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Wolkenkratzer auf dem Dorfanger

Kirche in Potsdam Wolkenkratzer auf dem Dorfanger

Seit 1952 gibt es die Bethlehemkirche auf dem Neuendorfer Anger in Babelsberg nicht mehr; sie wurde nach Kriegsschäden abgerissen. Ihre Glocken aber existieren noch. Fachhochschulstudenten haben jetzt mutige Entwürfe für einen neuen Glockenturm nebst Ateliercafé vorgelegt, in dem Hochzeitsgäste aus der benachbarten Angerkirche feiern können.

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Der „Wolkenkratzer-Turm“ von Liza Türk soll mit 55 Metern so hoch sein wie der Turm der früheren Bethlehemkirche auf dem Anger. Am linken unteren Bildrand ist Türks Galerie-Café zu sehen.

Quelle: Schüler

Babelsberg. Einen Glockenturm zu bauen in moderner Zeit, ist alles andere als einfach. Der Potsdamer Fachhochschulabsolvent Daniel Hanack musste das erfahren. Sein SHSP-Architektenbüro aus Berlin sollte vor sechs Jahren für die Dorfkirche von Melchow im Kreis Barnim einen bauen. Nach dem Vorbild italienischer Basiliken wollten die Architekten ihren Campanile einzeln neben die Kirche stellen, der man ihren Zweck gar nicht ansah. Doch es gab Bedenken gegen das ortsbildbeherrschende Cortenstahl-Bauwerk und seine Kosten; so dass es am Ende im Jahr 2014 ein roststählerner Dachreiter wurde.

So könnte es auch den 21 Studenten der FHP ergehen, die einen Glockenturm auf den Neuendorfer Anger von Babelsberg stellen wollen – ein Lebenstraum der kürzlich verstorbenen Schatzmeisterin des Fördervereins Alte Neuendorfer Kirche und Neuendorfer Anger, Irene Schwetasch. Sie wollte das erhaltene, dreiteilige Geläut der 1952 nach Kriegsschäden gesprengten Bethlehemkirche wieder auf den Anger holen und in einen Turm hängen, auf dass die Glocken wieder klingen über Babelsberg.

Die Bethlehem-Kirche mit ihrem 55 Meter hohen Turm wurde wegen Kriegsschäden 1952 gesprengt

Die Bethlehem-Kirche mit ihrem 55 Meter hohen Turm wurde wegen Kriegsschäden 1952 gesprengt.

Quelle: Archiv
Die Entwurfszeichnung von König Friedrich Wilhelm IV

Die Entwurfszeichnung von König Friedrich Wilhelm IV. für die Angerkirche und einen daneben frei stehenden Campanile.

Quelle: Archiv
Francesca Biagiola aus Italien hat sich mit dem Galerie-Café und dem Glockenturm streng an der achteckigen Neuendorfer Kirche (hinten) orientiert

Francesca Biagiola aus Italien hat sich mit dem Galerie-Café und dem Glockenturm streng an der achteckigen Neuendorfer Kirche (hinten) orientiert.

Quelle: Schüler
Die Angerkirche (l) und die später gebaute Bethlehemkirche

Die Angerkirche (l.) und die später gebaute Bethlehemkirche.

Quelle: Archiv

Die neogotische Bethlehem-Kirche war 1898/99 auf dem Anger nach Plänen Ludwig von Tiedemanns errichtet worden, weil die Industrialisierung zu einem enormen Bevölkerungszuwachs in Neuendorf geführt hatte und die Neuendorfer Kirche viel zu klein geworden war für die zahlreichen Christen des Ortes Nowawes, der damals noch nicht zu Potsdam gehörte. 55 Meter hoch war der Glockenturm und überragte das Angerkirchlein deutlich. König Friedrich Wilhelm IV. selbst hatte einen Entwurf für den Anger mit der Angerkirche gezeichnet: Ein Glockenturn steht bei ihm abseits daneben, viel höher als die Angerkirche. Nichts weniger als das wollen nun auch die Studenten schaffen. 55 Meter misst also auch die „Nadel“ von Liza Türk - ein Wolkenkratzerturm, der sich auf dem Weg zum Himmel von einem Quadrat über ein Sechseck zu einem Achteck wandelt; auch die Angerkirche hat acht Ecken.

Ausgerechnet zwei italienische Erasmus-Studentinnen der FH Potsdam haben sich konsequent am Oktogon der sanierten Kirche ausgerichtet: Francesca Biagiola stellt einen innen offenen Achteckturm neben ein achteckiges Galerie-Café, in dem man nach einer Trauung in der Angerkirche feiern und Kunst genießen kann. Und Maria Chiara Centenillo stellt ein voll dachverglastes Café-„Treibhaus“ neben ihren Achteckturm. Victor Braun schneidet die Kanten eines Quadrates zu einem Achteck ab, während Akhma Burenkhisig das Oktogon aus einem christlichen Kreuz formt. Bei Melanie Schwiwangers Galerie-Café schieben sich zwei „himmlische“ Vierecke zu einem „göttlichen“ Sechseck zusammen; sechseckig ist auch der Turm daneben. Turm und Café gehören bei allen Entwürfen zusammen, voneinander getrennt oder miteinander verbunden.

Groß und teils sogar großartig sind alle Entwürfe, zu groß für Potsdams Denkmalpfleger, die mehr Bescheidenheit verlangen. So fertigten einige Studenten auch mittlere bis kleine Türme an, bekamen aber Konstruktionsprobleme, weil die Glocken in den verengten Türmen nicht frei schwingen können und Seitenwände geöffnet werden müssen.

Wieviel Geld Irene Schwetasch schon für den Glockenturm hat sammeln können, will ihr Verein nicht offenbaren, doch der Vereinsvorsitzende Andreas Kitschke weiß eins schon jetzt: Diese Türme sind weder finanzierbar noch genehmigungsfähig durch die Denkmalpflege. Dabei will der Verein „viel mehr“ als die Denkmalpflege, weiß die Architektur-Professorin Martina Abri von der Fachhochschule, die das Projekt betreut. Da müssen die Studenten wohl noch mal ran und abspecken, wenn einer von ihnen die Chance bekommen will, den Turm zu bauen, mit oder ohne Galerie-Café. Vielleicht entstehen in der Verkleinerung ganz andere Visionen. Man darf gespannt sein auf den Februar 2016, wenn die letztgültigen Ideen auf den Tisch gelegt werden.

Die Kirchen auf dem Neuendorfer Anger

Auf dem Oval des Neuendorfer Angers hatte seit 1585 ein erstes Fachwerk-Kirchlein gestanden. Als es baufällig wurde, ging man südlich davon an den Bau der heutigen „Alten Neuendorfer Kirche“, die zu den eigenwilligsten Schöpfungen Friedrich Wilhelm IV. (1795 - 1861) gehört.

Dessen Skizze eines oktogonalen Zentralbaus mit Motiven der Kirche St. Gereon Köln ließ sein Hofbaurat Ludwig Ferdinand Hesse (1795 - 1876) in den Entwurf einfließen.

Ein anderer Baumeister der Schinkel-Schule, der Bauinspektor Christian Heinrich Ziller (1791-1868), leitete die Ausführung des unverputzten gelben Backsteinbaus in den Jahren 1850 bis 1852.

August Stüler (1800-1865) war an der Revision des Entwurfs beteiligt. Nach der Einweihung am 30. Januar 1853 folgte der Abriss der Fachwerkkirche.

Eine rasant anwachsende Industrie und der damit verbundene Bevölkerungsanstieg im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ließ die Kirche schon bald zu eng werden. 1872 baute man eine zweite Empore ein, doch folgte 1898/99 an der Stelle der einstigen Fachwerkkirche das dritte Gotteshaus auf diesem Platz. Nach Plänen des geheimen Regierungs- und Baurats Ludwig von Tiedemann (1841 - 1908) errichtete der Neuendorfer Bauführer Erich Riemasch (1877 - 1962) unter der Leitung von Arthur Kickton (1861 - 1944) die neugotische Bethlehemkirche mit einem seitlich angefügten, 55 Meter hohen Spitzturm.

Die nunmehr Alte Neuendorfer Kirche wurde entwidmet und diente fortan als Lager für mehrere Handwerker des Ortes. Als die Bethlehemkirche 1941 und 1945 infolge der Kriegseinwirkungen beschädigt worden war, erwog man, die Alte Neuendorfer Kirche zur gottesdienstlichen Nutzung wieder herzurichten, da deren Kriegsschäden immer noch beherrschbar erschienen. Aber die politische und wirtschaftliche Entwicklung in der Nachkriegszeit legte dann doch nahe, den Saal im nahen modernen Gemeindehaus (Schulstraße 8c) zu einem würdigen Kirchsaal auszubauen.

1952 sprengte man den um fünf Meter aus dem Lot geratenen Turm und die Reste des Kirchenschiffs der Bethlehemkirche. Heute ist ihr Grundriss als Ziegelschicht im Rasenplatz erkennbar.

Die nur noch aus ungedeckten Außenmauern bestehende Angerkirche wurden durch zahlreiche ortsansässige Firmen und Bürger zwischen 1999 und 2007 rekonstruiert und als nichtkirchliches Gebäude wieder der Öffentlichkeit übergeben. Seit dem 7. Juli 2007 finden hier Trauungen statt – die wichtigeste Einnahmequelle des Fördervereins.

Von Rainer Schüler

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