und Sohn sind in originaler Größe auf Pappkartons an die Wand eines Geschäfts in der Lindenstraße gelehnt. In den Publikationen der Stadt wird schon seit Jahrzehnten 1982 als Ursprungsjahr der Keramikgruppe angegeben – beginnend bei dem 1998 erschienenen Buch „Kunst und Kultur – eine Bestandsaufnahme“ bis zu der 2015 erschienenen Broschüre „Kunst im öffentlichen Raum – Potsdamer Innenstadt“. Doch „1982, das stimmt auf keinen Fall“, sagt Katja Buhlmann. Tatsächlich erschien ein erstes Foto mit der Figurengruppe „kurz vor der Fertigstellung“ in der Märkischen Volksstimme bereits am 19. Juni 1980. Rathaussprecher Stefan Schulz räumte auf Anfrage ein, dass es dazu „Unklarheit“ gebe: „Wenn 1980 richtig ist, wird es verbessert.“

Komplettsanierung der Brandenburger Straße

Die Brandenburger, damals Klement-Gottwald-Straße wurde 1974 bis 1979 komplett saniert und zur Fußgängerzone. Die 1980 aufgestellte Familie Grün war Bestandteil der künstlerischen Neugestaltung.

Die Keramikfiguren wurden mehrfach schwer beschädigt. Vater Grün wurde 1989 von einem Lkw zermalmt. Für den Sohn musste nach schwersten Schäden Ende 2008 Ersatz geschaffen werden. Aktuell gibt es deshalb mit Vater, Mutter, Sohn und Zwillingsbruder vier Familienmitglieder.

Von Volker Oelschläger

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