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Potsdam Ein letzter Wunsch: An die Ostsee fahren
Lokales Potsdam Ein letzter Wunsch: An die Ostsee fahren
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12:02 06.11.2018
Mit dem Wünschewagen kam Reimund Wolffs ein letztes Mal an die Ostsee. Seit zwei Jahren leidet er an einem Hirntumor. Bis zu vier Mal im Jahr war er früher mit seiner Frau Marina an der Ostsee. Quelle: Hannes Ewert
Zinnowitz

„Schau mal bitte zum Strand, dort sind so viele Fußspuren. Und hier, die kreischenden Möwen. Hörst du sie?“, fragt Marina Wolffs ihren Mann Reimund. Jahrelang waren die beiden selbst am Strand zwischen Zinnowitz und Trassenheide unterwegs und hinterließen durch unzählige Spaziergänge ihre Fußabdrücke im Sand. Doch an diesem Sonnabend kommen die beiden zum letzten Mal gemeinsam an den Ort ihrer Urlaubstage zurück. Ehrenamtliche Helfer des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) bringen den todkranken Ehemann hinauf zur Seebrücke, damit er sich seine letzten Wünsche erfüllen kann: Das weite Meer sehen. Die frische Luft genießen. Einen charmanten Witz erzählen. Solche Dinge, die das Ehepaar auch im Urlaub gemacht hat. Für die umstehenden Urlauber sind diese einfachen Dinge gewöhnlich, für die beiden außergewöhnlich.

Dass Reimund Wolffs nochmal die Möglichkeit hat, an die Ostsee zu kommen, ermöglicht der Wünschewagen des ASB. In jedem Bundesland gibt es davon einen. Der Krankentransportwagen mit umfangreicher medizinischer Ausstattung soll schwerstkranken Menschen einen letzten Wunsch erfüllen. Ob in die Berge, an die See oder zu Freunden: Kostenlos bringen sie die Betroffenen samt Begleitung dorthin. Finanziert werden alle Fahrten durch Spenden.

Noch mal an der Ferienwohnung vorbeifahren

Für Reimund Wolffs kurzen Tagesaufenthalt an der Ostsee gab es Bilderbuchwetter, so wie er es häufig an der Ostsee hatte. „Wir starteten am Morgen am Hospiz am Drachenkopf in Eberswalde, sind dann nach Trassenheide und durch unsere bekannte Ferienwohnungsiedlung gefahren“, so Ehefrau Marina. Die Panoramafenster des Wagens ermöglichen für die Patienten einen ungehinderten Blick nach draußen. Und so sollte es auch sein. Das Paar aus Bad Freienwalde, welches sich schon 43 Jahre kennt und seit 40 Jahren verheiratet ist, entdeckte die Ostsee kurz nach der Wende für sich als Urlaubsort. „Wir möchten mit dem Wünschewagen an die Orte zurückkommen, die uns so viel bedeuten. Bis zu vier Mal im Jahr waren wir hier“, sagt Ehefrau Marina. Ihr Mann erkrankte vor zwei Jahren an einem Hirntumor. Bestrahlungen und Therapien brachten leider nicht den gewünschten Erfolg.

Frischer Fisch und das Plätschern der Wellen

Neben der Seebrücke in Zinnowitz und der Rundfahrt durch die Feriensiedlung hatte Reimund Wolffs noch einen Wunsch: Fisch essen, am liebsten Hering – so wie er es aus dem Sommerurlaub kannte. „Wir sind nach Trassenheide in die Pommernstube. An dieser Stelle ein Dank an das Personal, welches uns so gut betreut hat“, sagt sie. Nach dem Mittagessen ging es nach Zinnowitz. Die kleine Digitalkamera war der ständige Begleiter von Marina Wolffs. Alle Augenblicke wollte sie im Bild festzuhalten. Die spiegelglatte Ostsee, der weite Blick zur Greifswalder Oie, der lupenreine Sonnenuntergang. Aber in Bilder sind die Momente gar nicht zu fassen. Der Geruch, das Plätschern der Wellen, die Gefühle und die Gewissheit, dass es der letzte Gang über die Zinnowitzer Seebrücke ist, ist nicht in Bilder zu fassen. Auf den Fotos lächeln beide, er hebt nochmal die Hand und winkt in die Linse. Genauso wie in den Urlaubstagen an der Ostsee. Es werden die letzten Fotos von Usedom sein. Wie lange ihr Ehemann noch lebt, ist eine Frage von Tagen.

Besondere Momente auch für die Helfer

Einer, der viele Ausfahrten des Wünschewagens begleitet, ist Manuel Möller. Der 32-Jährige ist gelernter Krankenpfleger und hing seinen Job in der Berliner Charité vor zwei Jahren an den Nagel, als er vom Wünschewagen hörte. Über eine Zeitungsanzeige kam er zum ASB. „Viele Patienten aus dem Raum Brandenburg möchten nochmal an die Ostsee. Rostock-Warnemünde, Kühlungsborn oder auch Usedom stehen ganz hoch im Kurs. Sie verbinden die Orte mit dem Urlaub, da sie diese noch aus DDR-Zeiten kennen“, erklärt er. Es gibt immer wieder besondere Momente, die auch die Helfer nicht vergessen. „In Ahlbeck haben sich ein todkranker Mann und seine Frau noch ein zweites Eheversprechen gegeben. Das war anrührend. So etwas gibt es auch nicht alle Tage“, sagt er.

Große Dankbarkeit der Angehörigen

50 Fahrten wurden in den vergangenen zwei Jahren – seitdem der Wagen in Brandenburg am Start ist – realisiert. „Oft muss es leider ganz schnell gehen, meist innerhalb von 48 Stunden“, sagt er. Denn viel Zeit bleibt manchen Patienten nicht mehr. „Viele hoffen, dass sie noch Zeit haben, aber oft sind es nur ein paar Tage“, sagt er. Er schätzt an seiner Arbeit vor allem die Dankbarkeit der Angehörigen. „Viele haben noch einen letzten Wunsch, wollen ihn aber nicht aussprechen. Bei uns haben sie die Möglichkeit, diesen Wunsch zu äußern. Wir tun unser Bestes, damit dies klappt“, erklärt er. Oft sind es nur die vermeintlich kleinen Dinge im Leben: Das Meer sehen oder alte Freunde besuchen. „In einem Fall wurden wir anschließend sogar zur Beerdigung eingeladen“, erzählt er.

Nach Sonnenuntergang ging es für das Ehepaar Wolffs und die Freiwilligen vom ASB wieder zurück nach Hause – für ihn ins Hospiz nach Eberswalde, sie in die eigenen vier Wände. Die letzten Sonnenstrahlen des wunderbaren Herbsttages erlebte Reimund Wolffs noch auf der Seebrücke in Zinnowitz. Einen Ort, der für ihn und seine Frau für immer etwas ganz Besonderes sein wird.

Hannes Ewert

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